Die Entdeckung eines Kulturarchivs

Einblicke in die Entstehung der Kapselschriften-Ausstellung in der Bibliotheca Albertina

Ein wenig beachteter Teil der Sammlungen der Universitätsbibliothek Leipzig sind die sogenannten Kapselschriften. Als solche werden ungebundene Materialien wie Broschüren und Einblattdrucke bezeichnet, die aus Schutzgründen in Pappschachteln verwahrt sind. Rund 60.000 dieser Kleinschriften gelangten bis 1940 in die Bibliotheca Albertina. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte der Bestand durch die im März eröffnete Ausstellung „mitgesammelt und eingekapselt. Beinahe-Bücher im Bibliotheksregal“ (24. März–25. September 2022, Website zur Ausstellung), die der scheidende Bibliotheksdirektor Ulrich Johannes Schneider gemeinsam mit Studierenden der Kulturwissenschaften im Rahmen eines Seminars konzipierte.

Meine Kommilitoninnen und ich hatten vor unserer Beteiligung an der Ausstellungsvorbereitung noch nie zuvor von Kapselschriften gehört. Soweit ich mich erinnern kann, standen sie auch nicht im Lehrplan meines früheren Studiums der Bibliothekswissenschaft. Dem Vorlesungsverzeichnis, in dem das Seminar beworben wurde, war zu entnehmen, dass es sich bei ihnen um „Schriften am inneren Rand der systematischen und fachlichen Wissensordnung“ handelt. Von diesem geheimnisvollen Satz ließ ich mich – vielleicht ein wenig in Erwartung des Wunderlichen und Abseitigen – zur Teilnahme an der Lehrveranstaltung hinreißen und hoffte auf die Möglichkeit zu praxisbezogener Kulturwissenschaft.

Während der ersten Sitzungen machte der Bibliotheksdirektor die Seminargruppe mit den Charakteristika eingeschachtelter Kleinschriften vertraut und führte die Beteiligten durch die Magazine, in denen die verborgenen Veröffentlichungen aufbewahrt werden. Hunderte weiße, in Schieberegalen aufgereihte Kisten offenbarten sich vor unseren Augen. Kenntnis von ihrem Inhalt erlangten die Teilnehmer*innen durch eine Excel-Liste des Kapselbestands. Unsere Aufgabe bestand nun in der Auswahl und Beschreibung geeigneter Exponate. Auf der Suche nach dem Spannenden und Kuriosen bestellten wir jene Publikationen zur Einsichtnahme, deren Titel uns besonders vielversprechend erschienen. Jede „Kapselforscherin“ traf ihre eigene Auswahl entsprechend individueller Vorlieben. Der Schwerpunkt lag hierbei auf Texten, die außerhalb des Wissenschaftsbetriebs entstanden und einen nicht-akademischen Blick auf die Vergangenheit vermitteln. Zu nennen sind diesbezüglich etwa Gelegenheitsdrucke wie Streit- und Kampfschriften, von Aberglauben geprägte Wunderberichte aus der Frühmoderne oder Werbebroschüren, die lebendige Abbilder ihrer Zeit darstellen.

Schriften gegen den Impfzwang (UBL: 103 K 198 Einband)

Ausgehändigt wurden die gewünschten Hefte und Flugblätter schließlich mitsamt den Behältnissen, in denen sie sich befinden. Infolgedessen konnten noch weitere in den Kisten enthaltene Schriften konsultiert werden, was des Öfteren zu Überraschungsfunden führte. Interesse erregende Lektüre, auf die wir zuvor nicht aufmerksam geworden waren, fiel uns beim Durchstöbern der Kartons in die Hände. Die Kapseln stellten sich somit manches Mal als „Wundertüten“ heraus. Als überraschend erwies sich beispielsweise die Entdeckung eines Umschlags mit der Aufschrift „Schriften gegen den Impfzwang“, der einige Veröffentlichungen von Impfgegnern aus dem späten 19. Jahrhundert enthielt, welche allesamt noch nicht katalogisiert worden waren.

Gerne gab ich mich während der Durchsicht des Materials der Vorstellung hin, auf vergessene Literatur zu stoßen, die seit Jahrzehnten niemand mehr in Händen gehalten hatte. Auf mich wirkten die vorgefundenen Dokumente in ihren Kisten bisweilen wie eingesargt. Stellenweise hatte ich das Gefühl, es mit Gräbern für Lesestoff zu tun zu haben. Die Schriften im Zuge der Exponatsauswahl gleichsam wieder zum Leben zu erwecken, übte eine seltsame Faszination aus.

Im Unterschied zu den Hausarbeiten, die wir im Studium verfassten, ging es bei den anzufertigenden Texten für die Ausstellung und den zugehörigen Katalog weniger um das Kontextualisieren und Erklären von Sachverhalten als vielmehr um das Beschreiben der jeweiligen Exponate. Für die Seminargruppe bedeutete diese Herangehensweise zunächst eine große Umstellung. Prof. Dr. Schneider musste uns mehrfach zurückhalten, nicht zu viele Hintergründe zu den in den Kleinschriften behandelten Themen zu recherchieren. Die wissenschaftliche Einordnung des Gelesenen sollten wir besser den Expert*innen aus den jeweiligen Fachdisziplinen überlassen. Eigene Überlegungen flossen indessen in die Einführungstexte ein, die den Leser*innen Besonderheiten des Sammlungsguts vermitteln.

Der einzigartige Katalog zur Ausstellung ist wie eine Kapsel aufgebaut. Käuflich zu erwerben ist er beim Leipziger Universitätsverlag.

Die von den einzelnen Kurator*innen verfassten Texte wurden in gemeinsamer redaktioneller Runde besprochen und überarbeitet. Pandemiedingt mussten einige Sitzungen virtuell in Form von Videokonferenzen stattfinden. Zuletzt konnten Treffen im Forschungslesesaal der Universitätsbibliothek und im Konferenzzimmer der Direktion stattfinden. Dabei wurden die Exponate nach den Bereichen Neuigkeiten, Ratgeber, Werbung, Forderungen und Warnungen gruppiert, welche die einzelnen Abteilungen der Ausstellung bilden. Dieser Ordnung folgt auch der Katalog, der nach Absprache mit dem Gestalter Stefan Gunnesch als Kapsel mit mehreren Heften konzipiert wurde. Nach Art einer Produktionsstraße faltete das Ausstellungsteam die Kartons aus der Druckerei zu Kapseln und befüllte diese mit den zugehörigen Broschüren. Zudem fand sich die Seminargruppe für Dreharbeiten mit dem Videojournalisten Stephan Dietze zusammen. In kurzen Video-Statements schilderten wir Eigenheiten von Kapselschriften für einen Film, der in Dauerschleife im Ausstellungsraum gezeigt wird.

Video zur Ausstellung von Stephan Dietze

Zur Vorbereitung der Kapselexposition zählten schließlich auch die Planungen des Referats Öffentlichkeitsarbeit und der Ausstellungsaufbau durch Mitarbeiter*innen aus der hauseigenen Restaurierungswerkstatt. Den Gesamtprozess mitzuverfolgen, erwies sich für mich als eine sehr spannende Erfahrung, da ich einen Einblick hinter die Kulissen eher weniger alltäglicher Bibliotheksvorgänge erhielt und selber an manchen Arbeitsabläufen mitwirken durfte. Sehr beeindruckte mich währenddessen das Vertrauen, dass Herr Schneider in die Studierenden setzte.

Den Austausch mit den Besucher*innen während der Ausstellungsführungen empfinde ich ebenfalls als sehr bereichernd. Zu einer unerwarteten Begegnung kam es während einer Führung, als sich eine Teilnehmerin als ehemalige Magazin-Mitarbeiterin der Bibliothek zu erkennen gab. Sie berichtete davon, wie sie einstmals den Bestand der Kapselschriften umsortiert und vermissten Broschüren nachgespürt hatte. Ihre Anmerkungen machten mir bewusst, dass das eigentliche Verdienst an der Ausstellung den früheren Bibliothekar*innen gebührt, ohne deren stille Ordnungstätigkeiten unser Öffentlichkeitsstreben nicht möglich gewesen wäre.

Das Thema Kapselschriften sollte mich noch längere Zeit beschäftigten. Nach Eröffnung der Ausstellung hielt ich einen Vortrag über „Kleinschriften als Schattenwesen der Druckwirtschaft“ in der Albertina und schrieb eine Hausarbeit zum Komplex der Bibliothekskapseln. Während meiner Recherchen erfuhr ich aus der Fachliteratur, welch geringen Stellenwert frühere Generationen von Bibliothekaren Kleinschriften beimaßen. Der Bibliothekswissenschaftler Fritz Milkau etwa riet in den 30er-Jahren an, „all das Kleinzeug von der Aufnahme und Aufbewahrung auszuschließen“ und bezeichnete die unliebsamen Veröffentlichungen als „ärgerliche Nichtigkeit“. Sein Kollege Georg Leyh schrieb hinsichtlich der ungebundenen Druckwerke noch drei Jahrzehnte später von einer „größtenteils unliterarischen Überschwemmung“.

Die Kurator*innen bei der Ausstellungseröffnung (v. l. n. r.): Christian Schrödel, Ella Jaeschke, Christina Jakob, Irina Nekrasov, Ulrich Johannes Schneider, (nicht im Bild) Lena Dahlberg (Foto: Thomas Kademann)

Vielleicht kann die Ausstellung „mitgesammelt und eingekapselt“ etwas zur Ehrenrettung der vormals marginalisierten Bestandsgruppe beitragen. Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, ihren Quellenwert für die Alltags- und Kulturgeschichte herauszustellen und ein Kulturarchiv des weithin Übersehenen erfahrbar zu machen.

Öffentliche Ausstellungsführungen mit Christian Schrödel am 26. Juni und 24. Juli 2022 um jeweils 15 Uhr, Treffpunkt im Ausstellungsraum in der Bibliotheca Albertina.

Christian Schrödel

Christoph Schrödel ist Student der Kulturwissenschaft an der Universität Leipzig und Mit-Kurator der Ausstellung "mitgesammelt und eingekapselt. Beinahe-Bücher im Bibliotheksregal" (24.03.–25.09.2022) in der Bibliotheca Albertina.

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