Grenzenlose Bilderwelt

Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus in einer Mirador Oberfläche

Digitalisate sind mittlerweile fester Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens – vor allem historische Dokumente, die bis vor kurzem nur an wenigen Orten verfügbar waren, werden durch ihre digitale Kopie weltweit zugänglich gemacht. Auch die UB Leipzig digitalisiert seit vielen Jahren systematisch, um ihre reichhaltigen Bestände zur Verfügung stellen zu können.

Die Digitalisierung an Bibliotheken hatte jedoch auch häufig zur Folge, dass die Digitalisate nur über die Webseiten der jeweiligen Bibliothek zugänglich waren, was bspw. vergleichende Studien von historischen Quellen erschwerte, ganz zu schweigen vom Auffinden der digitalisierten Quellen überhaupt. Seit 2011 beschäftigt sich eine wachsende Gemeinschaft von Forschungsbibliotheken und Betreibern digitaler Bildarchive mit der Konzeption und Standardisierung einer interoperablen Technologie zur gemeinschaftlichen Bereitstellung von Digitalisaten im Internet. Beteiligt sind neben vielen anderen die Stanford University, die Bodleian Libraries (Oxford University) und die Bibliothèque nationale de France. Die geschaffene Technologie wurde in den vergangenen Jahren in einer ganzen Reihe von Softwareprodukten umgesetzt und ist heute unter der Bezeichnung „International Image Interoperability Framework“ bekannt, kurz IIIF.

Diese Technik umfasst mehrere Standards, die es institutionellen Repositorien ermöglicht, Digitalisate, Metadaten und Annotationen in maschinenverarbeitbarer Form zu verwalten. Bei IIIF handelt es sich also nicht um eine Technologie, die dazu dienen soll, Digitalisate im Internet nur besonders schön darzustellen. Ihre Besonderheit besteht vielmehr darin, die enthaltenen Daten dynamisch für eine weitere maschinelle Verarbeitung anzubieten. IIIF basiert auf Linked Data und bringt folglich beste Voraussetzungen mit, um die enthaltenen Informationen mit weiteren Daten in Beziehung zu setzen.

Neben der erforderlichen Software zur Realisierung von Serverdiensten sind auch eine Reihe von Viewern entstanden, die, basierend auf den IIIF-Diensten, Digitalisate webbasiert darstellen. Hervorzuheben ist die Software Mirador, deren Besonderheit darin besteht, mehrere Objekte gleichzeitig in einem unterteilbaren, webbasierten Workspace darstellen zu können – in Mirador können Digitalisate aus unterschiedlichen Repositorien und Institutionen in einen Workspace eingebunden werden, um so bspw. vergleichende Studien unterschiedlicher Drucke eines Werkes Seit an Seit zu ermöglichen. Die produktunabhängige technische Standardisierung und das Linked Data-basierte Datenmodell erlaubt es somit, Digitalisate aus komplett unterschiedlichen Quellen und in sehr hoher Qualität unmittelbar nebeneinander darstellen zu können. So zeigt das Titelbild dieses Beitrages eine Mirador-Oberfläche, die Digitalisate der beiden berühmten Handschriften Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus (Vat. gr. 1209) aus Leipzig und dem Vatikan zur vergleichenden Betrachtung parallel präsentiert. Solche Konfigurationen können Nutzende in Zukunft für ihre Forschungszwecke selbst auf interaktiven Oberflächen zusammenstellen und dabei auf weltweit verteilte Bestände zurückgreifen.

Als besonderes Pilotprojekt für die Einführung von IIIF hat die UB Leipzig die Webpräsentation des circa 3.500 Jahre alten Papyrus Ebers ausgewählt, einer medizinischen Handschrift aus dem alten Ägypten. Die kolumnenweise angefertigten Digitalisate wurden per Bildbearbeitung wieder zur ursprünglichen Gestalt der Schriftrolle zusammengefügt und verloren gegangene Teile durch Ausschnitte eines Faksimiles ersetzt. Die Möglichkeit, Annotationen für Digitalisate flexibel zu gestalten, wird für die Anzeige von Übersetzungen der einzelnen medizinischen Rezepte in Englisch und Deutsch genutzt, wodurch die Inhalte des Papyrus intuitiv erfahrbar werden.

Die UB Leipzig wird sich der Anwendung von IIIF weiterhin intensiv widmen und neue Dienste auf dieser Technologie aufbauen, um ihren Bestand auch über die Hausgrenzen hinweg der Forschung zur Verfügung zu stellen. So werden mittlerweile alle Digitalisate, die durch Kitodo prozessiert werden automatisch IIIF-kompatibel bereitgestellt. Aktuelle Beispiele können immer unter digital.ub.uni-leipzig.de angeschaut werden. Die Nutzung von IIIF-Digitalisaten wird bald auch über den Katalog der Universitätsbibliothek Leipzig möglich sein.

Leander Seige

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