Das Leipziger Handschriftenzentrum aus Münchener Sicht

Ein Außenblick von Carolin Schreiber, Leiterin des Handschriftenzentrums der BSB München

Dr. Carolin Schreiber studierte Englische und Romanische Philologie mit dem Schwerpunkt historische Sprachwissenschaft und Literatur des Mittelalters in München und promovierte zu einem Thema der altenglischen Philologie. Nach Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin an den Universitäten München und Göttingen wurde sie wissenschaftliche Bibliothekarin an der Bayerischen Staatsbibliothek. Seit März 2017 ist sie Leiterin des dortigen Handschriftenzentrums. Als im Jahr 2000 das Handschriftenzentrum in Leipzig eingerichtet wurde, gab es das Münchener Zentrum schon seit 25 Jahren.

Ein kollegialer Gastbeitrag in der Blog-Serie zu 20 Jahre Handschriftenzentrum Leipzig.

Die Arbeit des Leipziger Handschriftenzentrums und dessen Leiter kenne ich seit Mitte der 2000er Jahre, als ich meinen Dienst in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München antrat.

Die Aufgaben und die Geschichte der deutschen Handschriftenzentren dürften in diversen Jubiläumsbeiträgen schon erläutert worden sein, weshalb ich mich hier auf das aus meiner Sicht Spezifische an der Leipziger Interpretation dieser Rolle beschränken möchte.

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfügten die bundesdeutschen Handschriftenzentren (in order of appearance: Bayerische Staatsbibliothek, Staatsbibliothek zu Berlin − Preußischer Kulturbesitz, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Universitätsbibliothek Frankfurt) bereits über eine mehr als zwei Jahrzehnte lange Tradition der Katalogisierung, die vom Unterausschuss für Handschriftenkatalogisierung der DFG eng begleitet wurde. Gepflegt wurde zumeist der bewährte Goldstandard, nämlich die Tiefenerschließung nach den ‚DFG-Richtlinien Handschriftenkatalogisierung‘. Endziel der Projekte war der ausführliche gedruckte Handschriftenkatalog mit einem gewissen Ewigkeitsanspruch.

Ein erster markanter Einschnitt in diesem (west-)deutschen Forschungs- und Erschließungs-Arkadien war natürlich der politische Umbruch der Wiedervereinigung. In klassischer Manier wurden die ersten Katalogisierungsprojekte im Osten Deutschlands von Handschriftenzentren des Westens aus durchgeführt, so etwa die Katalogisierung der Handschriften der Forschungsbibliothek Gotha durch das Münchener Handschriftenzentrum.

Handschriftenkataloge aus DFG-Projekten an westdeutschen Handschriftenzentren der 1990er und frühen 2000er Jahre

Gegen Ende des Jahres 2000 schließlich wurde das Leipziger Handschriftenzentrum an der dortigen Universitätsbibliothek durch die DFG zum Handschriftenzentrum ernannt, das fortan für den südlichen Teil Ostdeutschlands, nämlich die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig sein sollte.

Die spezifische Ausgangslage der ostdeutschen Bibliotheken bedingte auch spezifische Methoden der Erschließung: So war die Katalogisierung dort über Jahrzehnte nahezu zum Erliegen gekommen; Teile des Handschriftenbestandes gerade kleinerer kirchlicher Sammlungen waren gar vor dem Zugriff der Obrigkeit verborgen worden, etwa aus Furcht vor drohenden Verkäufen. Ein wichtiges Anliegen war und ist also zum einen die Identifikation von bisher weitgehend unbekannten Handschriftenbeständen in Streubesitz: Sie schlug sich nieder in der Reihe erfolgreicher Leipziger Kooperationsprojekte, die inzwischen auch über die neuen Bundesländer hinausgreifen.

Projektu. a. erschlossene SammlungenZeitraum
Kleinsammlungen in Sachsen und dem Leipziger UmlandPfarrbibliothek Jauernick, Bunderverwaltungsgericht Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Naumburg, Domstiftsbibliothek, Schloss Rochlitz, Stiftsbibliothek Zeitz2010−2015
Kleinsammlungen in OstdeutschlandDomstiftsbibliothek Bautzen, Bibliothek der Evangelischen Predigergemeinde Erfurt, Andreas-Möller-Bibliothek Freiberg, Staatsarchiv Leipzig, Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal, Stadtarchiv Meißen, Schloss Merseburg, Stadtarchiv Mühlhausen, Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund, Stiftsbibliothek Zeitz2016−2022
Leipziger DFG-Projekte zu mittelalterlichen Handschriften in Streubesitz

Zum anderen machten die großen Lücken in der Erfassung die Anwendung innovativer und zeitsparender Ansätze erforderlich: In Leipzig wurde die Methode der beschleunigten Erfassung im Format der sogenannten Bestandsliste maßgeblich entwickelt.

ProjektZeitraumFörderung
Handschriften des Domstifts Bautzen2002−2005DFG
Handschriften der UB Leipzig im Signaturensegment Ms 1114-1750ab 2009 (laufend)UBL
Erfassung von 110 Handschriften der UBL ohne publizierten Nachweis2014DFG
Leipziger Projekte mit verkürzten Erschließungsverfahren

Dies soll keineswegs bedeuten, die Leipziger Kolleg*innen frönten am liebsten der oberflächlichen Schnellkatalogisierung, ganz im Gegenteil: Zum Teil stöhnte der Rest der Republik unter Leipziger Neuerungen wie der Lagenformel mit integrierter Wasserzeichendokumentation oder einer noch näher auszuführenden Liebe zum Detail im Bereich der Schreibsprachenbestimmung. Auch vor ganz und gar unkonventionellen Methoden schreckt das Zentrum nicht zurück, wie sich etwa im Kooperationsprojekt zum Mikrobiom mittelalterlicher Handschriften (MIKROBIB) zeigt.

Ein weiterer tiefgreifender Wandel in der Zeit seit der Etablierung des Leipziger Zentrums war natürlich die seit den 2000er Jahren verstärkt einsetzende Digitalisierung. Den Anfang machten hier zunächst die textbezogenen Beschreibungen, die ab Beginn des Jahrtausends digital in der Online-Datenbank ‚Manuscripta Mediaevalia‘ erfasst wurden. Schließlich wagte man sich auch an die Digitalisierung der oft fragilen Originale selbst, für die eine gemeinsame Pilotphase der Zentren zur Digitalisierung des mittelalterlichen Handschriftenerbes im Auftrag der DFG die Grundlage legte. Völlig neue Möglichkeiten der Beschreibung stehen nun durch die Verbindung von online publiziertem Text und Digitalisat zur Verfügung: Man denke nur an die Aufhebung der ökonomischen Zwänge des Druckes, die das Stilideal des knappen Ausdrucks und der meist bilderlosen Bleiwüste hervorbrachte, oder an die kontinuierliche Aktualisierbarkeit und Erweiterbarkeit der Informationen, durch die auch die Vorläufigkeit von Beschreibungen keinen zwingenden Makel mehr darstellt. Schließlich sind die neuen Vernetzungsmöglichkeiten in die Wissenschaft und zu anderen internationalen Projekten zu nennen, die sich durch ‚Linked Open Data‘ ergeben. Die Handschriftenkunde und -beschreibung wird nun also immer offener für Beiträge von anderer Seite, etwa aus der Wissenschaft.

Im Verlauf der 2010er Jahre zog sich die DFG aus der Lenkung der Handschriftenzentren zurück und entließ diese in die Selbstorganisation, die sich seither durch den Zusammenschluss in einer Arbeitsgemeinschaft und regelmäßige Treffen alle sechs Monate gut eingespielt hat. Demokratisiert hat sich auch die Zusammensetzung der Runde, denn jede Institution, die nicht nur die eigenen, sondern auch projektbezogen die Bestände anderer Handschriftenbibliotheken und -besitzer zu katalogisieren bereit und in der Lage ist, kann Mitglied dieses exklusiven Zirkels werden. Seither ist die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel Handschriftenzentrum geworden, und auch weitere namhafte Altbestandsbibliotheken haben Interesse bekundet.

Website: https://www.handschriftenzentren.de (Rubrik: Sechs Handschriftenzentren)

Geprägt wurde und wird das Leipziger Zentrum somit durch den gesellschaftlichen, politischen und technologischen Wandel, der massiv in seine Frühphase fiel. In dieser Phase der Offenheit wurde mit Christoph Mackert aber auch der ideale Leiter berufen, ein Handschriften-Aficionado mit Neugierde auf statt Scheu vor Neuem.

Mackert ist einerseits stark beeinflusst von seiner universitären Vergangenheit als Altgermanist, Kunsthistoriker und mittellateinischer Philologe Freiburger Prägung. Dies manifestiert sich etwa in seinem ausgeprägten Faible für die Paläographie oder insbesondere die germanistische Schreibsprachenbestimmung (böse Zungen behaupten, er versuche noch die Straßenseite zu bestimmen, auf der der Schreiber einer Handschrift tätig war).

Geblieben ist ihm aus dieser Zeit auch die intensive Vernetzung mit der Forschung auf nationaler wie internationaler Ebene.

Geprägt ist er zum anderen auch von seiner Vergangenheit als Handschriftenkatalogisierer (1998−2000 katalogisierte er die ehemals Donaueschinger Handschriften der Badischen Landesbibliothek). Damit ist er der wohl am wenigsten „bibliothekarische“ Leiter in der Runde der Zentren und zugleich in die Erschließungsprojekte tief und aktiv eingebunden.

Über die Jahre mauserte sich das Leipziger Zentrum so vom Nesthäkchen zum äußerst aktiven Mitspieler, was durch die besondere Stellung des Zentrums als Teil der Universität Leipzig begünstigt wird. Es ist − anders als die Zentren an Landes- oder Staatsbibliotheken − per se eng an universitäre Forschung und Lehre angebunden. Dementsprechend ist die Vermittlung der handschriftenkundlichen Kenntnisse an den wissenschaftlichen Nachwuchs den Leipziger Kolleg*innen ein ernstes Anliegen: Ich erinnere nur an die Alfried Krupp-Sommerkurse für Handschriftenkultur, die im Bereich der historischen Hilfswissenschaften und Handschriftenkunde eines der letzten regelmäßigen Angebote darstellen. Vermittelt werden diese Kenntnisse übrigens auch an Heerscharen von Zentrums-Hilfskräften, von denen wir übrigen Zentrumsmitarbeiter*innen immer wieder staunend Kenntnis nehmen.

Wohl auch aufgrund dieser didaktischen Orientierung gibt es im Leipziger Zentrum ein überaus ausgeprägtes Kommunikationsverhalten, das sich in einer schier endlosen Reihe von Teamsitzungen, jours fixes und sonstigen Besprechungen manifestiert sowie in einer kaum endenwollenden Serie von Dienstreisen des Leiters (zumindest in der Vor-Corona-Ära). Beides bedingt einen regelmäßig ausgebuchten Terminkalender Mackerts. Kommuniziert wird in Leipzig auch gerne über die neuen Medien: Auf Leipziger Initiative etablierte die AG der Handschriftenzentren eine eigene Website; die Kolleg*innen selbst sind auf diesem Blog hier ebenfalls aktiv.

https://www.handschriftenzentren.de

Trotz (oder wegen?) dieser lebhaften Leipziger Eigenaktivitäten entwickelte sich im Kreis der Zentren über die Jahre und Gemeinschaftsprojekte hinweg eine immer engere Kooperation und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ohne diese hätten sie die aktuellen und anstehenden Herausforderungen kaum in Angriff nehmen können: Besonders wichtig sind die gemeinsame Entwicklung des nationalen Handschriftenportals, das hoffentlich auch eine internationale Vernetzung der Handschriftenkatalogisierung und -kunde ermöglichen und fördern wird.  

Auch ist eine neue Praxis der Handschriftenerschließung im digitalen Zeitalter zu definieren, die eng mit der wissenschaftspolitischen und technologischen Entwicklung Fühlung halten muss, z. B. im Bereich der Digital Humanities, Forschungsdateninfrastrukturen und der neuen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. In all diesen Feldern wäre eine einzige Institution hoffnungslos überfordert und deshalb bin ich froh, zusammen mit den Leipziger Kolleg*innen Teil eines sehr kreativen und kollaborativen Kreises zu sein.

Startseite der Testumgebung des Handschriftenportals: https://alpha.handschriftenportal.de
Carolin Schreiber

In diesem Sinne: Ad multos annos!*

*Auf viele Jahre!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.