Von Sternzeichen, Medaillons und Drehscheiben

Die magischen Handschriften der Universitätsbibliothek Leipzig

Schon lange ist die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) für ihre vielfältigen und hochwertigen historischen Sammlungen bekannt, die beispielsweise den Papyrus Ebers oder den Codex Sinaiticus einschließen. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass die UBL auch über eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen neuzeitlicher Handschriften zu den Themen Magie, Alchemie, Astrologie und Zauberkunde verfügt. Anlass genug, einen Einblick in diesen außergewöhnlichen Textkorpus zu gewähren.

Die UBL hält in ihrem Bestand, je nach Zählweise, rund 152 sogenannte magische Handschriften. Sie verteilen sich auf zwei große und mehrere kleine Provenienzen. Allen gemeinsam ist, dass sie um 1700 oder im 18. Jahrhundert geschrieben wurden. Der überwiegende Teil, 142 Handschriften, kam als Leihgabe der Leipziger Städtischen Bibliotheken 1962 in den Bestand der UBL und erregten erst kürzlich das öffentliche Interesse. Diese Sammlung geht im Kern auf den Leipziger Arzt Samuel Schröer zurück, der sie 1710 in einem gedruckten Auktionskatalog publizierte. Nachgedruckt wurde dieser Katalog 1732 von Friedrich Roth-Scholtz, der mit Schröer befreundet gewesen war.

Die Geschichte der in der UBL aufbewahrten Sammlung ist nicht ganz klar. Schon vor der Publikation des Auktionskataloges 1710 hatte Schröer Handschriften verkauft. Schröer verstarb 1716. Friedrich Roth-Scholtz kolportierte das Gerücht, dass die Sammlung von der Hofbibliothek in Dresden übernommen worden sei. Fest steht, dass die Bibliothek Schröers 1729 als Schenkung seiner Erben in die Universitätsbibliothek kam. Wann die Handschriften schließlich in die Ratsbibliothek gelangten, ist unklar. Sicher ist nur, dass dies zwischen 1710 und 1838 geschah. Robert Naumann hat die Handschriften schließlich signiert (Signaturgruppe: Cod.mag.) und sie in seinem gedruckten Katalog der Handschriften der Ratsbibliothek Leipzig 1838/1840 beschrieben. Aber nicht nur die Geschichte der Sammlung gibt einige Rätsel auf, sondern auch die Notiz von Roth-Scholtz, dass Schröer für die Sammlung 4.000 Reichstaler verlangt haben soll. Diese Notiz ist völlig unglaubwürdig, und selbst wenn sie stimmen sollte, hätte der Leipzig Rat (die Ratsbibliothek musste alle ihre Ausgaben vom Rat genehmigen lassen) niemals eine solche Summe dafür ausgegeben.

Um welche Inhalte handelt es sich bei den magischen Handschriften? In der Sammlung finden sich mehrere Texttraditionen. Dazu gehören Texte der Fausttradition, alchemistische Werke, Texte der Kabbalistik, der Astrologie und der Wahrsagerei. Diese Traditionen bewegten sich noch im Rahmen des zeitgenössischen „wissenschaftlichen Diskurses“. Rätsel geben hingegen die Texte auf, die sich tatsächlich mit Zauberei beschäftigen: so mit der Frage, wie mit Verstorbenen kommuniziert werden könne, mit Zauberhandlungen zum Auffinden von Schätzen, Zaubersprüchen für die erfolgreiche Jagd, für Liebeszauber und Geisterbeschwörung. Im Gegensatz zu Alchemie, Kabbalistik oder Astrologie, die im 16. und 17. Jahrhundert gleichsam gesellschaftlich erlaubte Modelle der Welterklärung waren, gehörten diese magischen Texte nicht mehr dazu. Magie meint in diesem Zusammenhang eine Form der Welterklärung, die von verborgenen, nicht unmittelbar sichtbaren Kräften ausgeht, die von dem Kundigen beschrieben und genutzt werden können.

Das zentrale Problem bei der Bewertung einer solchen Sammlung ist die Frage nach der Echtheit bzw. der Praxisrelevanz der Texte. Wenn die Anfertigung eines Gürtels beschrieben wird, der einen Liebeszauber bewirkt, wurden solche Praktiken dann tatsächlich durchgeführt?

Aber warum wurden diese Handschriften überhaupt gesammelt? Der unbekannte Vorbesitzer einer Textsammlung zur Magie aus der Zeit um 1700 schrieb dazu: „Die Stücklein, so ich hierinnen auß curiosität, umb derer blinden Leuten alberner aberglauben und deß Teufels schändliche Betrügerey zu wißen, auß andern abgeschrieben, werden von mir im geringsten nicht approbiret.“ (UB Leipzig, Ms.0389, Bl. 1r) Seit dem späten 17. Jahrhundert wuchs das Interesse an solchen magischen Texten massiv an. Dies lässt sich an den steigenden Druckzahlen nachweisen. Den gebildeten Zeitgenossen waren sie Zeugnisse des Aberglaubens und der Überwindung des aus ihrer Sicht dunklen Zeitalters, das seinen Höhepunkt in den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges gefunden hatte. Vernunft und wissenschaftlicher Fortschritt verdrängten zunehmend nicht-christliche Praktiken und vorwissenschaftliches Denken. Von der Ratsbibliothek wurden die Handschriften als Kuriositäten erworben, genauso wie eine ägyptische Mumie, Fossilien oder arabische Handschriften. Diese wurden zu Kuriositäten, bei deren Betrachtung die Gebildeten des 18. Jahrhunderts ihre vermeintliche Überlegenheit gegenüber den vergangenen dunklen Jahrhunderten verifizieren konnten.

Eine für 2019 geplante Ausstellung der UBL zur Leipziger Magica-Sammlung wird wohl auch über den Werdegang der Bücher weiteren Aufschluss bringen. Informieren können Sie sich bereits zuvor: Am 29. November um 19 Uhr findet eine Buchvorstellung mit Dr. Bernd-Christian Otto (Erfurt) statt, moderiert von Thomas Fuchs.

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