Bestands- und Objektgeschichten erzählen, Unrechtskontexte aufarbeiten

Provenienzforschung an der UBL und ihre Vermittlung

Bücher, Handschriften und andere historische Schriftstücke erzählen viel mehr als die Geschichten der Texte und Bilder, die in ihnen zu finden sind. Zuweilen verraten sie uns auch etwas über ihre eigene (Vor-) Geschichte. So bezeugt beispielsweise ein Stempel mit der Inschrift „Zionistische Volks-Lesehalle und Bibliothek zu Leipzig“, dass der im Jahr 1900 erschienene Druck des hebräischen Lustspiels „ha-śorer be-veto“ („Der Herrscher im eigenen Haus“) von Israel Chaim Tawiow der „jüdischen Lesehalle und Bibliothek“ gehörte. Diese war eine von bislang neun in Leipzig für das beginnende 20. Jahrhundert nachweisbaren jüdischen Bibliotheken und Lesehallen. 1937 wurde sie mit der Gemeindebibliothek der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig zusammengelegt. Das gestempelte Exemplar ist das einzige derzeit bekannte Buch, das aus dieser vereinigten Gemeindebibliothek erhalten ist. Denn der Bestand wurde während der Novemberpogrome 1938 durch Feuer vernichtet.

Weiterlesen →

Organisationsentwicklung an der Universitätsbibliothek Leipzig

Mitarbeitendenversammlung

Die Mitarbeitenden der UBL waren in verschiedenen Formaten in den Organisationsentwicklungsprozess einbezogen. Auf den Mitarbeiterversammlungen wurde regelmäßig über die Ergebnisse berichtet. 

Ein Beitrag von Dr. Anne Lipp und Dr. Henriette Rösch

Die Universitätsbibliothek Leipzig blickt mit ihren 483 Jahren auf eine lange Tradition zurück, die auch darin besteht, sich laufend den Anforderungen, die sich aus der Veränderungsdynamik des Forschens, Studierens, Publizierens und Rezipierens ergeben, anzupassen. Diese Anpassungsleistung zeigt sich nicht nur an neuen Dienstleistungen oder der Umgestaltung der Lernräume, sondern muss sich auch in der Verfasstheit der UBL – sowohl in ihrer Organisationsstruktur als auch in den internen Abläufen widerspiegeln.

In den Jahren 2024 und 2025 fand zu diesem Zweck ein umfassender, extern begleiteter Organisationsentwicklungsprozess statt, der sowohl die Ablauf- als auch die Aufbauorganisation untersucht hat. Eine wesentliche Veränderung mit Blick auf die Aufbauorganisation der UBL ist die Gründung des neuen Bereichs „Open Science“ und mit Blick auf die Ablauforganisation die Einführung eines Rollen- und Prozessmodells.

Weiterlesen →

Wer Bücher schenkt, schenkt Welten

Autorinnen: Patricia F. Blume & Sophia Manns-Süßbrich

Alastair Jollans übergibt der UBL seine einzigartige Sammlung von Tauchnitz-Büchern und eröffnet neue Horizonte des englisch-deutschen Kulturtransfers

Das Tauchnitz-Fieber hat die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) erfasst. Die Ursache misst etwa 12 mal 16 Zentimeter, ist klein und handlich, oft in rotem Einband oder als unscheinbare Broschur mit zurückhaltender Gestaltung; darin der literarische Kanon des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Autor*innen aus Großbritannien und den USA. Dazu die Gebrauchsspuren von Generationen von Leser*innen.

Mit der Tauchnitz-Faszination hat sich die UBL bei dem Briten Alastair Jollans angesteckt. Er trug über Jahrzehnte eine umfangreiche und beeindruckende Sammlung von Bänden aus dem Leipziger Tauchnitz Verlag zusammen. Am 10. Juni 2026 übergibt er sie feierlich der UBL.

Weiterlesen →

Klaas Klever ist gefasst

Reaktionen auf unsere Warnung vor betrügerischen KI-generierten Büchern‎ beim Verlag „tredition“

Vor vier Wochen berichteten wir an dieser Stelle über verdächtige Bücher, die in mehreren Bibliotheken aufgetaucht waren. Sie sahen auf den ersten Blick wie normale musikwissenschaftliche und historische Fachbücher aus. Beim genaueren Lesen entpuppten sie sich als KI-generierter Textmüll. Die Autorennamen waren erfunden, die Texte enthielten gravierende inhaltliche Fehler und verwiesen auf nicht existierende Quellen. Wir stellten fest, dass ein Betrüger massenhaft pseudowissenschaftliche Fake-Bücher auf den deutschsprachigen Markt gebracht hatte, und nannten ihn Klaas Klever. Hier berichten wir, wie Klaas Klever überführt wurde, wie der Verlag „tredition“ reagiert hat und was Vertreter*innen der betroffenen Fächer dazu sagen.

Weiterlesen →

Forschungsdatenmanagement in der Praxis

Foto von Jakob Owens auf Unsplash; Foto von Jakob Owens auf Unsplash

Sieben Perspektiven aus der Wissenschaft

Seit Kurzem bietet die Universitätsbibliothek Leipzig ein kompaktes, modular aufgebautes Lernangebot zum Thema Forschungsdatenmanagement (FDM) an. In offen lizenzierten Videos werden die wichtigsten Grundlagen zu sechs zentralen FDM-Themen vermittelt: Forschungsdatenmanagement im Kontext von Open Science und guter wissenschaftlicher Praxis, Datenmanagementplan, Datenorganisation, Metadaten, rechtliche Fragen sowie Archivierung und Veröffentlichung von Forschungsdaten. Im ersten Teil des Blogbeitrags „Videobausteine für den Einstieg ins Forschungsdatenmanagement“ haben wir die Hintergründe des Projekts und die produzierten Erklärvideos vorgestellt.

Dieser zweite Teil des Blogbeitrags widmet sich nun sieben Interviews mit FDM-Praktiker*innen (Link zu YouTube), die in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Medienproduktion ergänzend dazu entstanden sind. Die Interviews zeigen, wie FDM in unterschiedlichen Disziplinen umgesetzt wird und verbinden auf diese Weise die theoretischen Inhalte der Erklärvideos mit konkretem Erfahrungswissen.

Collage mit Portraitfotos aller sieben interviewten Personen
Sieben FDM-Expert*innen berichten in Interviews aus der wissenschaftlichen Praxis
Weiterlesen →

How to Sell Bullshit Online (Fast)

Warnung vor dem Betrug mit KI-generierten pseudowissenschaftlichen Büchern am Beispiel „tredition“‎

Auf den ersten Blick wirken sie spannend, die musikwissenschaftlichen Bücher des Verlags „tredition“ aus Ahrensburg bei Hamburg. Da gibt es beispielsweise eine Biografie von Johann Christoph Bach (1642–1703), über den die Forschung bislang wenig weiß. Oder ein Werk über den bisher kaum beachteten Leipziger Musiktheoretiker, Komponisten und Professor am Konservatorium Salomon Jadassohn (1831–1902). Wenn Nutzende einer Bibliothek sich grundsätzlich für Musik, die Bach-Familie und Leipzig interessieren, sollte die Bibliothek diese Bücher anschaffen – oder?

So dachten offenbar die Verantwortlichen in Bibliotheken in Leipzig, Dresden, Weimar und Hannover, die laut Karlsruher Virtuellem Katalog Exemplare dieser Bücher besitzen. Sie sind einem Betrug aufgesessen. Dieser Beitrag erklärt die Masche und zeigt, wie Bibliotheken und Forschung damit umgehen. Betroffen sind jedoch nicht nur Profis in Bibliotheken, sondern potenziell alle Lesenden, Studierenden und sogar seriöse wissenschaftliche Autor*innen. Erhöhte Wachsamkeit ist gefragt!

Weiterlesen →

Jean Weidt – Masken des Widerstands

Unter dem Titel „Ich habe mich nie hinter einer Maske versteckt“ (Regie: Rainer Pavel) erschien 1984 ein Dokumentarfilm über das Leben des Tänzers und Choreografen Jean Weidt. Darin beschreibt der damals 80-jährige sein v. a. von der Diktatur des Nationalsozialismus geprägtes und bewegtes Leben zwischen Widerstand und Selbstverwirklichung. Das titelgebende Zitat Weidts rekurriert zugleich auf eines seiner prägenden choreografischen und gestalterischen Mittel: die Verwendung von expressionistisch überhöhten Gesichtsmasken, die den Tänzer*innen und ihren Bewegungen einen spezifischen Ausdruck verleihen und ein groteskes Körperbild erzeugen. In seinen Choreografien spielte er bewusst mit Physis und Leid des ausgemergelten Körpers. Verbunden damit waren immer auch die Suche nach einem menschenwürdigen Leben sowie eine politische Aussage, was ihm bereits sehr früh in seiner Karriere den Beinamen „der rote Tänzer“ einbrachte.  

Blickt man jedoch auf Weidts Biografie und sein Schaffen in der DDR, so stellen sich aus heutiger Perspektive einige Fragen. Inwieweit konnte er sich als überzeugter Kommunist und Künstler innerhalb des sozialistischen Systems verwirklichen? Hatte er auch hier mit Widerständen zu kämpfen? Wie bewegte er sich persönlich und künstlerisch zwischen Offenheit und (notwendiger) Maskierung? Wird Weidts Aussage „Ich habe mich nie hinter einer Maske versteckt“ in diesem Kontext zu einer verkehrten Selbstbehauptung? Diese Überlegungen standen im Zentrum der Vorbereitung der Ausstellung EinBlick #9: Jean Weidt / Masken des Widerstands und sollen in diesem Blogpost noch einmal vertieft werden.

Weiterlesen →

Videobausteine für den Einstieg ins Forschungsdatenmanagement

Neue Open Educational Ressources von der Universitätsbibliothek Leipzig

Gute wissenschaftliche Praxis beinhaltet auch einen planvollen und verantwortungsbewussten Umgang mit Forschungsdaten über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg: von der Planung und Erhebung der Daten, über die Aufbereitung und Analyse bis hin zur Veröffentlichung, Archivierung und Nachnutzung. Dies alles wird unter dem Begriff Forschungsdatenmanagement (FDM) zusammengefasst. Ziel ist, die Daten so zu organisieren, dass sie für die eigene Forschung und darüber hinaus auch für andere – sofern möglich und gewünscht – nachhaltig nutzbar sind.

Die Universitätsbibliothek verantwortet unter anderem die Konzeption, Koordination und Durchführung von Schulungen zum Thema FDM. Ergänzend dazu sind im Rahmen eines, durch das Sächsische Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus geförderten Projekts, audiovisuelle Lehr- und Lernmaterialien in Form von Videos entstanden. Diese möchten wir in diesem zweiteiligen Blogbeitrag näher vorstellen.

Weiterlesen →

Leipzig liest 2026

Bibliotheken locken nicht nur zum Lesen an, sie können auch Orte sein, an denen Worte gesprochen, Gedanken vorgetragen, Wissen diskutiert werden kann. Das bewährte sich beim diesjährigen Leipzig-liest-Programm in der Bibliotheca Albertina wieder. Es gehört einiges dazu, eine entsprechende Atmosphäre aufmerksamen Lauschens für Lesungen zu erzeugen: zuallererst großartige Autor*innen und ein großartiger Ort. Die Anerkennung gilt deswegen unseren gelandenen Gästen und ihren vorgestellten Büchern:

Weiterlesen →

KI: Ein Traum oder Alptraum für die Bibliothek?

Performante Hardware, effiziente Algorithmen, große Datenmengen: Drei Faktoren, die zur rasanten Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren beigetragen haben.

Das Prinzip der Künstlichen Intelligenz (KI) gleicht einem Traum, der durch große Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) erfüllt wird: diese können alle Bücher lesen, und sie tun dies in der Art eines seltsamen Spiels. Sie lesen den Anfang eines Satzes, verdecken das Ende und versuchen das nächste Wort zu raten und sie wiederholen dies milliardenfach. Das Ergebnis ist ein Modell von Sprache, welches dieses Spiel weiter führen möchte, auch mit der Beteiligung anderer, die eine Anfrage – ein Prompt – formulieren.

Weiterlesen →