Ein Hauch von Normalität in Zeiten des Krieges

Ukrainische Kolleginnen in der Bibliotheca Albertina und die derzeitige Situation der dortigen Bibliotheken

An dem diesjährigen Bibliothekskongress nahm auch eine Delegation ukrainischer Bibliothekarinnen teil. Frau Iaroshchuk, Leiterin der Regionalabteilung des Ukrainischen Bibliotheksverbands, hielt einen Vortrag zum Thema: „Ukrainische Bibliotheken im Krieg“. Der Dolmetscher, der Frau Iaroshchuks Vortrag ins Deutsche übersetzt hatte, wandte sich mit der Bitte an die UBL, ob eine Führung der Gäste durch die Bibliotheca Albertina möglich wäre. Der direkte Kontakt zu mir, Dr. Sophia Manns-Süßbrich als Fachreferentin der UBL für Slavistik, bestand bereits: Wir sind ehemalige Kommilitonen.

Wandbild der ukrainischen Künstlerin Lada Nakonechna im Historischen Lesesaal der Bibliotheca Albertina (Foto: Thomas Kademann)

Es war ein sehr schöner und bewegender Vormittag. Die Besucherinnen interessierten sich vor allem für die Arbeitssituation unserer Kolleg*innen und die Details, die eben nur Bibliothekar*innen faszinierend finden. Sie hatten viele Fragen zum täglichen Arbeitsablauf, die teilweise von mir direkt auf Russisch und vom Dolmetscher auf Ukrainisch beantwortet wurden. Besonders gefreut haben sie sich über die Sammlung ukrainischer und belarussischer Literatur im Freihandbereich Slavistik, das Wandbild der ukrainischen Künstlerin Lada Nakonechna im Historischen Lesesaal und die Aufsteller im E-Assessment-Center, die auf Ukrainisch die Zugangsbedingungen zum Internet erklären. Es war offensichtlich, dass es ihnen sehr gut getan hat, einmal über „normale“ Dinge zu reden.

Danach reisten sie wieder in die Ukraine zurück, nicht ohne die üblichen Mitbringsel zu übergeben und eine herzliche Einladung in ihre Bibliotheken auszusprechen, wenn endlich wieder Frieden herrscht. Ich bat sie noch aufzuschreiben, in welchen Bibliotheken sie (normalerweise) arbeiten. Die Kolleginnen kamen aus Drahomanov, Luhansk, Sumy, Rivne und Zaporishia.

Die Gäste reisten nicht ohne kleine Mitbringsel an. (Foto: Sophia Manns-Süßbrich)

Frau Iaroshchuk hat in ihrem Vortrag auf dem Bibliothekskongress die Struktur des ukrainischen Bibliothekssystems vorgestellt und von den Zerstörungen und Auswirkungen des Krieges berichtet, aber auch von der humanitären Arbeit, die die Kolleg*innen jetzt leisten. Die öffentlichen Bibliotheken besonders im Westen des Landes unterstützen die Geflüchteten: Diese haben die Möglichkeit in den Bibliotheken kostenlos zu kopieren und das Internet zu nutzen. Sie erhalten dort auch humanitäre Hilfe.

„Das Leben ist schwer, aber wir leben es.“

Bei der diesjährigen Tagung der „Arbeitsgemeinschaft der Bibliotheken und Dokumentationsstellen der Ost-, Ostmittel- und Südosteuropaforschung“ (ABDOS), die im Mai in Riga stattfand und an der ich als Teilnehmerin und Organisatorin beteiligt war, wurden auch zwei Kolleginnen aus Lviv zugeschaltet. Sie berichteten ebenfalls von ihrer Arbeit: Die Kinderbibliotheken bieten mit Unterstützung von Sozialarbeiter*innen und Traumatherapeut*innen Kinderbetreuung für geflüchtete Kinder an. Die wissenschaftlichen Bibliotheken stellen thematisch Bibliographien zusammen. Themen sind dabei insbesondere die Behandlung von psychischen und physischen Kriegsverletzungen. Auf die Frage, woher sie die Kraft nimmt, antwortete die Kollegin mit einfachen Worten auf Deutsch: „Das Leben ist schwer, aber wir leben es.“

Dr. Eva Maurer (Bern), Mitglied des ABDOS-Vorstands, moderiert die Session zur Situation in der Ukraine (Foto: Olaf Hamann, Berlin).

Um die umfangreichen Bestände wird sich auch gekümmert. Diese auszulagern ist aufgrund des Umfangs und der mangelnden Transportmöglichkeiten meist nicht mehr möglich. Also wird das Material gesichert, wertvolle Dokumente in säurefreie Kartons umgepackt, Bücher in sichere Keller geschafft, denn, so die Kollegin aus Lviv: „Unsere Bibliothek hat ein Glasdach und Bücherregale aus Holz. Wir haben doch nicht mit einem Krieg gerechnet.“ Die Kolleg*innen arbeiten daran in Schichten, oft bis zur Erschöpfung und unter Lebensgefahr.

Weitere Berichte können Sie in der Aufzeichnung einer Videokonferenz unter dem Titel „Voices from Ukraine“ sehen. Liladhar Pendse, Spezialist für East European and Asian Studies von der University of California in Berkeley hatte diese Veranstaltung im April organisiert.

Am 11. Mai 2022 fand eine eher offizieller gehaltene Veranstaltung, ausgerichtet vom dbv und vom Goethe Institut der Ukraine, statt, bei der ebenfalls Kolleg*innen berichtet haben. Es ging um die derzeitige Situation und mögliche Hilfsinitiativen. Der Mitschnitt ist hier hinterlegt.

Vorstellungsvideo von Saving Ukrainian Cultural Heritage Online (SUCHO) auf YouTube.

Aber auch Sie können helfen. Wenn Sie technisch affin sind und/oder ukrainische/russische Sprachkenntnisse haben, können Sie bei Sucho (Saving Ukrainian Cultural Heritage) mitarbeiten. Anschauen können Sie sich das in jedem Fall: Diese internationale Initiative bestehend aus momentan 1.300 Freiwilligen archiviert das digitalisierte Kulturerbe der Ukraine auf sicheren Servern.

Entstanden in den ersten Kriegstagen hat sich hier etwas Großartiges etabliert. Frau Dr. Gudrun Wirtz, Leiterin der Osteuropaabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek München, koordiniert dieses Vorhaben mit und berichtete von Plänen, auf Sucho virtuelle Ausstellungen aus den geretteten Digitalisaten zu erstellen, mit deren Hilfe Spendengelder akquiriert werden sollen.

Sophia Manns-Süßbrich (UBL)

Dr. Sophia Manns-Süßbrich ist Fachreferentin für Amerikanistik, Anglistik und Slavistik an der Universitätsbibliothek Leipzig.

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