Von Ketten befreit, auf Zetteln erfasst (III/III)

Von Zetteln bis digital

Unter der Leitung von Otto Glauning (1876–1941, Amtszeit 1922–1937) wurde im Jahr 1930 der alphabetische Zettelkatalog (NK III) als Ablösung des NK I eingeführt. Dieser erwies sich als  leichter zu handhabendes Instrument, das der rasanten Entwicklung der Wissenschaften besser nachkommen konnte. Die Zettel waren eigentlich Katalogkarten auf starkem Papier oder Karton, die in ihren Maßen dem internationalen Bibliotheksformat 7,5 cm x 12,5 cm folgten, das bereits seit 1901 bei der Library of Congress in Gebrauch war.

ca. 400.000 Katalogkarten

In der Formatfrage spielten, einer These nach, die Französische Revolution und die danach entstehende Bibliothèque nationale keine ganz unbedeutende Rolle, da die Rückseiten von Spielkarten, die den verpönten Adelsstand abbildeten, als Kartei- bzw. Katalogkarten umgenutzt wurden. Die Idee von Titelaufnahmen auf Zetteln existierte schon früher und setzte sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts durch. In Leipzig fädelte man die mit einem Loch versehenen Karten auf einer Stange auf, die im Zettelkasten verankert wurde. Pro Kasten wurden so zwischen 1.000 und 1.200 Katalogkarten verwahrt. Die damit erfasste Titelanzahl an der UBL wird auf etwa 400.000 geschätzt. Die hölzernen Kästen steckten dann wiederum in Reih und Glied in honiggoldbraun farbigen Katalogschränken.

Gang mit Zettelkatalogschränken auf beiden Seiten, Foto: S. Manns-SüßbrichZettelkastenregal des alphabetischen Zettelkatalogs, Foto: T. KademannNahansicht eines Zettelkatalogkastens, Foto: T. KademannKatalogkarte im Kasten, Foto: T. KademannDer NK III von 1930-1975,Foto: S. Manns-SüßbrichKatalogschrank mit beschrifteten Zettelkästen, Foto: S. Manns-Süßbrich

Bei der Erschließung der Titeldaten hielt man sich bis 1976 weiterhin an das bibliothekarische Regelwerk der Preußischen Instruktionen von 1899. Nur ein kleiner Teil von ca. 5 Prozent der Karten wurde noch mit der Hand, der überwiegende Teil mit der Schreibmaschine geschrieben. Auch dieser Umstand war natürlich für die Nutzbarkeit viel günstiger, als die mitunter schwieriger zu lesenden Handschriften. Zu den Beständen in den damaligen Zweigstellen und Institutsbibliotheken der UBL wurden je eigene Kataloge geführt und im NK III verzeichnet. Schon seit 1957 wurden übrigens an der Universitätsbibliothek Leipzig in den Leipziger Zentralkatalog auch die Bestände der anderen wissenschaftlichen Bibliotheken im Bezirk Leipzig aufgenommen. Der alphabetische Zettelkatalog (NK III) wurde 1975 abgebrochen, auf ihn folgte 1976 ein alphabetischer Zettelkatalog (NK IV), der den Regeln für die alphabetische Katalogisierung (RAK) folgte, die von den deutschsprachigen Ländern gemeinsam entwickelt wurden und 1976 erstmalig in der DDR erschienen.

Katalog, Fachdatenbanken & Elektronische Zeitschriftendatenbank sind wichtige Rechercheinstrumente

Im Jahr 1990 begann die elektronische Katalogisierung. Bereits seit 1991 werden die Titel im Katalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbunds (SWB), seit 2019 im K10plus, katalogisiert. Nach einer Rücklieferung der elektronischen Daten aus dem SWB-Katalog an die UB Leipzig wurden die Katalogdaten dann bis Mitte der 1990er Jahre auf Katalogkarten ausgedruckt, in den Zettelkatalog integriert und damit recherchierbar. Im Jahr 1994 ging dann die erste Homepage der UB online und Ende 1995 wurde eine Schnittstelle zur Datenbank eingerichtet, womit auch der WWW-OPAC (online public access catalog), wie der Online-Katalog damals genannt wurde, online recherchierbar wurde. Weitere Nachweisinstrumente, wie die Elektronische Zeitschriftendatenbank (EZB) und die zahlreichen Fachdatenbanken, kamen hinzu und sind bis heute wichtige Instrumente der Recherche. Die Formalerschließung der Titel, die längst mehr als Autor, Sachtitel, Verlag, Erscheinungsjahr und -ort aufnimmt, folgt seit dem Jahr 2015 den internationalen Standards nach RDA (Ressource Description and Access), die wiederum stark an den Bibliotheksstandards der Anglo-American Cataloguing Rules (AACR) ausgerichtet sind.

Untergliederung der in immer spezialisiertere Unterkategorien

Noch in Glaunings Amtszeit wurde die Sachgebietssystematik reformiert, welche die in die Jahre gekommene Ordnung aus den 1860er Jahren ersetzen sollte und die damaligen Fach- und Spezialgebiete abbildete. Dieser Neue Sachkatalog war mit Überarbeitungen und Anpassungen an die Wissenschaftsentwicklung und geographischen Veränderungen von 1939 bis 1995 ebenfalls als Zettelkatalog in Gebrauch und konnte im Lesesaal benutzt werden. In der DDR erfolgte die Sacherschließung nach einem System, das sich an den sowjetischen Klassifikationen (BBK) orientierte.

Im Jahr 1940, ein Jahr nach der Einführung des neuen Sachkatalogs, wurde ferner die Signaturvergabe reformiert, nach laufender Nummer (numerus currens) organisiert und schließlich die Neuzugänge entsprechend aufgestellt, womit auch die alte Fachaufstellung im Magazin abgelöst wurde. Die sich nach Erwerbungsdatum richtende Bücheraufstellung – wie sie im Übrigen heute im Offenen Magazin der Albertina zu sehen ist – bildete nun nicht länger sachliche Repositorien ab, wie noch bei der Aufstellung nach Fachsignaturen. Der Sachkatalog wurde damit zu einem rein virtuellen Ordnungsinstrument, das von der realen Ordnung in den Magazinregalen entkoppelt wurde. Einen Freihandbereich, in dem sich die Nutzer*in die Bücher selbständig aus dem Regal nehmen konnte, gab es damals aber noch nicht.

im Vordergrund Leseplätz, im Hintergrund der Freihandbereich in der Bibliotheca Albertina, Foto: T. Kademann

Nach dem politischen Umbruch 1989 wurde 1995 dann mit der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) eine Systematik für die Aufstellung im neu geschaffenen Freihandbereich eingeführt. Die RVK, die 1964 an der Universität Regensburg entwickelt und in den 1990er Jahren größtenteils von den wissenschaftlichen Bibliotheken in den neuen Bundesländern übernommen wurde, dient in der UBL bis heute sowohl als Ordnungsinstrument in der Freihandaufstellung als auch für die Sacherschließung der Titel. Die Aufstellungssignatur nach RVK gibt daher der Nutzer*in zugleich Auskunft über den Standort im Freihandbereich und über die Sachgruppe, der der Titel zugeordnet wurde. Die RVK wird in einer bibliotheksübergreifenden Arbeitsgruppe stetig weiterentwickelt und den gegenwärtigen Anforderungen angepasst. Die zunehmende Kooperation wissenschaftlicher Bibliotheken als unverzichtbarer Bestandteil bibliothekarischen Arbeitens zeigt sich auch hier.

Damit endet unsere Reise durch die Geschichte der Kataloge der UB Leipzig. Es wurde deutlich, wie stark die „Ordnung der Bücher“ zum Teil durch die jeweiligen Weltsichten und politischen Rahmenbedingungen, aber insbesondere von den Anforderungen der Wissenschaft geprägt war und ist. Der Bereich der Sachkatalogisierung hat in den letzten Jahrzehnten durch die Digitalisierung eine Dynamisierung und Steigerung der Anpassungsleistungen erfahren, die der fortsetzenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Wissensfelder folgt. Mit der Vielzahl der elektronischen Ressourcen mit neuen Formaten sind neue Herausforderungen für die Katalogarbeit entstanden, die an anderer Stelle diskutiert werden sollen. Die Weiterentwicklung der Wissenschaften wird die Bibliotheken vor neue und herausfordernde Aufgaben stellen, die sich auch auf die Katalogarbeit auswirken werden, und so wird auch die Zukunft spannend bleiben.


Die ersten beiden Teile verpasst? Hier geht es zum Teil I und Teil II.


Zum Weiter- und Nachlesen:

Riberette, Pierre: De la Comission des monuments au Conseil de conservation, in: Dominique Varry (Hg.): Histoire des bibliothèques françaises. Les bibliothèques de la Revolution es du XIXe siècle, 1789–1914, Paris 1991, S. 23–40.

Schneider, Ulrich Johannes: Universitätsbibliothek Leipzig, in: Ulrich von Hehl/Uwe John/Manfred Rudersdorf (Hg.): Fakultäten, Institute, zentrale Einrichtungen. 2. Halbband, Leipzig 2009 (Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009 Ausgabe in fünf Bänden ; 4.2), S. 1473–1494.

Tews, Annemarie: Erwerbung mit allegro-C, in: Bibliotheksdienst, 1996 (30.1996), 258–265.

Varry, Dominique (Hg.): Histoire des bibliothèques françaises. Les bibliothèques de la Revolution es du XIXe siècle, 1789–1914, Paris 1991.

2 Kommentare

  1. Demmer   •  

    Gleich zu Beginn des Artikels hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen – Glaunings Lebensdaten sind 1876 bis 1941

    • Jeannine Kunert   •  

      Vielen Dank für diesen Hinweis! Wird gleich geändert.

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