Karten katalogisieren

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Die Sammlung kartographischer Materialien der UBL und ihre Erschließung

Dass die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) nicht nur gedruckte und elektronische Bücher beherbergt, sondern Sammlungen verschiedenster Materialgruppen zu ihrem Bestand gehören, ist sicher bekannt. Neben Papyri und Ostraka, Handschriften, historischen Drucken, Gebrauchsgraphik und Münzen zählen auch über 10.000 kartographische Objekte aus der Zeit zwischen 1502 und 2021 zu den sogenannten „Sonderbeständen“ der UBL – genau kann man die Anzahl nicht bestimmen, da es in den Magazinen der UBL nicht wenige Karten gibt, die noch gar nicht erschlossen sind und daher in über den Katalog ermittelten Statistiken nicht auftauchen.

Eine Person steht neben einem großen grauen Schubladenschrank. Ein Schubfach ist geöffnet, darin liegen mehrere zusammengerollte Landkarten.
Frau Flöth beim Öffnen eines Schubkastens mit gerollten Wandkarten im Magazin

Unsere Kollegin Angelika Flöth arbeitet bereits seit 1991 an der UBL und ist seit vielen Jahren innerhalb des Bereichs Bestandsentwicklung und Metadaten, AG Retrokatalogisierung, für die Erschließung des kartographischen Bestands der UBL verantwortlich. Dieser Blogbeitrag basiert auf Gesprächen mit Frau Flöth und versucht, einen Blick hinter die Kulissen der bibliothekarischen Arbeit mit den Karten der UBL zu gewähren: Was verbirgt sich hinter dem Kartenbestand der UBL eigentlich genau? Und wie funktioniert die Katalogisierung kartographischer Materialien?

Für die Nutzer*innen der UBL ist es gar nicht so einfach, sich einen Überblick über den Kartenbestand der UBL zu verschaffen. Da die kartographischen Materialien im geschlossenen Magazin gelagert werden, kann man sie nicht einfach wie im Freihandbereich durch Stöbern am Regal entdecken. Auch der UBL-Katalog erweist sich für die Suche nach den Karten der UBL noch nicht als besonders komfortables Hilfsmittel. Da die erweiterte Suche keine Option bietet, nach bestimmten Medientypen wie Karten oder Atlanten zu suchen, ist es nicht möglich, sich den Gesamtbestand an Karten der UBL anzeigen zu lassen. Lediglich die Ergebnisanzeigen bereits vollzogener Suchen können im Bereich „Format“ nach dem Medientyp Karte gefiltert werden. So kann man sich immerhin für ein bestimmtes Rechercheergebnis informieren, wieviele Karten sich unter den Treffern befinden. Möchte man diese Karten einsehen, kann man sie sich zur Nutzung in den Lesesaal bestellen, wohingegen der ca. 1.000 Objekte umfassende Altkartenbestand mit Erscheinungsdatum vor 1850 im Forschungslesesaal bereitgestellt wird.

Über die Vielfalt einer Kartensammlung

Karten sind aber nicht gleich Karten. Um die Materialfülle der an der UBL aufbewahrten kartographischen Materialien kennenzulernen, begleiten wir Frau Flöth ins Magazin, wo sie uns mit vier verschiedenen Gruppen kartographischer Objekte bekanntmacht, mit denen sie jahrzehntelang gearbeitet hat: Karten, Atlanten, Wandkarten und Altkarten. Zunächst zeigt sie uns die eigentlichen Karten, d. h. Weltkarten, Landkarten und Stadtpläne. Die meisten von ihnen sind auf Papier gedruckt, manche auf Pappe oder Leinwand geklebt, ein Teil gefaltet, einige zerschnitten und nur fragmentarisch erhalten. Die Fragmente stellen für die Erschließung natürlich eine besondere Herausforderung dar. Frau Flöth fehlen in diesen Fällen oft für die Katalogisierung notwendige Informationen, die sie sich dann in mühevoller und teils detektivischer Recherchearbeit zusammensuchen muss. Manchmal findet sie weitere Exemplare der gleichen Karte in anderen Bibliotheken, die vollständig erhalten sind und deren Erschließungsdaten übernommen werden können.

  • Blick ins Magazin mit Schubschränken für kartographische Materialien
    Blick ins Magazin mit Schubschränken für kartographische Materialien
  • Gerollte Wandkarten in einer der Schrankschubladen
    Gerollte Wandkarten in einer der Schrankschubladen
  • Blick in ein Regal mit in stehender Form aufbewahrten Atlanten
    Blick in ein Regal mit in stehender Form aufbewahrten Atlanten

Die Karten, Atlanten und Wandkarten werden im Magazin in stehender, liegender und gerollter Form gelagert, entweder gebunden oder als Einzelblätter. Die stehend aufbewahrten Karten befinden sich zum Schutz in Schubern aus säurefreiem Papier. Die plan liegenden und gerollten Karten werden in Schubkästen aufbewahrt.

Karten haben oft mehr Gemeinsamkeiten
mit Bildern als mit Texten.

Karten bestehen in der Regel aus Einzelblättern. Mit Ausnahme der Atlanten handelt es sich nicht um Bücher, in die viele Seiten eingebunden sind. „Karten haben meist mehr Gemeinsamkeiten mit Bildern als mit Texten“, meint Frau Flöth und erzählt:  „Insbesondere die Altkarten wurden oft in aufwendigen druckgraphischen Verfahren wie Kupferstichen oder Lithographien hergestellt. Sie sind entweder schwarzweiß oder mehrfarbig gedruckt, manche wurden sogar nachträglich von Hand koloriert. Sie beinhalten neben der eigentlichen Darstellung der Karte mit begleitenden Textangaben auch illustrierende Bildelemente wie Titel- oder Widmungskartuschen, die manchmal mit Wappen und allegorischen Darstellungen ausgeschmückt sind, oder Stadtansichten. Außerdem gibt es Karten mit und ohne Rahmen sowie Randüberzeichnungen.“

Digitalisat einer historischen Stadtkarte von Venedig (1729)
Kunstvoll gestaltet: „Iconografica rappresentatione della inclita citta di Venetia“, Kupferstich, Nürnberg 1729. UBL, Signatur 01K-2023-150

Daraus ergeben sich vielerlei Herausforderungen für die bibliothekarische Katalogisierung. Sind die dort zum Einsatz kommenden Instrumente doch für Textmedien in Buchform wie Monographien, mehrbändige Werke und Zeitschriften konzipiert worden, nicht aber für Bildmedien. Dies wird beispielsweise bei der Angabe des Autors bzw. der Autorin deutlich. Die Autorschaft von gedruckten Karten verteilt sich – wie bei druckgraphischen Werken allgemein – auf unterschiedliche Personengruppen. So sind die Kartograph*innen oder Kartenzeichner*innen, die für den Entwurf der Karte verantwortlich sind, von denjenigen Personen zu unterscheiden, die die Zeichnung in die Vorlage für den Druck übersetzen, nämlich Stecher*innen, Lithograph*innen und Formschneider*innen. Schließlich gibt es – ähnlich wie beim Buch – die Verantwortlichen für die Vervielfältigung im Medium des Drucks, und zwar die Drucker*innen bzw. Herausgeber*innen. Dies muss bei der Belegung der für die Autor*innen vorgesehenen Felder während der elektronischen Katalogisierung berücksichtigt werden. Viele Altkarten weisen auch Angaben zu Druckprivilegien auf. Diese dienten dem Schutz vor unerlaubtem Nachdruck und waren damit Vorläufer des modernen Urheberrechts.

Über die Erschließung und Katalogisierung einer Kartensammlung

Nachdem wir uns einen Überblick über die kartographischen Materialien verschafft haben, die innerhalb der Kartensammlung der UBL zu finden sind, wollen wir jetzt von Frau Flöth wissen, wie Erschließung und Katalogisierung des Kartenmaterials genau ablaufen. Frau Flöth verantwortet bereits seit 2013 die elektronische Katalogisierung desjenigen Teils des Kartenbestands der UBL, der bereits eingearbeitet, d. h. in älteren, manuell erstellten Katalogen verzeichnet war. Über 8.000 Karten hat Frau Flöth in dieser Zeit katalogisiert. Anfang 2023 konnte sie diese in der bibliothekarischen Fachsprache als Retrokatalogisierung bezeichnete Arbeit abschließen, so dass der Kartenbestand der UBL nun benutzbar und in den gängigen Online-Katalogen auffindbar ist.

„Allgemeine Charten von Europa“ im Alten Sachkatalog der UBL, Bd. 49, S. 22.

Bevor sie den genauen Workflow der elektronischen Retrokatalogisierung beschreibt, gibt Frau Flöth uns zunächst einen Einblick in die Kataloge, Nachweissysteme und Regelwerke, mit denen sie arbeitet. Die Grundlage für die Arbeit der Retrokatalogisierung stellen die älteren, manuellen Kataloge der UBL dar. Bereits im Alten Sachkatalog der UBL, der in der Zeit von 1853 bis 1939 in Buchform geführt wurde, gibt es einen eigenen Band zu Karten und Plänen [Bd. 49], der die Sachgruppen Cart. (Karten), L. Ch. (Landkarten) und L. Ch. W. (Wandkarten) verzeichnet. Der Alte Sachkatalog beinhaltet insgesamt 120 Sachgruppen in 319 Bänden. Er wird näher vorgestellt im Blogbeitrag Von Ketten befreit, auf Zetteln erfasst (II/III).

Der Nachfolger des Alten Sachkatalogs war der Neue Sachkatalog in Zettelform. Dieser beinhaltet auch eineinhalb Kästen mit Katalogkarten zum Kartenbestand bis zum Erwerbungsjahr 1995. Ergänzend dazu nutzt Frau Flöth den sogenannten „Karten-AK“. Das ist ein alphabetisch, nach Verfasser*inname bzw. Titel geführter Zettel-Katalog, der die ab 1978 erworbenen Karten dokumentiert. Er ist Teil des sogenannten „NK IV“, der an der UBL ab 1976 geführt wurde, nachdem die Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken (RAK-WB) eingeführt worden waren. Näheres dazu beschreibt der Blogbeitrag Von Ketten befreit, auf Zetteln erfasst (III/III).

Die eigentliche elektronische Katalogisierung der Karten erfolgt im „K10plus“, dem gemeinsamen Katalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbunds (SWB) und Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV), in den die UBL in Kooperation mit allen anderen diesen Verbünden zugehörigen Bibliotheken hineinarbeitet. Die Titelaufnahmen werden von dort in das lokale Bibliothekssystem der UBL übernommen.

Die bibliothekarische Katalogisierung des Schul-Atlas von Adolf Stieler, 39. Auflage 1859, im Wandel der Zeit:

  • Digitalisat einer Doppelseite des Stieler-Atlas
    Titelseiten mit Inhaltsverzeichnis des Exemplars der UBL mit Autogramm von Hans Rudolphi (1931-1952 Professor am Geographischen Institut der Universität Leipzig)
  • Katalogkarte des Stieler-Atlas aus dem Neuen Sachkatalog
    Katalogkarte aus dem Neuen Sachkatalog
  • Screenshot des Stieler-Atlas-Eintrags im K10plus
    Aufnahme im K10plus
  • Screenshot des Stieler-Atlas-Eintrags im UBL-Katalog
    UBL-Katalog

Wie kann man sich aber nun den genauen Ablauf der elektronischen Retrokatalogisierung der Karten vorstellen? „Der Ausgangspunkt dieser Arbeit sind die kartographischen Originalobjekte im Magazin. Diese werden nach Material- bzw. Signaturgruppen abgearbeitet“, erklärt Frau Flöth. Zunächst nimmt sie einen Abgleich der Original-Karten, -Atlanten und sonstigen Objekte mit den ihnen zugehörigen Katalogkarten in den älteren Zettelkatalogen vor. Anschließend recherchiert sie im K10plus, ob es bereits eine Titelaufnahme der Karte gibt, die sie korrigieren oder ergänzen muss. Findet sie eine solche nicht, erstellt sie eine Neuaufnahme.

Auch Leerstellen der Sammlung
werden erfasst.

Wie bei allen Beständen großer wissenschaftlicher Bibliotheken gibt es auch bei der Kartensammlung der UBL einen geringen Schwund, verursacht etwa durch Kriegsverluste, sonstige Verluste oder nicht dokumentierte Aussonderungen. Dieser Schwund wird innerhalb der Retrokatalogisierung dadurch sichtbar, dass sich bei einigen wenigen Katalogkarten der Zettelkataloge die zugehörigen Kartenobjekte im Magazin nicht finden lassen. Auch diese nicht auffindbaren Karten werden erfasst, um den gesamten Kartenbestand der UBL elektronisch zu dokumentieren, einschließlich der derzeit verlorenen Objekte.

Doppelseite 3 aus dem Schul-Atlas von Adolf Stieler mit verschiedenen Halbkugel-Ansichten der Erde sowie Australien und Neuseeland. UBL, Signatur Atl.1034

Was gibt es noch zu tun?

Wie bereits erwähnt, konnte Frau Flöth Anfang 2023 die elektronische Retrokatalogisierung desjenigen Kartenbestands der UBL abschließen, der bereits in den älteren Katalogen verzeichnet war. Die Karten auf diese Weise online auffindbar gemacht zu haben, ist ihr großer Verdienst, wenn sie die UBL Ende des Jahres verlässt.

Bleibt dann in Zukunft überhaupt noch etwas zu tun im Bereich der Erschließung kartographischer Materialien an der UBL? „Natürlich“, meint Frau Flöth lachend und erläutert: „Es gibt ja noch einen gänzlich unbearbeiteten Kartenbestand, der auf seine Erschließung wartet. Dabei handelt es sich um insgesamt 60 Schubkästen mit kartographischen Materialien, die aus verschiedenen Institutsabgaben und Schenkungen an die UBL stammen.“ Daneben wäre natürlich die Digitalisierung der Karten wünschenswert, insbesondere der unikalen kartographischen Objekte, die nur an der UBL im Bestand sind und nicht an anderen Bibliotheken. Innerhalb der digitalen Sammlungen der UBL könnte man sie den Nutzer*innen im Fernzugriff zur Verfügung stellen.

Außerdem könnten die Karten der UBL in derzeit im Aufbau befindliche Spezialnachweissysteme eingebunden werden, die einen bibliotheksübergreifenden Zugriff auf kartographische Sammlungen und deren Digitalisate ermöglichen. So plant etwa die Kartenabteilung der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin derzeit in Kooperation mit dem Fachinformationsdienst Kartographie und Geobasisdaten (FID Karten) die Entwicklung eines Metakatalogs für Kartenbestände in deutschen Einrichtungen, der eine intuitive Geosuche beinhalten und ähnlich aufgebaut sein soll wie das schweizerische Kartenportal.ch. Dieses Projekt bietet enormes Potenzial für die wissenschaftliche Arbeit mit kartographischen Materialien und wird gerade kleineren Kartensammlungen, die über ganz Deutschland zerstreut sind, eine übergreifende Sichtbarkeit verleihen.

Christiane Elster

Dr. Christiane Elster ist stellvertretende Leiterin des Bereichs Bestandsentwicklung und Metadaten sowie Provenienzbeauftragte an der Universitätsbibliothek Leipzig.

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