243 Tage als Volontärin

Als ich im Oktober 2020 mein Volontariat begann, schien die Sonne, es war noch warm und die Stühle in den Lesesälen der UB Leipzig noch besetzt. Sogar das Café Alibi in der Albertina hatte noch geöffnet.

Ach ja, gutes Stichwort: Albertina. Früher, also bevor ich hier Mitarbeiterin wurde, waren für mich „UB“ und „Albertina“ das Gleiche, Synonyme. Ganz schnell musste ich jedoch lernen, dass das so nicht stimmt. Die UB ist alles, alle Standorte und die Infrastruktur. Die Bibliotheca Albertina ist dabei nur ein, zugegebenermaßen großes, Rädchen im (großen) Bibliotheksgetriebe. Steter Tropfen höhlt den Stein und so geht es mir allmählich dank der freundlichen Unterstützung der Kolleg*innen in Fleisch und Blut über: Albertina ≠ UBL.

Ausbildung in der Pandemie

Apropos Kolleg*innen: Von ihnen wurde ich sehr offen empfangen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Zeit sie sich für mich und meine Fragen nehmen. Noch die scheinbar simpelste (Nach-)Frage wird mit Geduld und Wohlwollen beantwortet und der „frische Blick von außen“, an einigen Stellen muss ich gestehen wohl auch ein sehr naiver Blick, wird sehr geschätzt.

In den letzten Wochen und Monaten wurde ich in die verschiedensten Anwendungen wie den Chat, das Ticketsystem oder die bibliothekarischen Verwaltungssysteme einführt. In zahlreichen Gesprächen wurden mir zudem bibliothekarische Sachverhalte und Zusammenhänge erklärt, anfangs noch persönlich, dann persönlich mit Maske und dann bald nur noch online. „Leider“ muss ich sagen, denn ein Volontariat online zu gestalten, ist gar nicht so einfach.

Nicht alles lässt sich über die Mattscheibe erklären, manches muss man vor Ort einfach mal machen und der Kopf schwirrt einfach nur noch nach dem vierten Online-Meeting am Tag. Daher hoffe ich sehr auf den Umkehrtrend, der sich zusehends abzeichnet: Von online, zu persönlich mit Maske, zu persönlich. Dann sehe ich auch endlich, wie die Kolleg*innen eigentlich im realen Leben aussehen, nicht nur in 2D. Viele von Ihnen, die diese Zeilen jetzt lesen, wissen ganz bestimmt sehr genau, was ich meine, insbesondere die Studierenden.

Ich bin übrigens seit Oktober auch wieder Studentin. Eigentlich findet das berufsbegleitende Masterstudium der „Bibliotheks- und Informationswissenschaften“ am IBI vor Ort in Berlin statt, doch auch hier war schnell klar, dass an Präsenzveranstaltungen für eine lange Zeit nicht zu denken ist. Die Probleme und Hindernisse eines reinen Online-Studiums sind mir also durchaus bekannt, nur habe ich den Vorteil, dass ich, anders als „richtige“ Studienanfänger*innen, nicht mehr in dem Maße auf neue Sozialkontakte angewiesen bin, zumal ich den Anschluss an der UB habe. Dennoch haben der Beziehungsaufbau und die kollegiale Vernetzung unter den Studierenden trotz mancher Abstriche auch online erstaunlich gut funktioniert. In den Lehrveranstaltungen wird meist rege diskutiert, ob schriftlich im Chat oder mündlich per Wortmeldung und manchmal geht es auch ganz schön durcheinander, was für die Dozierenden mit Sicherheit nicht immer leicht zu managen ist.

Studium mit Praxisbezug –

Praxis mit theoretischem Fundament

Vor dem Studium hatte ich, um ehrlich zu sein, ganz schön Respekt. Wie lange habe ich nicht mehr pauken müssen?! Praxis und Theorie miteinander zu verbinden, abzugleichen, Anregungen zu bekommen, Grenzen von Theorien in der Praxis zu identifizieren und gemeinsam zu diskutieren haben allerdings von ihrem Reiz nichts verloren. Das Studium empfinde ich wirklich als eine Bereicherung und gute Ergänzung zur Praxisausbildung.

Eine andere Beobachtung aus dem digitalen Studium ist, dass die Dozierenden zugleich erstaunt und erfreut sind, weil so viele von uns Studierenden die Kameras bei den Online-Veranstaltungen angeschaltet lassen – trotz der hohen Beanspruchung des Netzes. Die Wenigsten empfinden es als schön, in einen schwarzen Bildschirm ohne direktes Feedback von den Zuhörenden zu sprechen. Wir Studierenden lernen uns dadurch ebenfalls besser kennen und in den diversen Breakout-Sessions (virtuelle Gruppenarbeit) trifft man so schnell bekannte Gesichter wieder. Hier und da ist auf diese Weise sogar ein zartes freundschaftliches Pflänzchen gewachsen.

Die Themen sind vielfältig: von Bestandsaufbau und Informationsaufbereitung bis zu Bibliotheksbenutzung oder Datenschutz, um nur wenige zu nennen. Das erworbene Überblickswissen wird dann in der praktischen Ausbildung vertieft und wirkt sich positiv auf die Qualität und Tiefe meiner Fragen an die Kolleg*innen mit Spezialwissen aus. Nur das Büffeln für die Klausur war echt anstrengend, auch der äußeren Umstände wegen. Im Dezember wurden die Kitas und Schulen geschlossen und als Mutter hat mich das wahrlich an meine persönliche Belastungsgrenze gebracht. Homeoffice, Homeschooling und Homekita sind nicht vernünftig unter einen Hut zu bekommen, schon gar nicht so, dass man den zahlreichen und den eigenen Anforderungen wirklich gerecht werden kann. Auch wenn es inzwischen ein trauriger Gemeinplatz ist, litten am meisten die Kleinsten.

Leerer Lesesaal West im Winter.
Die leeren Lesesäle im Winter waren ein wahrlich trauriger Anblick.

Aber der Silberstreifen am Horizont wird immer breiter, die Sonne scheint länger, die Inzidenzen fallen und die Impfquote steigt. Ich bin jetzt im zweiten Semester, vielleicht klappt es dieses Jahr noch mit einem Studientag vor Ort in Berlin und dem persönlichen Kennenlernen der Kommiliton*innen. Es bleibt zumindest spannend.

Im Dschungel der Fachbegriffe

So wie die Inhalte des Volontariats. Am Anfang habe ich den Bibliotheksbetrieb ganz allgemein kennengelernt und ganz viele Fachbegriffe gelernt. Fachbegriffe und Abkürzungen – du meine Güte! Durch mein früheres Berufsleben war ich schon einiges gewöhnt, aber der Backstagebibliotheksbetrieb zeigt in dieser Hinsicht dann doch seine ganz eigenen Härten. Hatte ich es am Anfang mit einem undurchdringlichen Dickicht an Fachbegriffen zu tun, lichtet sich nun allmählich der Wald und tun sich zugleich immer neue Abgründe auf. War mir OA (Open Access) bereits vor meinem Volontariat ein Begriff, wusste ich mit RVK (Regensburger Verbundklassifikation), IIIF (International Image Interoperability Framework) oder finc (find in catalogue) wirklich nichts anzufangen und das sind für mich noch die leichten Vokabeln. Mein Vorgänger sammelte alle bibliotheksspezifischen Abkürzungen, die ihm unterkamen. Die Liste endet bei Nr. 321. Es ist wahrhaft wie der süße Brei im Märchen.

Nach der allgemeinen Einführung war ich zunächst im Bereich Benutzung/Service aktiv, habe den Chater*innen virtuell über die Schulter geschaut und mir erklären lassen, wie Nutzer*innenverwaltung und Ticketsystem funktionieren. Aktuell „durchlaufe“ ich einzelne Standorte der UBL und begreife so das heterogene Bibliothekssystem immer besser. Viele Treffen, die nur in Präsenz Sinn ergeben, wie die Bücheraushebung in den Magazinen oder der Thekendienst in der Bibliotheca Albertina, mussten verschoben werden und warten noch auf bessere Zeiten.

Die Organisation des digitalen Schreibtags ist echte Teamarbeit.

Andere Aufgabenbereiche waren dagegen problemlos durchführbar oder konnten gar vorgezogen werden. So lernte ich die tollen Online-Formate der UB Leipzig besser kennen und konnte z. B. bei der Organisation des Schreibtags im März mithelfen, unterstütze das Blogteam und bringe mich in die AG Informationskompetenz der UB bestmöglich ein. Seit Kurzem habe ich zudem das Fachreferat Kulturwissenschaften übernommen und arbeite mich hier immer weiter ein. Ich erwerbe gedruckte und elektronische Medien und entwerfe gerade einen Moodle-Selbstlernkurs für Kulturwissenschaftler*innen, damit sie all die unterschiedlichen Recherchemittel und -methoden noch besser in Breite und Tiefe kennenlernen und anwenden können. Als KuWi-Alumna sind mir die Fallstricke eines so breit angelegten Studiums noch durchaus bekannt.


Und was steht für die nächsten 487 Tage noch an? In der praktischen Ausbildung erwarten mich Bereiche wie die Sondersammlungen, die Medienbearbeitung und elektronische Dienstleitungen. Im Hinblick auf das Studium denke ich zudem schon langsam über ein geeignetes Thema für die Masterarbeit nach, auch wenn ich gerade erst in der Mitte des Studiums und des Volontariats stecke. Die ersten neun Monate meiner Zeit an der UB Leipzig vergingen so schnell, dass es dafür gefühlt höchste Eisenbahn wird und die Abgabe schon übermogen ist. Aber bis es tatsächlich soweit ist, kann ich noch viel in der Bibliothekswelt lernen und vielleicht sehen wir uns dann an der Theke.

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