Das Leipziger Handschriftenzentrum aus Münchener Sicht

Ein Außenblick von Carolin Schreiber, Leiterin des Handschriftenzentrums der BSB München

Dr. Carolin Schreiber studierte Englische und Romanische Philologie mit dem Schwerpunkt historische Sprachwissenschaft und Literatur des Mittelalters in München und promovierte zu einem Thema der altenglischen Philologie. Nach Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin an den Universitäten München und Göttingen wurde sie wissenschaftliche Bibliothekarin an der Bayerischen Staatsbibliothek. Seit März 2017 ist sie Leiterin des dortigen Handschriftenzentrums. Als im Jahr 1990 das Handschriftenzentrum in Leipzig eingerichtet wurde, gab es das Münchener Zentrum schon seit 25 Jahren.

Ein kollegialer Gastbeitrag in der Blog-Serie zu 20 Jahre Handschriftenzentrum Leipzig.

Die Arbeit des Leipziger Handschriftenzentrums und dessen Leiter kenne ich seit Mitte der 2000er Jahre, als ich meinen Dienst in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München antrat.

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Handschriftenkatalogisierung – Handschriftendigitalisierung – digitale Handschriftenforschung

Ein persönlicher Rückblick aus dem Wissenschaftlichen Beirat der Handschriftenzentren von Jeffrey Hamburger

Prof. Dr. Jeffrey F. Hamburger (Harvard University) war Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Handschriftenzentren von dessen Einrichtung 2006 bis 2012. Er vertrat dort das Fachgebiet Kunstgeschichte/Buchmalerei. Eine große Ausstellungsserie zur ‚Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa‘ in den Jahren 2015/16 ging auf seine Initiative zurück; die begleitenden Ausstellungskataloge der Reihe ‚10 Stationen zur mitteleuropäischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts‘ gab er zusammen mit Christoph Mackert, dem Leiter des Leipziger Handschriftenzentrums, heraus. Sein Rückblick ist Teil der Blogserie zu 20 Jahre Leipziger Handschriftenzentrum.

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen. Vor etwa dreißig Jahren, im Jahr 1989 und gerade mit der Hochschule fertig, machte ich mich daran, den Inhalt eines Gebetbuchs zu beschreiben, das ich in einer kleinen, wenn auch wichtigen französischen Provinzbibliothek gefunden hatte (Bibliothèque humaniste, Séléstat/Elsass). Obwohl sein Erscheinungsbild nicht sehr vielversprechend war, hatte es meine Aufmerksamkeit erregt, weil es, soweit ich es anhand der ausgestellten Anfangsseite beurteilen konnte, sowohl in Hinblick auf den Textinhalt als auch die Illustration eng mit jenem Gebetbuch verwandt zu sein schien, das traditionell Hildegard von Bingen zugeschrieben wird. Eingedenk der Bemerkung des berühmten belgischen Gelehrten Léon Delaissé, einem der Gründerväter der modernen Kodikologie (d. h. des Studiums der physischen Beschaffenheit der Manuskripte im Gegensatz zu ihrem textlichen Inhalt), dass man, um die Berggipfel zu verstehen, auch die Täler studieren müsse, machte ich mich daran, dieses scheinbar unbedeutende und bisher unveröffentlichte Manuskript näher zu untersuchen.

Gebetbuch-Handschrift Séléstat, Bibliothèque humaniste, MS 104
Photos: Jeffrey F. Hamburger
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Von Wasserzeichen, Digitalisierungsworkflows und Weihnachtsfeiern

Luise Tönhardt war von September 2016 bis Dezember 2019 Hilfskraft am Handschriftenzentrum Leipzig und arbeitet heute in Berlin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in der Öffentlichkeitsarbeit. Ihr Beitrag ist Teil der Blogserie zu 20 Jahre Leipziger Handschriftenzentrum.

Ich starre auf das Papier und bin ratlos. „Tochter Zion“?! Wie soll ich das pantomimisch darstellen? Zu diesem Zeitpunkt hat die Weihnachtsfeier des Handschriftenzentrums Leipzig ihren Höhepunkt erreicht, denn wir spielen traditionell wie jedes Jahr Scharade, die Stimmung ist aufgeheizt und ich hätte wissen können, dass der Oberbegriff „Weihnachten“ in einer Runde von Mediävist*innen, Altphilolog*innen und (Kunst-)Historiker*innen weit über „Lebkuchen“, „Tannenbaum“ und „Schlittenfahrt“ hinausgeht.

Impressionen vergangener Weihnachtsfeiern (2016-2019)

Auf ein Papier starren und erst einmal ratlos sein, scheint mir rückblickend fast programmatisch für meine Arbeit als Studentische Hilfskraft am Handschriftenzentrum. Anders als beim kompetitiven Scharade-Spiel gibt es hinter der grauen Sicherheitstür im 4. OG der Albertina aber nur ein Team und das hat große Freude am Rätseln.

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Es war einmal im Fürstenzimmer

oder: von minne und Liebe

Es gab einmal eine Zeit, in der nicht Corona unser Leben bestimmte und in der auch nicht Brandschutzbaumaßnahmen in der Bibliotheca Albertina die Oberhand hatten. An diese nichtgraue Vorzeit erinnere ich, denn das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen, wie die Literaten richtig schreiben.

Das Handschriftenzentrum in Leipzig ist für uns als Lehrende, nicht nur der germanistischen Mediävistik, ein unglaublicher Zugewinn. Denn wir können (früher zumindest konnten wir) die historischen Bestände als originale Quellen, nicht nur als Digitalisate, in unseren Unterricht einbeziehen und die bei den Studierenden oftmals unbeliebten Lektüren mittelalterlicher Texte durch den Blick auf originale Handschriften und deren Geheimnisse auflockern. Ich habe es mir zur Gewohnheit werden lassen, mit den Einführungskursen im Sommersemester stets auch eine Seminarsitzung zu konzipieren, die im Fürstenzimmer der Albertina stattfand, in der wir um den schweren Holztisch saßen und uns von Christoph Mackert oder von Katrin Sturm Handschriften aus dem Bestand der UB zeigen und erläutern ließen. Mittelalterliche Literatur wurde dadurch sichtbar und riechbar, ganz vorsichtig auch berührbar.

Das Leipziger Handschriftenzentrum (Gruppenphoto 2018) mit seinem Leiter Christoph Mackert (links)
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20 Jahre Leipziger Handschriftenzentrum

Am 6. Dezember 2020 feiert das Handschriftenzentrum an der Universitätsbibliothek (UB) Leipzig sein 20-jähriges Bestehen. Als eine zentrale Forschungs- und Kompetenzeinrichtung erschließt und digitalisiert es Handschriftenbestände für Institutionen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und darüber hinaus.

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