Reaktionen auf unsere Warnung vor betrügerischen KI-generierten Büchern beim Verlag „tredition“
Vor vier Wochen berichteten wir an dieser Stelle über verdächtige Bücher, die in mehreren Bibliotheken aufgetaucht waren. Sie sahen auf den ersten Blick wie normale musikwissenschaftliche und historische Fachbücher aus. Beim genaueren Lesen entpuppten sie sich als KI-generierter Textmüll. Die Autorennamen waren erfunden, die Texte enthielten gravierende inhaltliche Fehler und verwiesen auf nicht existierende Quellen. Wir stellten fest, dass ein Betrüger massenhaft pseudowissenschaftliche Fake-Bücher auf den deutschsprachigen Markt gebracht hatte, und nannten ihn Klaas Klever. Hier berichten wir, wie Klaas Klever überführt wurde, wie der Verlag „tredition“ reagiert hat und was Vertreter*innen der betroffenen Fächer dazu sagen.
Eine Welle in den Medien
Welch weite Kreise unser Blogbeitrag zog, hat uns zugegebenermaßen selbst überrascht.
Als erste reagierten zwei Tage nach unserer Veröffentlichung die Monumenta Germaniae Historica, das Deutsche Institut für Erforschung des Mittelalters, mit einem Blogbeitrag. Der renommierte BILDblog (das ist nicht der Blog der BILD-Zeitung, im Gegenteil!) nahm uns am 27. April 2026 in seine tägliche Presseschau „6 vor 9“ auf. Erwähnt wurden wir anschließend auch im „Wisskomm-Update“ des Portals Wissenschaftskommunikation.de sowie in verschiedenen privaten und bibliothekarischen Blogs und Newsseiten in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Archivalia, Hochschule für Musik Dresden, VÖB, Digithek-Blog). Am 5. Mai fand unser Beitrag Eingang in den Wikipedia-Artikel „Tredition“.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die mediale Welle am 8. Mai. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlichte Jochen Zenthöfer einen Artikel, der zunächst in weiten Teilen unsere Erkenntnisse wiedergab (kostenloser Volltext: MSN). Zenthöfer ging allerdings zwei Schritte weiter. Er fand erstens heraus, dass der Unternehmensbereich der SPD an „tredition“ wirtschaftlich beteiligt ist. Zweitens, und in der Sache wichtiger, konfrontierte er den Verlag mit den Vorwürfen. Die Geschäftsführerin Sandra Latußeck übernahm Verantwortung: Sie erklärte unsere Diagnose für zutreffend und versprach umfangreiche Gegenmaßnahmen.
Weniger gefreut hat uns eine Rezeptionslinie, die von dem FAZ-Artikel über einen Artikel bei Epoch Times schließlich auf einen privaten Schwurbelblog führt, dessen Schreiber sich in seiner Ansicht bestätigt sieht, das ganze Wissenschaftssystem sei sowieso Betrug. Damit ist exakt das eingetreten, wovor wir gewarnt hatten: „Das spielt all jenen in die Karten, die Zweifel an der Wissenschaft und ihren Institutionen säen wollen.“
Ob in etablierten Medien oder in den Untiefen des Internets: Unser Artikel wurde und wird sehr viel gelesen. Das spiegelt sich auch in den sozialen Medien. Unser auf Mastodon platzierter Hinweis auf den Blogbeitrag wurde häufiger geteilt als jeder andere Mastodon-Tröt der UB Leipzig bisher.
Ein Verlag räumt auf
Als Hauptbeispiel für eine Plattform, über die KI-generierte Schrottbücher publiziert werden, musste in unserem Beitrag der Verlag „tredition“ herhalten. Die Schrottbücher bei FlipFlop sind zwar ebenfalls ärgerlich, tun aber wenigstens nicht so, als seien sie wissenschaftliche Werke. Was uns positiv beeindruckt: „tredition“ hat die Problematik nicht nur zugegeben, sondern massive Gegenmaßnahmen ergriffen, die sich auch in einem öffentlichen Statement des Verlags zum „Umgang mit KI-generierten Inhalten“ wiederfinden.
Die Geschäftsführerin von „tredition“ kontaktierte die UB Leipzig, bedankte sich bei uns und den beteiligten Kolleg*innen aus anderen Bibliotheken und räumte ein: „Sie haben recht. Die Bücher über Johann Christoph Bach und Salomon Jadassohn hätten nicht erscheinen dürfen.“ Die früher geltenden Prüfmechanismen seien nicht im Stande gewesen, Texte zu entdecken, die vollständig oder zu großen Teilen KI-generiert waren. Latußeck stellt klar:
„Eine inhaltliche Tiefenprüfung, wie sie eine wissenschaftliche Publikation erfordert, leisten wir nicht und können wir auch nicht leisten – das ist die Aufgabe wissenschaftlicher Fachverlage mit fachredaktionellen Strukturen. Was wir aber leisten müssen – und woran wir konkret gearbeitet haben – ist eine bessere Erkennung von Inhalten, die durch generative KI in einer Weise erzeugt wurden, dass sie eine fachliche Substanz vortäuschen, die sie nicht haben.“
Damit grenzt sich „tredition“ als Self-Publishing-Plattform von Wissenschaftsverlagen ab, übernimmt aber dennoch Verantwortung für den möglichen Missbrauch durch gewerbsmäßige Betrüger. Besonders spannend war, dass der von uns erfundene Klaas Klever tatsächlich existierte:
„Die (…) Titel stammen nahezu ausnahmslos von einem Nutzer, der über mehrere Konten und unter verschiedenen Pseudonymen bei tredition veröffentlicht hat. Wir haben alle Titel aus dem Vertrieb genommen, die Löschmeldungen an den Buchhandel sind herausgegangen. Käuferinnen und Käufer aus unserem Online-Shop haben wir individuell angeschrieben und erstatten ihnen den Kaufpreis. Die in Ihrem Beitrag und in den weiteren Quellen namentlich genannten Bibliotheken haben wir ebenfalls angeschrieben und ein Rückerstattungsangebot einschließlich Rücksendungskosten unterbreitet.“
Wir haben aus mehreren Bibliotheken erfahren, dass sie tatsächlich von „tredition“ mit einem Rücknahmeangebot angeschrieben wurden. Wir können auch bestätigen, dass die uns bekannten KI-verdächtigen Publikationen mittlerweile komplett aus dem Onlineshop von „tredition“ verschwunden sind. Die Löschprozesse im Buchmarkt scheinen aber länger zu dauern und noch nicht abgeschlossen zu sein. Anhand von Stichproben haben wir mehrere große Lieferanten und Plattformen für Bibliotheken geprüft (Stand 20.05.2026): Bei VUB sind die Titel nicht mehr gelistet, bei Lehmanns als „vergriffen, keine Neuauflage“ gekennzeichnet. Schweitzer führt die Print-Bücher als „nicht lieferbar“, verweist aber auf die E-Books, die man über ProQuest nach wie vor kaufen kann. Auf der Plattform dreierASPECTUS sowie bei Amazon sind die Fake-Bücher als Printexemplare weiterhin verfügbar.
Zur Anzahl der Bücher, die aus dem Verkehr gezogen wurden, wollte sich „tredition“ auf Anfrage nicht äußern. Es seien aber neben Musik und Geschichte noch eine ganze Reihe weiterer Sachgebiete betroffen, zum Beispiel Religion und Spiritualität sowie Naturheilkunde.
Die von „tredition“ eingeleiteten Maßnahmen gehen über die Akte Klaas Klever hinaus. Unter anderem wurde in den Qualitätskriterien des Verlags der Abschnitt zu KI-generierten Publikationen überarbeitet, in den AGB ein entsprechender Abschnitt eingefügt und ein Meldeformular für Verdachtsfälle eingerichtet. Außerdem setzt der Verlag jetzt ein Tool ein, dass eingereichte Texte auf typische Auffälligkeiten untersucht, die auf unerwünschten KI-Einsatz hindeuten. Mit diesem Tool sollen auch rückwirkend die Publikationen der letzten beiden Jahre untersucht werden, um so eventuell weitere Bücher aus dem Verkehr ziehen zu können.
Über die Maßnahmen von „tredition“ berichtete am 15. Mai 2026 Jochen Zenthöfer in einem weiteren Beitrag in der FAZ (kostenloser Volltext: MSN).
Einschätzungen aus der Fachwelt
Seit Anfang 2025 hatten Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Fächern vor den bei „tredition“ erschienenen Fake-Büchern gewarnt. Auf ihren Recherchen baute unser Blogbeitrag auf und letztlich ist das Auffliegen von Klaas Klever auch ihr Verdienst. Wir haben drei von ihnen befragt, wie sie die Entwicklungen bewerten.
Die Münchener Mittelalterforscherin und Präsidentin der Monumenta Germaniae Historica Martina Hartmann war unseres Wissens die erste, die öffentlich auf die Fälschungen hinwies. Sie publizierte eine Liste mit scheinbar mediävistischen Büchern, die alle bei „tredition“ erschienen waren. Heute sagt sie:
„Ich bin sehr erleichtert, dass nun das ‚Geschäftsmodell‘ des Verlages Tredition publik gemacht wurde, denn als die MGH Anfang 2025 in ihrem Blog auf die vielen bei Tredition erschienenen KI-generierten angeblich wissenschaftlichen Publikationen aufmerksam gemacht haben, interessierte das kaum jemanden, auch nicht bei der FAZ. Daher ein großer Dank an Stephan Wünsche, dass er so deutliche Worte gefunden hat. Ein Verlag, der die Wissenschaft überschwemmt mit KI-generierten Fake-Büchern gefährdet sie insgesamt, denn es betrifft eben nicht nur die Bibliotheken und ihre Buchanschaffungen. Auch wenn für Fachwissenschaftler relativ schnell zu erkennen ist, wenn sie ein solches Buch vor sich haben, ist das für Studenten keineswegs leicht, und das ist schon einmal eine große Gefahr für den akademischen Unterricht. Es ist nur zu befürchten, dass man es bei diesem Phänomen mit einer Hydra zu tun hat: Man hat zwar jetzt einen Kopf abgeschlagen, aber es werden andere nachwachsen und Lösungen sind nicht leicht zu finden, wie schon einzelne Kommentare zum Blogbeitrag deutlich gemacht haben. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaftlern, Bibliotheken und IT-Experten in dieser Frage, die zunächst einmal in einer Task Force Lösungsansätze erarbeiten müsste, erscheint mir unabdingbar, um dieser neuartigen Herausforderung zu begegnen.“
Sebastian Schlinkheider, Historiker an der Universität zu Köln, war von einem Studenten auf ein Buch aufmerksam gemacht worden, das sich schnell als gefälscht herausgestellt hat. Er hatte darüber im Blog zeitenblicke des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit Köln sowie in einem Video bei Instagram berichtet. Schlinkheider schreibt uns:
„Es ist sehr zu begrüßen, dass der Verlag sich der Sache nach den Hinweisen nun selbst annimmt – für mich zeigt der ganze Vorgang, dass alle beteiligten Akteure, angefangen beim Verlag, aber besonders auch die Studierenden und wir Lehrenden an den Universitäten künftig sehr genau hinschauen müssen, ob die Texte, mit denen wir gerade arbeiten, argumentativ stichhaltig und inhaltlich belastbar sind. Es ist weniger die Tatsache, dass KI verwendet wurde, als die inhaltliche Qualität, die für mich darüber entscheidet, ob man produktiv mit diesen Texten arbeiten kann.“
Ein weiteres wichtiges Puzzleteil bei der Suche nach Klaas Klever war eine Rezension des Musikwissenschaftlers Klaus Martin Kopitz in der Fachzeitschrift Die Musikforschung. Dort hatte Kopitz nicht nur ein Buch über Norbert Burgmüller als Fälschung enttarnt, sondern gleich eine Liste mit 78 weiteren höchst verdächtigen Büchern publiziert, die „tredition“ mittlerweile alle zurückgezogen hat. So sieht er den Vorgang heute:
„Es ist für mich nur schwer glaubhaft, dass ein Verlag eine solche Masse von KI-generierten Büchern ‚aus Versehen‘ publiziert haben will. Die gefälschten Bücher zum Thema Musikwissenschaft waren ja nur die Spitze des Eisbergs. Bei meinen Recherchen auf der Website von ‚tredition‘ waren mir noch zahlreiche weitere KI-Bücher aufgefallen. Dass der Verlag diese Bücher inzwischen aus dem Programm genommen hat, ist zu begrüßen, kann aber den entstandenen Schaden kaum wiedergutmachen, zumal sie noch im Handel erhältlich sind, etwa bei Amazon. Die Bücher über Carl Czerny und Ferdinand Ries haben es sogar in die USA geschafft und wurden vom Beethoven Center der San José State University in Kalifornien erworben. Sie wurden auch im dortigen Beethoven Newsletter besprochen, allerdings sehr negativ (Winter 2026, S. 35 und 37). Kritisiert wurden die fehlenden Quellenangaben und das fehlende Register. Ich habe der Rezensentin daraufhin geschrieben, was es mit den Büchern auf sich hat, und in der nächsten Ausgabe des Beethoven Newsletter soll nun noch eine diesbezügliche Warnung erscheinen. Auch in Deutschland war das Entsetzen groß. Ich erhielt mehrere entsprechende Zuschriften, unter anderem von dem Musikwissenschaftler Dr. Christoph Kammertöns (Essen), der in dem Burgmüller-Buch mit einer erfundenen Arbeit zitiert wird. Vielen Dank Ihnen allen für das Interesse an meinem Artikel!“
Und nun?
Klaas Klever ist überführt. „tredition“ verspricht in Zukunft besser aufzupassen. Unsere Mahnung zur erhöhten Wachsamkeit bleibt jedoch weiterhin aktuell. Schließlich werden generative KI-Systeme mit jedem Tag besser. Ob das verlagsinterne Prüf-Tool von „tredition“ mit dieser Entwicklung Schritt halten kann, ist alles andere als ausgemacht.
Ein Kommentar zu unserem Blogbeitrag sah die Verantwortung für eine solche Prüfung eher in den Bibliotheken und wies auf öffentliche Tools hin, die es erlauben, halluzinierte Quellenangaben zu identifizieren. Dagegen ist einzuwenden, dass wir die dafür nötigen elektronischen Volltexte bei Print-Büchern gar nicht vorliegen haben und bei E-Books erst, wenn es zu spät ist, nämlich wenn wir das Buch gekauft haben. Verlagsplattformen könnten zudem auch ohne inhaltliche Checks verdächtige Muster erkennen: Wenn die gleiche Person in kurzer Zeit sehr viele Sachbücher zu verschiedensten Themen einreicht, kann sie sie kaum selbst geschrieben haben. Diese Daten liegen den Verlagen vor, nicht den Endkund*innen. Insofern kommt Verlagen hier eine wichtige Rolle zu, die nur teilweise von anderen Instanzen übernommen werden kann.
Was wird Klaas Klever tun? Wenn die Masche bei „tredition“ nicht mehr funktioniert, versucht er es vielleicht bei anderen Self-Publishing-Anbietern weiter als Betrüger. Oder werden KI-generierte wissenschaftliche Texte irgendwann so gut, dass Klaas auf die gute Seite wechseln kann: Weil die Inhalte stimmen, weil die Quellen korrekt sind, weil er klarstellt, welche Tools er in welchem Umfang zu welchem Zweck genutzt hat? Dann könnte er sogar seinen wahren Namen nennen. Wir bleiben dran und deshalb ist auch der heutige Bericht wieder nur: ein Zwischenstand.
Hier geht es zum Vorgänger-Beitrag: How to Sell Bullshit Online (Fast)


