Wenn Bücher reden könnten … (Folge 5)

Ein Buch aus dem Besitz der Anglistin Helene Richter

Am 13. April 2022 ist der „Tag der Provenienzforschung“. Aus diesem Anlass soll an dieser Stelle wieder von der Forschung nach unrechtmäßig erworbenen Büchern an der Universitätsbibliothek Leipzig berichtet werden. Nachdem über ein drittmittelfinanziertes Projekt von 2008 bis 2011 Teilbestände der Bibliotheca Albertina aus dem Erwerbungszeitraum 1933–1973 durchgesehen wurden – die Ergebnisse sind u. a. in einem Ausstellungskatalog und im Katalog der UB sichtbar  – untersuchten die Projektmitarbeitenden auch nach dem Ende des Projektes weitere Bestände nach unrechtmäßig erworbenen Büchern, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt wurden.


In den vergangenen Jahren gehörte dazu auch die Durchsicht und Erfassung von Provenienzen in der Bibliothek Musik, die sich am Neumarkt 9–19 im Städtischen Kaufhaus in Leipzig befindet. Petra Barth, die Bibliothekarin vor Ort, hatte hier bei der Katalogisierung des dortigen Altbestandes zahlreiche individuelle Merkmale wie Exlibris, Stempel, handschriftliche Eintragungen usw. in Büchern entdeckt und an die Stelle für Provenienzforschung der UB Leipzig gemeldet.

Provenienzen in der Bibliothek Musik

der UB Leipzig

Die ca. 6.000 so erfassten Provenienzmerkmale wurden inzwischen überwiegend in den Katalog der UB Leipzig als exemplarbezogene Daten übernommen. Sie sind über die erweiterte Suche unter Provenienz recherchierbar. Dabei weisen zahlreiche Besitzvermerke auf bedeutende Erwerbungen von Privatbibliotheken hin, wie zum Beispiel auf die Musikaliensammlung des Leipziger Musikwissenschaftlers Eberhard Klemm, die 1994 erworben wurde. Diese Medien sind mit einem Exlibris gekennzeichnet.

Gefunden wurden jedoch auch Bücher und Musikalien deren Herkunft auf unrechtmäßigen Entzug in der Zeit des Nationalsozialismus verweisen. Eines dieser Bücher,  J. C. Eschmanns „Wegweiser durch die Klavier-Literatur“, herausgegeben von Adolf Ruthhardt, 6. Auflage, Leipzig 1905, hat auf dem Titelblatt einen besonderen Stempel mit dem Namen „Helene Richter“.


Christiane Hoffrath hat in „Bücherspuren – Das Schicksal von Elise und Helene Richter und ihrer Bibliothek im dritten Reich“ (Köln: Böhlau, 2009) ausführlich über die Geschwister Richter und über das Schicksal ihrer Bibliothek berichtet.

Gute Bildung, akademischer Wissensdrang

& finanzielle Unabhängigkeit

Die Schwestern Helene Richter, geboren am 4. August 1861, und Elise Richter, geboren am 13. März 1865, wuchsen in großbürgerlichen Verhältnissen einer assimilierten jüdischen Familie in Wien auf. Der Vater war Chefarzt der Südbahngesellschaft, die Mutter Hausfrau. Beide Schwestern wurden durch eine Privatlehrerin unterrichtet und erhielten eine gute Bildung. Eine akademische Laufbahn war der Wunsch beider, jedoch waren Frauen in dieser Zeit an Universitäten in Österreich noch nicht zugelassen. So bildete sich Helene als Autodidaktin zur Anglistin weiter und beschäftigte sich als erstes mit dem britischen Autor Percey Bysshe Shelley (1792–1822).

Elise Richter in Wien 1907

Elise, fünf Jahre jünger als Helene, durfte ab 1891 als Gasthörerin Vorlesungen der Universität Wien besuchen und ab 1897, als endlich auch Frauen an der philosophischen Fakultät der Universität zugelassen wurden, belegte sie Fächer wie Indogermanistik und Romanistik als ordentliche Hörerin. 1901 schloss sie ihr Studium als erste Frau an der Universität Wien mit einer Promotion ab. 1921 wurde sie zur außerordentlichen Professorin berufen und erhielt einen Lehrauftrag für romanische Sprachwissenschaften, Literatur und Phonetik.

Durch ein beträchtliches Erbe des Vaters konnten beide unverheiratet gebliebenen Schwestern gemeinsam ein Haus im Währinger Cottageviertel in Wien bauen und zahlreiche Reisen in Europa und Nordafrika unternehmen. Ab 1906 führten sie zudem einen wöchentlichen Salon, wo sich Künstler*innen und Gelehrte aus Wien trafen.

Die Schriftstellerin Helene Richter (1861-1942), retuschierte Fotografie von „Photo Fayer, Wien“.

Helene Richter schrieb zahlreiche biographische und literaturkritische Werke über Shelley (1898), Thomas Chatterton (1900), William Blake (1906), Georg Eliot (1907), Oscar Wilde (1912), George Bernhard Shaw (1913) und Lord Byron (1929) sowie eine dreibändige „Geschichte der englischen Romantik“ (1911–18). Viele davon sind bereits seit ihrem Erscheinen im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig.

Durch ihre Mitarbeit am Shakespeare-Jahrbuch entwickelte sich ihr zunehmendes Interesse an Theaterkritik und so veröffentlichte sie u. a. „Unser Burgtheater“ (1918) und „Joseph Lewinsky. 50 Jahre Wiener Kunst und Kultur“ (1925). 1926 wurde sie zur „Burgtheaterbiographin“ ernannt.

Beide Schwestern hatten ihr Leben lang gesundheitliche Probleme, die sich im Alter verstärkten, so dass sie sogar stundenweise eine Pflegerin einstellen mussten. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges hatten sie zu kämpfen, genügend Heizmaterial und Nahrungsmittel zu beschaffen. Elise Richter schrieb in ihren Erinnerungen:

„Jetzt gab es kein Obst und kein Brot – politische Ursachen. Kein Zucker aus Böhmen, kein Papier aus Deutschland – Zollgrenzen, politisch. Die Politik bestimmt Schuhe und Kleid, zensiert die Verbindung mit Freunden im Ausland, beschränkte die private nächtliche Arbeitszeit usw. Politik drang in die intimsten Familienverhältnisse. Schließlich war nur das Atmen noch frei und der fest im Hirn verschlossene Gedanke.“

Trotzdem forschten sie bis ins hohe Alter weiter, hielten Lehrveranstaltungen und publizierten und arbeiteten in den Bibliotheken Wiens. 1931 verliehen die Universitäten Erlangen und Heidelberg Helene Richter die Ehrendoktorwürde und die Stadt Wien die Ehrenbürgerschaft anlässlich ihres 70. Geburtstages.

Das Ex Libris der Schwestern Richter von 1907 – entworfen von Alfred Cossmann – symbolisiert die Gelehrsamkeit der Schwestern.

Mit dem sogenannten Anschluss Österreichs am 15. März 1938 an Deutschland veränderte sich die Situation für beide dramatisch. Entsetzt waren sie vor allem von den Wienern, die den neuen Machthabern entgegenjubelten. Mit dem Anschluss waren den Nationalsozialisten weitere 206.000 Juden in die Hände gefallen. Auch die christlich erzogenen Schwestern waren im Sinne der Nürnberger Rassengesetze Juden, denn sie hatten drei jüdische Großeltern. Jeden Tag wurde es nun für die Schwestern schlimmer. Ihnen wurde der Zutritt zur Universität verwehrt und die Nutzung der Bibliothek verboten.

finanzieller Ruin und Deportation

Innerhalb kurzer Zeit standen sie vor dem finanziellen Ruin. In der Folge mussten sie Teile ihrer Bibliothek verkaufen. Gemeinsam waren sie im März 1942 gezwungen, in ein jüdisches Altersheim zu ziehen und sich damit von weiteren Büchern ihrer Bibliothek zu trennen. Im Oktober des gleichen Jahres wurden beide in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Helene starb dort wahrscheinlich am 8. November 1942, Elise wenige Monate später am 21. Juni 1943.

Der Verkauf der Bibliothek an die Stadt- und Universitätsbibliothek Köln ist durch den Erhalt der Akten gut dokumentiert und kann im Buch von Christiane Hoffrath nachgelesen werden. Unser Buch wurde in die Bibliotheca Albertina in das Magazin der Sondersammlungen umgesetzt und wird aus Bestandsschutzgründen nur in den Forschungslesesaal ausgeliehen. Außerdem wird das Exemplar als Bestandteil der virtuellen Wiederherstellung der Bibliothek der Geschwister Richter aufgenommen. Eine Restitution ist gegebenenfalls gemeinsam mit der Stadt- und Universitätsbibliothek Köln vorgesehen.

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