Ein Bücherregal voller Originale über dem heimischen Schreibtisch

1. Der Altbestand als historischer Quellenfundus in Zeiten eingeschränkter Zugangsmöglichkeiten

In den Zeiten von Home-Office und virtuellem Studienbetrieb, in Zeiten, in denen größere Reisen nicht oder nur sehr beschränkt möglich sind, benötigt das wissenschaftliche Arbeiten mehr denn je Hilfsmittel und Möglichkeiten, die vorhandene Distanz virtuell zu überbrücken. Im Bereich der Versorgung mit aktueller Forschungsliteratur liefern E-Medien, Open-Access-Publikationen oder auch Fernleihe und Dokumentlieferdienste wichtige Formen, um trotz örtlicher Trennung schnell und direkt an die gewünschten Medien zu gelangen. Wie sie funktionieren und vor allem welche zusätzlichen Möglichkeiten während Covid19 vorhanden sind, haben zahlreiche Beiträge in unserer Rubrik ubleipzig@home ausführlich beschrieben. 

Anders stellt sich die Situation beim historischen Bestand dar. Die UB Leipzig bewahrt umfangreiche Sonderbestände auf, zu denen Objekte gehören wie Papyri und Ostraka, mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, Nachlässe und Autographen, orientalische und hebräische Handschriften, Inkunabeln und Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts, Portraitstiche sowie antike, mittelalterliche und neuzeitliche Münzen.

In der Regel stellen diese Objekte unikale Zeugnisse mit jeweils eigenem Quellwert dar: Eine mittelalterliche Handschrift beispielsweise gibt es in ihrer Textzusammenstellung, in ihrer ganz eigenen Machart für einen spezifischen Rezeptionskontext nicht noch ein zweites Mal.

Seit der Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts existieren zwar mehrere Exemplare einer Druckausgabe, aber auch hier stellen die einzelnen Exemplare wegen ihrer Besitzgeschichte, Bindung oder ihrer Benutzerkommentare einzigartige Quellen dar. Diese Unikate können also nicht einfach dadurch ersetzt werden, dass ein Exemplar aus einer anderen, besser erreichbaren Bibliothek verwendet oder zur Verfügung gestellt wird. Auch eine Fernleihe ist bei solchen Objekten aufgrund ihres Alters und ihres Werts nicht möglich. Ein schnelles Ad-hoc-Digitalisieren ist aufgrund der verbundenen Anforderungen an Bestandsschutz, Lagerung, Positionierung und Ausleuchtung bei der Digitalisierung ebenfalls nicht möglich.

Umso bedeutsamer ist, dass von diesen einzigartigen historischen Quellen der UB Leipzig häufig schon Digitalisate vorliegen und kontinuierlich weiter angefertigt werden: vielfach auf die Bestellung von Forscher*innen hin, vor allem aber systematisch im Zuge von Projekten, die auf eine längere Zeit angelegt sind und ganze Bestandssegmente online zugänglich machen. Zumindest ein Teil dieser Objekte liegt daher bereits digital und frei verfügbar vor.

2. Digitalisierungsprojekte der UB Leipzig

Codex Sinaiticus
(Cod. gr. 1)

Etwa im Jahr 2003 hat die UB Leipzig begonnen, in verschiedenen Projekten ihren Altbestand möglichst umfassend zu digitalisieren. Den Anfang bildeten die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekte zur Netzbasierten Inventarisierung, Katalogisierung und digitale Bereitstellung der Papyrussammlungen in Halle, Jena und Leipzig (Projektseite) und das Pilotprojekt zur datenbankgestützten Erschließung und digitalen Bereitstellung der neu erworbenen arabischen und persischen Handschriften der UB Leipzig (Projektseite). Zu den frühen Digitalisierungen zählen auch die Einzelfalldigitalisierungen des Codex Sinaiticus sowie die digitale Faksimilierung des Leipziger Machsor.

Leipziger Machsor (Vollers 1102)

Seit diesen Anfängen bis zum heutigen Tag sind weitere Digitalisierungsprojekte hinzugekommen, in denen – nicht zuletzt dank des sächsischen Landesdigitalisierungsprogramms – große Teile der Münzsammlung, der mittelalterlichen, neuzeitlichen und hebräischen Handschriften wie auch der Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts und der Portraitstiche digitalisiert wurden, außerdem ausgewählte Nachlässe und Zeitschriftenbestände. Die Ergebnisse dieser Projekte sind auf der Website zu den Digitalen Sammlungen der UB Leipzig bereitgestellt bzw. über dort verlinkte Fachportale, in denen die Digitalisate zusammen mit umfangreichen wissenschaftlichen Erschließungsdaten aufgerufen werden können.

– 2003–2010: Papyrussammlungen Halle, Jena und Leipzig (Projektseite)
– 2005: Leipziger Machsor
– 2006–2008: Arabische und persische Handschriften der UBL (Projektseite)
– 2006–2011: Codex Sinaiticus (Projektseite)
– 2007–2008: Papyrussammlung/Papyrus-Portal (Projektseite)
– 2008–2013: Damaszener Familienbibliothek Refaiya UBL (Projektseite)
– 2009–2014: Digitaler Portraitindex (Projektseite)
– 2009–2011: Nachlass Karl Bücher (Projektseite)
– 2009: „Annalen der Naturphilosophie“ (1901–1921) (Projektseite)
– 2009–2012: Ostrakasammlung (Projektseite)
– 2010–2013: Musikbibliothek Carl Ferdinand Becker (Projektseite)
– 2010/2012: Wasserzeichensammlung UBL (Projektseite)
– 2012ff.: VD16 (Projektseite)
– 2012–2015: Nachlass Wilhelm Wundt (Projektseite)
– 2012–2015: Orientalische Handschriften UBL (Projektseite)
– 2013: Autographensammlung Wustmann (Projektseite)
– 2013–2014: Digitalisierung von 110 mittelalterlichen Handschriften UBL (Projektseite)
– 2015: Nachlässe von Julius und Julius Wilhelm Klengel (Projektseite)
– 2015–2018: Hebräische Handschriften UBL
– 2015–2020: VD17 (Projektseite)
– 2015ff.: Leipziger Verlage 1851–1920 (Projektseite)
– 2015ff.: Systematische Digitalisierung der Münzsammlung UBL
– 2015ff.: Systematische Digitalisierung der mittelalterlichen Handschriften UBL
– 2016–2017: Fragmentarium (Projektseite)
– 2018ff.: Tanzarchiv / Nachlass Rudolf von Laban (Projektseite)
– 2018ff.: Nachlass Weiner Heisenberg (Projektseite)
– 2019ff.: Kirchenbibliothek Pegau (Projektseite)


Überblick über zentrale Projekte mit Digitalisierungskomponente an der UB Leipzig seit 2003 (jeweils mit Projektlaufzeit und Kurztitel)

Neben den „Annalen der Naturphilosophie“ wurden in Kooperationsprojekten mit der ThULB Jena von der UB Leipzig folgende Zeitschriften digitalisiert und von Jena online gestellt:

– „Signale für die musikalische Welt“ (Projektseite/Überblick)
– „Deutsch als Fremdsprache“ (Projektseite/Überblick)
– „Jenaische Beyträge zur neusten gelehrten Geschichte“ (Projektseite/Überblick)
– „Neue Berichte von Gelehrten Sachen“ (Projektseite/Überblick)
– „Neue Zeitungen von gelehrten Sachen“ (Projektseite/Überblick)

Digitalisierte Zeitschriften der UB Leipzig

Außerdem agiert die UB Leipzig seit mehreren Jahren auch als Dienstleister für drittmittelgestützte Altbestandsdigitalisierungsprojekte, die Bestände anderer Institutionen betreffen. Hier geht es vor allem um begleitende Digitalisierung zu wissenschaftlichen Erschließungsprojekten, die am Handschriftenzentrum der UB Leipzig angesiedelt sind. Beispielsweise wurden Handschriftenbestände des Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal, des Domstifts St. Petri in Bautzen, der Freiberger Gymnasialbibliothek, der Stadtarchive Meißen, Mühlhausen (Thür.) und Stralsund oder der Vereinigten Domstifter zu Naumburg, Merseburg und des Kollegiatstifts Zeitz digitalisiert.

3. IIIF – Ein Metadatenstandard zur Überwindung nationaler und institutioneller Grenzen

Digitalisierungsprogramme und der damit verbundene Aufbau von eigenen Portalen wurden seit den frühen 2000er Jahren nicht nur an der UB Leipzig durchgeführt. Das Resultat waren von Haus zu Haus unterschiedliche lokale Angebote mit diversen Einzellösungen im Bereich der Bildpräsentation, die Nutzer*innen dazu zwangen, sich auf neue Umgebungen mit eigenen Möglichkeiten in Digitalisatanzeige und -bearbeitung sowie eigenen Navigationswerkzeugen einzustellen. Benutzungsfreundlich geht natürlich anders.

Um hier Abhilfe zu schaffen und – noch weitergedacht – um auch mit Digitalisaten aus verschiedenen Quellen gleichzeitig arbeiten zu können, wurde seit 2011 an der Entwicklung eines Datenstandards gearbeitet, der es ermöglichen sollte, Digitalisate unabhängig von der Sammlung oder Institution, zu der sie gehören, in einer gemeinsamen Bildpräsentation zusammenzuführen. Im Rahmen der IIIF-Initiative (Image International Interoperability Framework) werden verschiedene Schnittstellen (APIs) definiert, die eine einheitliche Aufbereitung und Zurverfügungstellung von Bilddateien und zugehörigen Metadaten regeln. Dabei wird auf verbreitete Technologien zurückgegriffen, zum Beispiel wird mit dem Format JSON-LD das Prinzip von Linked Data aufgegriffen, um Daten sinntragend miteinander zu verknüpfen. Der IIIF-Standard schafft damit die Basis für einen institutionsübergreifenden Austausch digitaler Objekte sowie ihre standortunabhängige Darstellung. 

2017 – und damit sehr früh – hat auch die Universitätsbibliothek den IIIF-Standard für ihre Digitalisatpräsentation eingeführt. Seitdem sind alle Digitalisate, die über den hauseigenen Digitalisierungsworkflow Kitodo prozessiert werden, automatisch IIIF-fähig. Die jeweils 20 aktuellen Prozesse zu Objekten, die in der UB die Digitalisierung erfolgreich durchlaufen haben, sind hier verzeichnet: https://digital.ub.uni-leipzig.de/mirador/index.php

Mirador-Index der UB Leipzig

Über die Entwicklung des Datenstandards an der UB Leipzig in den vergangenen Jahren berichten zwei Beiträge (2017: Grenzenlose Bilderwelten; 2019: IIIF – 4 Buchstaben).

4. Zusammenführen von Digitalisaten aus verschiedenen Sammlungen und Bibliotheken 

Was bedeutet der IIIF-Standard nun aber konkret für die Nutzung der Digitalisate in der UB Leipzig? 

Mittlerweile sind die seit 2017 in der UB erstellten Digitalisate nicht nur über die bereits erwähnte Website digital.ub.uni-leipzig.de erreichbar, sondern auch im Katalog nachgewiesen und entsprechend recherchierbar. IIIF-fähige Digitalisate als Online-Ressource sind unter dem Reiter “Zugang” mit dem IIIF-Icon versehen. 

Eine Art “Browsen” innerhalb der verfügbaren IIIF-fähigen Digitalisate ist über die Kollektionen möglich, denen sie zugeordnet sind. Über den folgenden zentralen Einstieg sind die verschiedenen Kollektionen sicht- und aufrufbar.

Beim Klick auf die Kolektionen öffnet sich eine Liste mit den dazugehörigen Datensätzen, der ein kurzer Einführungstext zu Sammlung und/oder Entstehungskontext vorangestellt ist.

Die Kollektionen, die IIIF-fähige Digitalisate enthalten, sind über folgende Direkteinstiege erreichbar:

1. Abendländische neuzeitliche Handschriften
2. Abendländische mittelalterliche Handschriften
3. Bücher aus Leipziger Verlagen 1851-1920
4. Drucke des 16. Jahrhunderts (VD16)
5. Drucke des 17. Jahrhunderts (VD17)
6. Fragmente
7. Griechische Handschriften
8. Hebräische Handschriften

Bald sollen auch Digitalisate von Nachlässen IIIF-fähig sein. Auch beim zentralen deutschen Münzportal Kenom, über das die UB Leipzig ihre digitalisierten Münzen bereitstellt, sind inzwischen alle technischen Voraussetzungen erfolgt, um die Münzdigitalisate IIIF-fähig anzubieten.

Neben dem Durchscrollen durch die Kollektionen ist auch eine direkte Suche im Katalog beispielsweise über die Signatur oder den Titel der Ressource möglich. Von Vorteil bei dieser Suche ist, dass die Manifest-Dateien der Digitalisate seit kurzem mitindexiert werden, d. h. also dass auch die Struktur- und Metadaten der Digitalisate bei der Suche mitberücksichtigt werden. 

Beispiel für eine Manifest-Datei

Das sind jetzt ganz schön viele Spezialausdrücke, doch eigentlich ist es ganz einfach: Beschreibende Metadaten sind grobe erschließende Angaben über das digitalisierte Objekt, wie Entstehungsort und Entstehungszeit. Strukturdaten dienen dazu, die viele Images umfassenden Digitalisate inhaltlich zu gliedern und mit Sprungmarken zu versehen: Man könnte auch sagen, dass sie wie virtuelle Inhaltsverzeichnisse funktionieren. Manifeste sind im IIIF-Standard Dateien, die diese Daten bündeln und mitführen.

  • Mirador-Präsentation zu Ms 324 mit ausgeklapptem Fenster zu den Metadaten der Handschrift
  • Mirador-Präsentation zu Ms 324 mit ausgeklapptem Fenster zu den Strukturdaten der Handschrift
  • Mirador-Präsentation zu Ms 324 mit ausgeklappten Fenstern zu Meta- und Strukturdaten der Handschrift

Besonders die Einbeziehung der Strukturdaten in die Suche hilft, digitalisierte Objekte deutlich besser zu finden: Bei Druckschriften enthalten sie die oft sehr ausführlichen Inhaltsverzeichnisse und/oder Titelblätter, bei Handschriften sogar die Benennung der zahlreichen Einzeltexte, die sonst in den allgemeinen beschreibenden Metadaten zum Gesamtobjekt nicht erfasst sind. Es werden also breitere Inhaltsbereiche der digitalisierten Objekte mit in der Recherche erfasst.

Beide Suchmöglichkeiten kann man ebenfalls kombinieren. Die Trefferlisten sind wie gewohnt im Katalog durch Filter eingrenzbar.

4.1 Zusammenführen von Digitalisaten verschiedener Sammlungen der UB Leipzig

Wie erwähnt können IIIF-fähige Digitalisate unabhängig von ihrem Entstehungskontext in einem Viewer zusammengeführt werden. Was damit möglich wird, lässt sich an einem Fallbeispiel zeigen, bei dem IIIF-fähige Digitalisate aus verschiedenen Sammlungen der UB Leipzig zusammengeführt werden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: den mittelalterlichen Handschriften und den Leipziger Verlagen. 

1909 erschien eine Edition von Karl Boysen zum Statutenbuch des Kleinen Fürstenkollegs der Universität Leipzig vor, das im 15. Jahrhundert angelegt wurde. Ein IIIF-fähiges Digitalisat der Boysen-Monographie wurde 2018 innerhalb des Projekts Digitalisierung von Büchern aus Leipziger Verlagen 1851–1920 angefertigt. Zwar handelt es sich bei der Boysen-Edition nicht um ein Objekt aus dem eigentlichen Altbestand der UB Leipzig, doch bildet sie eine wertvolle Ergänzung zu einem Objekt der Sondersammlungen, und zwar zur Handschrift Ms 1672, auf der die Edition basiert. Da auch zur Handschrift Ms 1672 ein IIIF-Digitalisat vorliegt, können Edition und Originalmanuskript nun einfach virtuell nebeneinander gelegt werden. 

Über folgende Schritte kann man beide Digitalisate nebeneinander präsentieren: 

1. Aufruf des IIIF-Digitalisats der Boysen-Edition: Über den ersten Link „Online-Zugriff, Volltext, Kostenfrei, Digitalisierung“ gelangt man direkt in die Präsentation des Digitalisats im Mirador-Viewer. Der zweite Link „IIIF-Manifest, Volltext, Digitalisierung“ führt zum IIIF-Manifest des Digitalisats.

2. Aufruf des IIIF-Digitalisats von Ms 1672: Über die Digitalen Sammlungen der UB Leipzig zu den mittelalterlichen Handschriften der Ms-Signaturenreihe kann man das Digitalisat zu Ms 1672 direkt über die Signatur ansteuern. Es öffnet sich per Klick im Mirador-Viewer. Alternativ ist auch eine Recherche über den Katalog und dem Suchstring “Ms 1672” oder “Ms 1672 Statutenbuch” möglich.

3. Positionierung der Digitalisate: Nachdem eines der beiden Digitalisate im Mirador-Viewer geöffnet vorliegt, kann ein Fenster für ein weiteres Digitalisat geöffnet werden, indem man das oben links positionierte Window-Fenster im Viewer betätigt und einen zusätzlichen Bereich links, rechts, oben oder unten hinzufügt. In den leeren Bereich kann man über einfaches Drag and Drop das zuvor ermittelte Manifest der Edition oder der Handschrift direkt aus dem Katalog in das Fenster ziehen: Es erscheinen unmittelbar Handschrift und Edition nebeneinander im Viewer.

4. Feinjustierung: Über die Strukturdaten links im Navigationsbereich der Werke oder über die Bildlaufleiste unten ist es möglich, Seiten bzw. Textstellen für die Ansicht auszuwählen, sodass Original- und Editionstext genau nebeneinandergestellt werden können.  

  • Öffnen eines weiteren Mirador-Fensters
  • Ms 1672: Öffnen eines weiteren Mirador-Fensters
  • Ms 1672: Einfügen eines Manifests in ein leeres Mirador-Fenster
  • Ms 1672 und Boysen-Edition nebeneinander im Mirador-Viewer
  • Ms 1672 und Boysen-Edition nebeneinander im Mirador-Viewer: Handschrift und Editionstext parallel

4.2 Zusammenführen von Digitalisaten verschiedener Institutionen 

Das für die IIIF-Digitalisate der UB Leipzig beschriebene Vorgehen ist – und das ist der besondere Clou – nun auch für alle anderen IIIF-fähigen Digitalisate möglich, egal aus welchen anderen Institutionen sie stammen.

Im Bereich der mittelalterlichen Handschriften sind solche institutionenübergreifende Vergleiche mit anderen Handschriften nicht nur für Textvergleiche, sondern zum Beispiel auch bei kunsthistorischen oder paläographischen, d. h. schriftkundlichen, Fragestellungen wichtig. Das lässt sich etwa an folgender Zusammenstellung demonstrieren, die aus zwei Handschriften der UB Leipzig (Ms 1357 und Ms 1435) und einer Handschrift aus der Bayerischen Staatsbibliothek München (Clm 6686) besteht: Alle drei Handschriften sind in Prag innerhalb des ersten und zweiten Jahrzehnts des 15. Jahrhunderts entstanden und zeigen eine ganz ähnliche Ausführung der Schrift. Die paläographische Forschung bezeichnet diese Schriftart als ‚Böhmische Bastarda‘. Die Böhmische Bastarda bildet den Anfangspunkt der Bastarda-Entwicklung, einer neuen und im 15. Jahrhundert ungeheuer erfolgreichen Schriftart, weshalb ihr Aufkommen im Böhmen des späten 14. Jahrhunderts von besonderem Interesse ist. Sie verbindet gebrochen-kalligraphische Schriftformen aus der gotischen Textualis und flüssig-verbindende Elemente aus der Kursive und schafft so eine gleichzeitig zügig zu schreibende und dennoch ästhetisch durchgeformte neue Schriftform.

Mirador-Präsentation mit den drei Handschriften Ms 1357, Ms 1435 und Clm 6686

Aufgrund der Gründungsgeschichte der Universität Leipzig, die eng mit der Prager Universität verbunden ist, umfasst der Leipziger Handschriftenbestand zahlreiche Handschriften aus Prag, die zum Ende des 14. oder im ersten Viertel des 15. Jahrhundert entstanden sind und damit in diese hochinteressante paläographische Phase fallen. Forscher*innen, die sich mit dem Aufkommen und der Entwicklung dieser Schriftart und mit böhmischen Handschriften dieser Zeit beschäftigen, haben so ganz einfach Zugriff auf wichtiges Quellenmaterial, das sie über die IIIF-fähigen Digitalisate in die ‚eigenen‘ Arbeitsumgebungen integrieren können – egal von welchem Schreibtisch aus sie international ihre Forschungen betreiben.

5. Perspektiven

Website des Handschriftenportal-Projekts

Und IIIF geht weiter: Als eine von vier Institutionen ist die UB Leipzig derzeit an der Entwicklung des Handschriftenportals beteiligt. In dem von der DFG geförderten Projekt soll eine zentrale Informationsplattform für mittelalterliche und neuzeitliche Buchhandschriften in deutschen Sammlungen entwickelt werden. Dort werden nicht nur wissenschaftliche Erschließungsdaten zu den Handschriftenbeständen an einem virtuellen Ort bereitgestellt, sondern auch vorhandene Digitalisate zentral nachgewiesen werden, so dass ein mühsames Suchen in den lokalen Angeboten der Bibliotheken entfallen kann und natürlich auch IIIF-fähige Digitalisate aus unterschiedlichen Institutionen leicht zu finden sind. Innerhalb der Datenumgebung des Handschriftenportals wird also die Arbeit mit Digitalisaten ermöglicht, die eigentlich lokal bei einzelnen Bibliotheken liegen. 

Mirador 3-Viewer


An der UB Leipzig wird im Rahmen des Handschriftenportal-Projekts außerdem der bisherige Bildviewer Mirador 3 in Zusammenarbeit mit der University of Stanford so weiterentwickelt, dass er auch für die Darstellung von Texten einsetzbar wird: Dann können innerhalb einer einzigen Arbeitsumgebung Bilder und Texte aus unterschiedlichen Quellen nebeneinandergestellt und bearbeitet werden.

Natürlich können an Digitalisaten von Alt- oder Sonderbeständen nicht alle Fragen beantwortet werden, die sich bei der Forschung mit diesen historischen Objekten ergeben. Digitalisate können das Objekt, das sie abbilden, nicht ersetzen. Aber sie können viele Aspekte des Objekts vermitteln, sichtbar und untersuchbar machen – vor allem wenn die Originale nicht zugänglich sind. Wie die Verwendung von solchen Digitalisaten konkret und am lebenden Objekt funktioniert, beschreiben wir in unserem nächsten Beitrag “Handschriftenbeschreibungen ohne Handschrift”. 

Ein Beitrag von Christoph Mackert und Katrin Sturm.

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