Sieben Fragen an… Julia Raschke

…  unsere Auszubildende, die seit Ende August einen Abschluss als „Fami“ vorweisen kann.

1. Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zur bestandenen „Fami“-Prüfung. Was versteht man eigentlich unter einem „Fami“ und was halten Sie von dieser Abkürzung?

Vielen Dank, ich bin froh, das kann ich Ihnen sagen!
Was versteht man nun unter einem „Fami“? Ein „FaMI“ ist ein/e Fachangestellter/e für Medien- und Informationsdienste. Es gibt fünf Fachrichtungen dieses Berufes: Bibliothek, Archiv, Information und Dokumentation, Bildagentur und Medizinische Dokumentation. Zu den Aufgaben in einer Bibliothek gehören die Erschließung und insbesondere die Vermittlung von Medien und Informationen sowie deren Erwerbung, die Bestandspflege, die technische Bearbeitung und Ordnungs- und Sortierarbeiten.
Was die Abkürzung betrifft, bin ich etwas ratlos. Will heißen, ich finde sie ungelenk, habe aber keine Alternative parat, die ich anbieten kann. Was ist mit Ihnen? Irgendwelche Ideen?

2. Nein, mir fällt hierzu auch nichts ein. Sie haben vor dieser Ausbildung noch in anderen Branchen gearbeitet. Hatten diese einen Bezug zur Bibliothek, bzw. wie sind Sie zur „Fami“-Ausbildung gekommen?

Oha, Sie haben recherchiert! Ursprünglich komme ich aus den Branchen Theater und Film. In der letzteren bin ich dann im Bereich Kostümbild geblieben. Das waren abenteuerliche, intensive und gleichwohl unstete Jahre. Allem voran aber eine hervorragende Menschenschule, wie ich immer wieder feststellen kann. Ich hatte das Glück und die Gelegenheit in unerwartet mitreißende Produktionen zu geraten. Die Herzstücke dieser Zeit sind „Das weiße Band“ und „Die Päpstin“. Historisch zu arbeiten empfand ich immer besonders reizvoll, denn diese Projekte besaßen das größere Lernpotential. Vielleicht ist darüber eine Brücke zur Bibliothek zu schlagen – Stichwort Recherche: „Was wurde in welchem Jahrhundert wo, wie, woraus und von wem getragen?“ Ein Standardwerk diesbezüglich, das auch im heimischen Regal lungert, ist unter folgender Signatur in der Albertina zu finden: LH 78990 R121.
2010 gab es dann ein allumfängliches, nicht frei gewähltes Stopp. In diesen beinahe fünf Jahren bin ich ein gutes Stück gewachsen. Es brauchte Zeit bis Kraft und auch Wille wiederkehrten, verbunden mit der Einsicht andere berufliche Optionen ausloten zu müssen, um neu entstandene Grenzen zu achten. So stieß ich 2014 auf den FaMI-Ausbildungsberuf und fand grundsätzliche Parallelen zur Arbeit einer Kostümassistenz. Bücher & Co mögen Stoffe, Knöpfe und Kostüme abgelöst haben, aber es geht in beiden Berufen um korrekte, gründliche Zuarbeit, Bereitstellung und Pflege von Dingen auf strukturierte Weise und auch darum die Dinge wiederzufinden, einen Überblick zu haben und zu behalten. Allerdings brauche ich für die Arbeit in einer Bibliothek keine Regen- oder Winterkombi mit Gummistiefeln und Moonboots – das schätze ich mittlerweile sehr. Ich bewarb mich an der DNB (Deutsche Nationalbibliothek), der HTWK (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur), den Leipziger Städtischen Bibliotheken und an der UBL. Ihr wolltet mich dann und ich wollte euch. An den Anruf von Frau Bauer kann ich mich noch gut erinnern … Ja, so ist aus dem einstigen „Drehfertig!“ ein „Ausleihfertig!“ geworden.

3. Um welche Themen in der Ausbildung haben Sie einen kleinen oder auch großen Bogen gemacht?

Einen direkten Bogen tatsächlich um keines. Gleichwohl will ich aber zugeben, dass RDA mich streckenweise verdammt fuchsig gemacht hat und auch jetzt in der Anwartschaft auf das most wanted topic noch immer auf der Eselsbank sitzt. Vermutlich sitzen bleiben wird. Zum besseren Verständnis, RDA (Resource Description and Access) ist ein bibliothekarisches Regelwerk zur Katalogisierung von Medien.
Sagen Sie Frau Manns-Süßbrich, hätten Sie wohl ein Tässchen Earl Grey, vielleicht auch noch eine Honigwaffel? Wenn es keine Umstände bereitet … oh, vorzüglich!

4. Was war die größte Überraschung während Ihrer Ausbildung?

Die größte kurzweilige Überraschung war auf jeden Fall Herr Bernhard Schlink höchstselbst hier im Hause während der Buchmesse 2018. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder beruhigen konnte.
Die größte bis heute andauernde Überraschung war und ist für mich die Benediktinerabtei Maria Laach. Ein mehrwöchiges Praktikum führte mich in die geschichtsträchtigen Gemäuer der Mönche aus Laach, genauer gesagt in ihre Klosterbibliothek. Ich empfehle einen Blick auf die Website. Nur so viel an dieser Stelle, alles andere würde den Rahmen sprengen, diese Zeit war eine absolute Bereicherung für Verstand und Herz. Ich konnte meinen Status quo hinsichtlich des bereits erworbenen Wissens überprüfen und war überrascht, wie eigenständig ich dort im bibliothekarischen Sinn bereits arbeiten konnte. Das Timing stimmte einfach. Außerdem ist es immer gut hin und wieder die eigene Komfortzone zu verlassen, um den Blick aus einer anderen Perspektive auf sich selbst und sein Leben zu richten. Mittlerweile ist dieses Fleckchen in der Welt zum Kraftort für mich geworden, mit Menschen, die sich langsam, leise in mein Herz genistet haben. Und dafür bin ich dankbar. Sehr.

5. Wo ist Ihr Lieblingsplatz während der Pausen und welches Buch würden Sie da gern lesen?

Seit 25 Jahren bin ich treuherzige Donald Duck Enthusiastin – ich liebe diese Ente! Auf mehr kann ich mich in einer Arbeitspause nicht einlassen, deshalb ganz klare Antwort: für die Pause ein Lustiges Taschenbuch.

6. Woran haben Sie am liebsten gearbeitet?

Im zweiten Lehrjahr wurde die Ausbildung im Haus umstrukturiert und u. a. wurden die Sondersammlungen für die Azubis als Ausbildungsetappe mit auf den Plan geholt. Das fand und finde ich noch immer hervorragend. Wenn man das alles schon im Hause hat, dann beherzt ran da! Mir wurde der Briefwechsel der Herren Christian Fürchtegott Gellert und Johann Adolf Schlegel anvertraut. Diese Briefe waren bereits ediert, aber eben noch nicht in der Kalliope-Datenbank verzeichnet. Genau das wurde meine Aufgabe. Das heißt, ich habe die Originalbriefe vor mir gehabt und konnte mich im Lesen der Schrift aus dieser Zeit üben. Altdeutsche Schrift transkribieren zu können ist ein prüfungsrelevantes Thema in der Ausbildung. Nun war die Schrift der beiden Herren zwar nicht altdeutsch, aber dennoch ein gutes Training im Entziffern und packend war es allemal. Zum einen hat mich diese tiefe, aufrichtige Männerfreundschaft sehr berührt und zum anderen konnte ich es einfach nicht fassen, dass ich da jetzt sitze und diese Hinterlassenschaft in den Händen halten darf. So können Sie sich vielleicht vorstellen, dass ich gehörig glücklich darüber bin, in meinem ersten Praxisjahr in den Sondersammlungen und dem Handschriftenzentrum arbeiten zu dürfen.

7. Was ist für Sie persönlich das Besondere an der Bibliotheca Albertina?

Wie viel Zeit haben Sie mitgebracht?
1. Die Bestände. Alt und Neu unter einem Dach – leger gesprochen. Für mich heißt das: Bewahre das Alte und sei dem Neuen zugewandt. Dadurch bleiben die Dinge in Bewegung, in Veränderung, verfallen nicht dem Stillstand. So wie die UBL selbst.
2. Natürlich das Gebäude – also wem da nicht das Herz aufgeht, dem weiß ich auch nicht zu helfen.
3. Die Lernatmosphäre in der Albertina gefällt mir, die ist gut. Zur Vorbereitung auf die Prüfungen habe ich die Seiten gewechselt und mich zu unseren Nutzerinnen und Nutzern gesellt.
4. In regelmäßigen Abständen immer wieder eine neue Ausstellung im Haus, also quasi direkt am Arbeitsplatz, zu haben, das finde ich eine feine Sache!
5. Das Magazin 1.OG Ost. Dort befindet sich eine Ausgabe von Charlotte Brontë‘s „Jane Eyre“ aus dem Jahre 1850. Lit.brit.36-aio:1 und Lit.brit.36-aio:2.
6. Die „Allee“ mit der Dauerausstellung auf dem Weg ins Café Alibi. Und im Alibi selbst die Sitzmöglichkeiten in den Fensternischen, besonders bei Regen oder Schnee.
7. Der Büchergeruch im Offenen Magazin. In regelmäßigen Abständen muss ich davon eine Nase nehmen.
8. Das Tastaturgeklacker der Fleißmeisen im historischen Lesesaal. Dort ist der Hall ein anderer als in den restlichen Lesebereichen. Außerdem hat es mir die dortige sensationell große Bleistiftzeichnung angetan. Sie erinnert mich an die Bilder von Quint Buchholz.
9. Mir ist in der Albertina nie langweilig und so banal das auch klingen mag, ich gehe einfach jeden Tag gerne dort hinein.

Und abschließend: Was machen Sie, wenn es einmal nicht um Bücher geht?

Dann bin ich Batgirl.

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