Ausstellung aus Anlass des 100. Gründungsjubiläums der Leipziger Goethe-Gesellschaft (7. November 2025 bis 1. Februar 2026)
Schon wieder Goethe? Ja und nein. In Leipzig, dem Ort, wo der junge Jurastudent aus Frankfurt drei prägende Jahre seines Lebens zugebracht hat, fanden des Öfteren Ausstellungen statt, die ihn in den Mittelpunkt stellten: die erste 1849 zum 100. Geburtstag, die beiden letzten 1999 zum 250. Geburtstag Goethes. Diesmal aber ist der Fokus ein anderer, es geht nicht eigentlich um den „Dichterfürsten“, sondern um kulturelle Praktiken und die Bedeutungen, die Literatur und Autoren (seltener Autorinnen) in bestimmten historischen Kontexten zugeschrieben werden. Anlass ist das 100-jährige Bestehen der Leipziger Goethe-Gesellschaft. Hinzu kommt ein weiteres Jubiläum: Vor 200 Jahren wurde in Leipzig der Börsenverein des deutschen Buchhandels gegründet. Die Stadt veranstaltet deshalb 2025 das Themenjahr „Mehr als eine Geschichte. Buchstadt Leipzig“, und die UB Leipzig leistet mit der Sonderausstellung Dichterikone in der Bibliotheca Albertina ihren Beitrag zum Programm dieses Themenjahres.
Nationaldichter

Foto: Katrin Löffler
Ein wichtiger Kontext der Ausstellung ist die Geschichte der Dichterverehrung, besonders das Kreieren von Nationaldichtern. Goethe, der bereits zu Lebzeiten hoch verehrt wurde, stieg nach der Reichseinigung 1871 zum Nationaldichter auf. In dieser „Funktion“ repräsentiert seine Porträtbüste über dem Eingang der 1912 gegründeten und 1916 eingeweihten Deutschen Bücherei die deutsche Literatur.
Das war kein singulärer Vorgang, in Europa lassen sich in vielen Ländern ähnliche Prozesse beobachten. Mit dem Aufkommen des modernen Nationalstaates stieg der Bedarf an politischen wie auch kulturellen Leitfiguren. In Polen ist es beispielsweise Adam Mickiewicz, in der Ukraine Taras Schewtschenko und in Italien Dante Alighieri. Auffallend ist, dass in Osteuropa das Phänomen des Nationalschriftstellers eng mit dem Kampf um politische Unabhängigkeit und eigenständige kulturelle Identität verknüpft ist.
Sammeln, erforschen, verehren, vermitteln
Gleich vier Verben im Ausstellungstitel, aber jedes ist wichtig. Das Sammeln von frühen Drucken und Autographen Goethes legte die Grundlage für die wissenschaftliche Forschung zu Goethe und die Edition seiner Schriften. Man stößt in der Ausstellung auf die vielen Fäden, die Sammler und Forscher miteinander verbanden. Die Sammler profitierten von der fachlichen Kompetenz der Forscher, und umgekehrt profitierte die Forschung von den privaten Sammlungen. Eng damit verbunden ist der Autographenhandel, der sich im 19. Jahrhundert zum eigenständigen Zweig des Antiquariats entwickelte. In Leipzig als der Buchstadt in Deutschland etablierten sich bedeutende Antiquariate, die (auch) mit Autographen handelten. Hier erschien 1856 das erste Handbuch für Autographensammler, das wertvolle Tipps für den Erwerb, die Aufbewahrung und Katalogisierung der Schätze vermittelte.

Die intensive Goethe-Verehrung im 19. Jahrhundert mit ihrer Blüte im Kaiserreich wurde von manchen Zeitgenossen als „Goethe-Kult“ kritisiert. Um 1900 wurde Goethe nicht nur von verschiedensten literarischen und philosophischen Strömungen in Anspruch genommen, sondern auch für den individuellen Gebrauch in kleiner Münze ausgegeben, und zwar in Form von Publikationen wie dem Goethe-Kalender oder dem Goethe-Brevier, die Goethe-Zitate quasi für die tägliche Erbauung aufbereiteten. Es gibt zudem ein verbreitetes populäres Phänomen der Rezeption: Stammbücher und Poesiealben mit ihrer rezeptionsgeschichtlich aufschlussreichen Zitatkultur.


Veranstaltungshinweis:
Wer zu Hause ein Poesiealbum unter den Erinnerungsstücken hat, ist am 1. Februar 2026 herzlich zu einer Kaffeerunde im Fürstenzimmer eingeladen. Jörg Graf, Leiter der Restaurierungswerkstatt der UB Leipzig, wird seine Poesiealben-Sammlung vorstellen und gern mit Ihnen ins Gespräch kommen.
Der vierte Schwerpunkt führt dann zur Leipziger Goethe-Gesellschaft und zu einzelnen Persönlichkeiten, die sich um die Vermittlung Goethes verdient gemacht haben und die es immer wieder aufs Neue braucht, denn der Klassikerstatus ruft auch Ermüdungserscheinungen hervor. Die Leipziger Goethe-Gesellschaft besteht trotz mehrerer politischer Systemwechsel seit nunmehr einhundert Jahren. Den größten Zulauf mit rund 1.800 Mitgliedern hatte sie in der NS-Zeit. Offensichtlich bot sie mit ihren Veranstaltungen Orientierung und ein Refugium, das mit Goethes weltbürgerlicher Haltung und kultureller Offenheit der NS-Ideologie etwas entgegenzusetzen hatte. Heute ist die Leipziger Goethe-Gesellschaft die älteste literarische Vereinigung der Stadt. Nach der Wende sind weitere Vereine gegründet worden, die einen Autor bzw. eine Autorin – Lene Voigt (Frauen sind in der Minderzahl) – in den Mittelpunkt stellen. Ihre ehrenamtliche Arbeit ist wichtig für das literarische Leben der Stadt, auch darauf soll unsere Ausstellung aufmerksam machen.
Was wird gezeigt?
Natürlich sind Objekte aus den Sondersammlungen der UB Leipzig zu sehen, sogar eine echte Goethe-„Reliquie“. Private Schenkungen waren damals und sind auch heute noch wichtig für Institutionen, die wie die Universitätsbibliothek Speicher des kulturellen Gedächtnisses sind. Aber es geht nicht in erster Linie um Zimelien. So wird beispielsweise nicht nur die wertvolle „Leipziger Liederhandschrift“ gezeigt, sondern auch die Urkunde, mit der sich der Verleger und Goethesammler Salomon Hirzel den Kauf durch gleich vier Zeugen bestätigen ließ.
Friedrich Zarncke, ein bedeutender früher Leipziger Germanist, musste noch ohne elektrisches Licht seine Augen strapazieren, um Goethes Bleistiftnotizen im Notizbuch der schlesischen Reise von 1790 zu entziffern. Die Infrarotfotografie einer Seite zeigt, wie moderne Technik die Arbeit heute erleichtern kann.


Zu entdecken sind außerdem Objekte aus einer bislang noch nie gezeigten Faust-Sammlung, Zeugnisse des Autographenhandels, Bücher von Leipziger Autoren, die um 1900 auf Goethes Spuren durch Italien und Thüringen reisten (der Beginn der literarischen Reise?) und vieles andere mehr. Dieser Beitrag kann nur schlaglichtartig beleuchten, was gezeigt wird. Am besten, Sie besuchen unsere Ausstellung selbst. Und auch der Blick in den Katalog und ins Begleitprogramm lohnt sich.




