Deutsche Psalter-Fragmente aus Stralsund und Hamburg …

… am Leipziger Handschriftenzentrum zusammengeführt

Ein Großteil der Überlieferung der mittelalterlichen deutschen Literatur besteht aus Fragmenten von ehemals vollständigen Handschriften, die in späterer Zeit zerschnitten wurden und in Bucheinbänden als Spiegel, Falzverstärkung, Einbanddecke o. ä. Verwendung fanden. Viele dieser Bruchstücke wurden schon im 19. Jahrhundert wieder aus den Einbänden gelöst und werden heute in Fragmentsammlungen der Bibliotheken aufbewahrt, ohne dass sich noch klären lässt, in welchen Bänden sie sich einst befanden. Häufig befinden sich die Fragmente jedoch noch an ihrem ursprünglichen Ort und sind weiterhin Teil eines Einbandes.

Unter den Handschriften des Stadtarchivs Stralsund, die zur Zeit im Rahmen des DFG-Projekts „Erschließung von Kleinsammlungen mittelalterlicher Handschriften in Ostdeutschland“ am Handschriftenzentrum der UB Leipzig erstmals katalogisiert werden, gibt es zwei deutsche Fragmente, die sich noch in Einbänden von neuzeitlichen Drucken befinden: zum einen ein kleines Fragment eines juristischen Texts, der als „Lübisches Recht“ identifiziert werden konnte, zum andern ein Fragment eines deutschen Psalters.

Bestimmung des Trägerbands und der erhaltenen Textstellen

Bei dem letztgenannten Fragment handelt es sich um ein weitgehend vollständig erhaltenes Doppelblatt, das als Deckelbezug für das 1605 in Leipzig erschienene, von dem Thüringer Gymnasiallehrer Wolfgang Seber verfasste ‚Florilegium Graecolatinum‘ (VD17 39:142579X) dient, eine alphabetisch geordnete Sammlung von Exzerpten aus antiken griechischen Werken. Der Band trägt die Signatur „F 8° 268“ der Bibliothek des Stadtarchivs Stralsund.

Das Doppelblatt überliefert Teile der Psalmen 95, 96 und 103 in einer deutschen Übersetzung, die sich unter den zahlreichen erhaltenen deutschen Psalmenübersetzungen der sogenannten ‚Mitteldeutschen Psalmengruppe‘ zuordnen lässt. Von dieser Übersetzung sind bisher insgesamt sieben Handschriften und Fragmente bekannt, darunter übrigens auch zwei Handschriften der UB Leipzig (Ms 22 und Ms 23). Die Edition der Übersetzung basiert auf einer seit dem Ende des 2. Weltkriegs verschollenen Dresdner Handschrift (vgl. Beschreibung der Hs., die im Rahmen eines DFG-Projekts am Leipziger Handschriftenzentrum zur Tiefenerschließung der deutschen Handschriften der SLUB Dresden angefertigt wurde).

Die Blätter des Stralsunder Fragments haben ein Format von 19 x 15,5 cm. Sie sind einspaltig mit 21 Zeilen beschrieben. Die Anfänge der Psalmverse sind mit roten Lombarden (unverzierten Initialen) markiert. Die Schrift, eine gleichmäßige Textualis, lässt sich in das 2. Viertel des 14. Jahrhunderts datieren. Die Sprache zeigt eine Mischung von ostmitteldeutschen und niederdeutschen Merkmalen, sodass davon auszugehen ist, dass die Handschrift im ostmitteldeutsch-niederdeutschen Übergangsgebiet entstanden ist, möglicherweise im Raum Leipzig-Wittenberg, wo sie im 17. Jahrhundert makuliert wurde.

Suche nach weiteren Bruchstücken

Nach der Identifizierung des Texts eines Fragments ist in einem nächsten Schritt der Frage nachzugehen, ob sich noch weitere Bruchstücke erhalten haben, die aus derselben Ursprungshandschrift stammen. Bei dem Stralsunder Psalterfragment ist dies in der Tat der Fall. Unter den Textzeugen der ‚Mitteldeutschen Psalmengruppe‘, die in der Einleitung der Edition beschrieben werden, gibt es eine Handschrift, die genau in Format, Zeilenzahl und Layout übereinstimmt und außerdem die gleiche merkwürdige Mischung von mittel- und niederdeutschen Elementen in ihrer Sprache wie das Stralsunder Bruchstück aufweist: Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. in scrinio 142. Fotos, die uns von der Hamburger Universitätsbibliothek freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden, zeigen, dass auch die Schrift völlig identisch ist, so dass es an einer Zusammengehörigkeit der beiden Bruchstücke keinen Zweifel geben kann.

Die Hamburger Handschrift besteht heute aus 62 Blättern (paginiert 1–124) und enthält mit Psalm 1–76 nur etwa die erste Hälfte des Psalters. Es handelt es sich also um eine am Ende defekte Handschrift.

Rekonstruktion der Fragmentgeschichte

Der Hamburger Psalter stammt aus dem Besitz des Orientalisten Johann Christoph Wolf (1683–1739). Dieser studierte ab 1703 orientalische Sprachen und Literatur an der Universität Wittenberg und war dort nach seinem Studium ab 1710 als Professor der Philosophie tätig. 1712 wurde er als Professor für Orientalische Sprachen an das Hamburger Akademische Gymnasium berufen, ab 1716 war er Hauptpastor an der Hamburger Katharinenkirche. Wolf besaß eine große, ca. 25.000 Bände umfassende Bibliothek, die er nach seinem Tod der Hamburger Stadtbibliothek vermachte, wodurch sich deren Bestand damals verdoppelte.

Es ist anzunehmen, dass Wolf die Psalterhandschrift während seines Studienaufenthalts in Wittenberg (oder in der Zeit seiner Lehrtätigkeit dort) erworben hat. In den Raum Wittenberg/Leipzig führt auch das Stralsunder Fragment, da es für den Einband eines Leipziger Drucks verwendet wurde, als dessen Besitzer aufgrund seines Inhalts am ehesten ein Student an einem der beiden Universitätsorte in Sachsen, Wittenberg oder Leipzig, in Frage kommt. Zum Raum Wittenberg/Leipzig (Übergang vom ostmitteldeutschen zum niederdeutschen Sprachgebiet) passt auch die Sprache der Handschrift bestens.

Die beiden in Hamburg und Stralsund erhaltenen Teile der Psalterhandschrift geben interessante Aufschlüsse, wann und auf welche Art und Weise diese makuliert wurde. Wie das Stralsunder Doppelblatt, das sich auf einem Einband von 1605 befindet, bezeugt, wurde mit der Makulierung der Handschrift spätestens Anfang des 17. Jahrhunderts begonnen. Der Hamburger Torso zeigt, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa die Hälfte der Handschrift makuliert worden war.

Die Handschrift wurde also nicht als Ganzes auf einmal für Bucheinbände zerschnitten, sondern ihre Makulierung ging so vor sich, dass immer nur einzelne Stücke (Blätter oder Doppelblätter) der Handschrift bei Bedarf entnommen wurden. Zu unbekanntem Zeitpunkt, als bereits die zweite Hälfte der Handschrift „verbraucht“ war, wurde sie von einem Büchersammler erworben und dadurch vor der vollständigen Zerstörung bewahrt. Ob dieser „Retter“ der Handschrift der Hamburger Orientalist Johann Christoph Wolf war, darf bezweifelt werden, denn das würde bedeuten, dass sich die Makulierung der Handschrift über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren, vom Beginn des 17. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, erstreckt hätte. Wahrscheinlicher ist, dass die Resthandschrift schon im (frühen?) 17. Jahrhundert von einem Sammler erworben wurde und viel später in Wolfs Besitz und danach in die Hamburger Stadtbibliothek gelangte.

Der Nachweis, dass mehrere heute an verschiedenen Orten aufbewahrte Fragmente aus ein und derselben Handschrift stammen, ist nichts Besonderes. Gerade in der Altgermanistik ist der Forschungsstand auf diesem Gebiet sehr hoch, und in der Datenbank handschriftencensus.de sind unzählige Fälle von zusammengehörigen, aus derselben Ursprungshandschrift stammenden Fragmenten nachgewiesen. Im Normalfall handelt es sich dabei aber immer um einzelne Blätter oder Doppelblätter oder daraus ausgeschnittene Streifen, die aus Einbänden stammen. Das Besondere an dem Hamburg-Stralsunder Psalter ist, dass wir hier einen der extrem seltenen Fälle vor uns haben, in denen eine Handschrift, die zur Makulierung vorgesehen war, noch in großen Teilen erhalten ist und dass wir durch sie einen Einblick erhalten, wie Makulierung von mittelalterlichen Handschriften vor sich gehen konnte: Zumindest in diesem Beispiel wurde die Handschrift nicht auf einen Schlag „verarbeitet“, sondern sie wurde wohl über einen längeren Zeitraum Blatt für Blatt zerschnitten.

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