Open Access bei Büchern – Mission (im)possible?

Ob Monographien, Handbücher oder Sammelbände – gedruckte Bücher sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften die zentrale Publikationsform und ein wichtiges Instrument der wissenschaftlichen Kommunikation. Insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen spielt die Auswahl des Publikationsorgans für die Qualifikationsarbeit eine wichtige Rolle für die zukünftige wissenschaftliche Karriere. Eine (digitale) Open-Access-Publikation ziehen viele dabei nicht in Betracht.

Dabei sind Open Access (OA) und Buchpublikationen keinesfalls unvereinbar. Zahlreiche renommierte wissenschaftliche Verlage wie De Gruyter, Peter Lang, Nomos oder transcript bieten die Möglichkeit an, die digitale Ausgabe des Buches – parallel zur Printausgabe – als OA-Publikation frei zugänglich zu machen (sog. goldener Weg des OA). Oft können Autor*innen mit ihrem Wunschverlag auch eine gebührenfreie OA-Zweitveröffentlichung über ein Repositorium – wie den Publikationsserver der Universität Leipzig – nach einer gewissen Embargofrist aushandeln (sog. grüner Weg des OA). Und bei nicht-kommerziellen, von Wissenschaftler*innen betriebenen OA-Verlagen wie Open Book Publishers oder dem mit der FU Berlin assoziierten Language Science Press fallen für OA-Buchpublikationen keine Publikationsgebühren für die Autor*innen an. Möglich ist dies dank kooperativer, auf Crowdfunding basierender Finanzierungsmodelle, bei denen Bibliotheken und weitere Förderer weltweit einen Teil ihrer Erwerbungsetats in solche OA-Projekte investieren. So unterstützt die UB Leipzig über die Plattform Knowledge Unlatched sowohl den oben erwähnten linguistischen OA-Verlag Language Science Press als auch weitere OA-Fachkollektionen wie Transcript OPEN Library Politikwissenschaft, Peter Lang IT-Recht, Knowledge Unlatched Select 2019 Books Collection sowie Routledge Gender Studies 2020–2022 und leistet damit einen substanziellen Beitrag für die OA-Transformation von Buchpublikationen.

Der neue PublikationsfondsMONO

Die autorenseitigen Publikationsgebühren (sog. Book Processing Charges – BPC), die kommerzielle Verlage für die OA-Stellung von Buchpublikationen erheben, können für Angehörige der Universität Leipzig seit diesem Jahr mit dem neuen Publikationsfonds für Monographien und Sammelbände der UB Leipzig finanziell unterstützt werden. Der Fonds ist jährlich mit 25.000 EUR ausgestattet und läuft in einer Pilotphase zunächst bis Ende 2021. Er ermöglicht die Förderung von OA-Publikationsgebühren bis zu einer Höhe von 3.000 Euro bei Monographien und Sammelbänden bzw. 1.500 Euro bei Beiträgen in Sammelbänden. Die Kombination der Förderung mit anderen Mitteln ist ebenfalls möglich. Damit können wissenschaftliche Autor*innen der Universität Leipzig (insbesondere aus den buchaffinen Geistes- und Sozialwissenschaften) das klassische hochwertige Printbuch mit den uneingeschränkten weltweiten Zugriffs- und Verbreitungsmöglichkeiten für wissenschaftliche Fachliteratur dank Open Access kombinieren. Also keine Mission impossible für Open Access bei Büchern mehr!

Dieses neue Förderangebot für OA-Publikationen stößt bereits auf Interesse bei Wissenschaftlern*innen verschiedener Disziplinen an der Universität Leipzig: Im laufenden Jahr wurden Förderanträge aus den Fachbereichen Rechtswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kommunikations- und Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Geographie und Slawistik gestellt. Die erste geförderte Buchpublikation – der Tagungsband „Vertragsrecht in der Coronakrise“ – erschien im Juni dieses Jahres. Im Interview mit der Blogredaktion berichteten die Herausgeberin und der Herausgeber über ihre Motivation zur OA-Veröffentlichung.

Weitere Anträge nehmen wir jederzeit entgegen und beraten Sie gern dazu. Alle Informationen zur Förderung stehen, wie gewohnt, auf unserer Webseite.

Das Open Science Office der UB Leipzig informiert
anlässlich der Open Access-Week 2020 in mehreren Blogbeiträgen
zu aktuellen Themen rund um Open Access.

4 Kommentare

  1. Tom Seyferth   •  

    Sehr geehrte Frau Dr. Slavcheva,
    sehr geehrtes UBL-Team,

    vielen Dank für die Darlegung Ihrer Position zum Thema. Mich interessiert, was Sie über die Fördersummen und die Qualitätssicherung des Publikationsfonds der UB Leipzig denken. Besondere Bedenken habe ich dabei bezüglich der folgenden zwei Punkte:

    1) Aktuell scheint der Fonds monetär gut ausgestattet zu sein. Bei steigender Antragszahl wird jedoch ein Auswahlprozess stattfinden müssen. Werden diesen dann auch die unter https://www.ub.uni-leipzig.de/open-science/open-access-fonds/oa-mongraphien-und-oa-sammelbaende/ (Qualitätssicherung) gelisteten „Rektoratsbeauftragten“ durchführen? Sind diese Beauftragten institutionell legitimiert – außer durch Anordnung des Rektorats?

    2) Wie stehen Sie zu der durch diesen Fonds bewirkten Austausch eines dezentralen und spezialisierten Verlagsnetzes durch ein zentrales staatlich gefördertes Organ, das direkten Einfluss auf die Möglichkeiten wissenschaftlichen Publizierens nehmen kann?

    Mit freundlichen Grüßen
    Tom Seyferth

    • Adriana Slavcheva   •  

      Sehr geehrter Herr Seyfarth,

      es freut uns sehr, dass Sie sich an der Open Acess-Transformation an der Universität Leipzig mit kritischen Nachfragen beteiligen wollen.

      Zu Ihrer ersten Frage kann ich Ihnen mitteilen, dass unabhängig von der finanziellen Ausstattung des Publikationsfonds für Monographien und Sammelbände die Anträge von Anfang an ein stringentes Auswahlverfahren durchlaufen, nach den Qualitätskriterien, die Sie richtigerweise auf unserer Internetseite gefunden haben. Die Qualitätskriterien werden in der Pilotphase des Fonds aufgrund der gesammelten Erfahrungen im Antragsgeschehen kontinuierlich evaluiert und in Abstimmung mit den Qualitätsbeauftragten des Rektorates bei Bedarf nachjustiert.

      Bzgl. Ihrer zweiten Frage würden wir gern genauer verstehen, worin Sie den „Austausch eines dezentralen und spezialisierten Verlagsnetzes durch ein zentrales staatlich gefördertes Organ“
      sehen. Die Autor*innen haben stets Publikationsfreiheit, wo (Publikationsorgan) und wie (closed oder open access) sie publizieren wollen. Der Publikationsfonds bietet lediglich finanzielle Unterstützung für bei Verlagen anfallenden extra Publikationsgrbühren für die Open-Access-Stellung ihrer Publikationen.

      • Tom Seyferth   •  

        Herzlichen Dank für Ihre Antwort. Zu Punkt 2 kann ich konkretisieren, welche Risiken ich in einer breit geführten OA-Offensive seitens einer Universität(sbibliothek) sehe.

        Verlage sind Unternehmen, die u.a. Gewinn erwirtschaften müssen, um überleben zu können. Die dafür notwendigen Umsätze werden von Vertretern von OA oft als „Wissensbarrieren“ bezeichnet. Ich möchte hier nicht auf den Punkt eingehen, dass öffentlich geförderte Publikationen auch öffentlich einsehbar sein müssten. Durch den Umsatzausfall jedoch, den Verlage zwangsläufig durch OA-Publikationen erleiden (und der momentan durch öffentliche Zuschüsse kompensiert wird), stehen sich meiner Meinung nach Verlage und OA-Server als Marktkonkurrenten gegenüber.

        Auch die Universität Leipzig hat öffentlich erklärt, OA zu unterstützen. (https://oa2020.org/mission/ , siehe Liste der Unterzeichner). Dazu gehört, mehr und mehr Publikationen ins OA-Format zu übertragen und vorhandenes Budget verstärkt dort zu binden. Lizenzen für Verlage oder analoge Neuanschaffungen sind also laut Plan zu kürzen.

        Sie haben recht, dass idealerweise jeder Autor frei entscheiden kann, wo und unter welchen Bedingungen er publizieren möchte. Einerseits benachteiligt jedoch eine öffentliche Subvention von OA die Verlage auf dem Marktgeschehen. Ein Doktorand überlegt sich gut, ob er 2000€ in einen Druckkostenzuschuss investiert oder nicht – VG Wort oder Steuererklärung hin oder her. Andererseits, wenn man das Konzept hinter der OA-Strategie zu Ende denkt, kann das Ziel nur sein, möglichst jede wissenschaftliche Publikation als OA-Publikation zu veröffentlichen. Wissenschaftliche Verlage bräuchte es dann nicht mehr (eine Universitätsbibliothek übrigens auch nicht, da reicht dann ein Serverrraum).

        Ist das einmal erreicht, stellt sich die Frage nach dem Zugang und der Kontrolle von Wissenschaft und Wissen. Neben den üblichen IT-Bedenken (Hacking von Datenbanken, Serverabsturz,…) muss man sich fragen: Wollen wir ein universitäres und damit letztlich staatliches Monopol auf die Zulassung von Wissen auf einen zentralen Server? Das Problem, das OA versucht zu lösen, schafft damit ein neues, möglicherweise viel schwerwiegenderes. Dieser Gedanke ist natürlich extrem in seiner Konsequenz, aber die friedliche Koexistenz von Verlagen und OA, die ich aus Ihrer Antwort herauslese, sehe ich so nicht.

        • Adriana Slavcheva   •  

          Sehr geehrter Herr Seyfarth,
          in Ihren Ausführungen thematisieren Sie viele klassische Vorbehalte gegen Open Access, auf die wir hier nicht einzeln im Detail eingehen können. Eine sehr gute Zusammenstellung von Antworten auf gängige Vorbehalte finden Sie auf der Informationsplattform open-access.net (https://open-access.net/informationen-zu-open-access/gruende-und-vorbehalte#c701).
          Einige der von Ihnen postulierten Zusammenhänge sind allerdings so nicht korrekt. Insbesondere ist Ihre These, dass sich „Verlage und OA-Server als Marktkonkurrenten gegenüber [stehen]“ würden, Verlage durch „eine öffentliche Subvention von OA“ benachteiligt seien und in der Endkonsequenz abgeschafft werden sollten, nicht aufrechtzuerhalten. Bei aller Kritik an den Geschäftsmodellen insbesondere der großen, z.T. börsennotierten Verlagskonzernen, bei denen man durchaus die Grundsatzfrage nach dem Zugang zu durch öffentliche Mitteln finanzierten Forschungsergebnissen stellen kann, ist das Ziel der OA-Transformation keinesfalls die Verlage abzuschaffen. Vielmehr versucht man diese gemeinsam MIT den Verlagen voranzutreiben, sodass sich OA nachhaltig als Standard für das wissenschaftliche Publizieren etabliert.
          Gern können wir Ihnen in einer persönlichen Beratung die verschiedenen Wege des OA und die weiteren Zusammenhänge detailliert erläutern, da sie in diesem Blogbeitrag bzw. in der Kommentarfunktion dazu naürlich nur ansatzweise skizziert werden konnten. Wir können einen Termin dafür unter openscience@ub.uni-leipzig.de vereinbaren.

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