Leipziger Handschriftensommer

In unserer Blogserie zu 20 Jahre Handschriftenzentrum Leipzig kommen diesmal zwei Absolvent*innen der Alfried Krupp-Sommerkurse für Handschriftenkultur zu Wort, die vom Handschriftenzentrum seit 2011 üblicherweise alle zwei Jahre ausgerichtet werden.

Eva Ferro hat am Sommerkurs 2011 teilgenommen. Schon während des Studiums in Verona und Freiburg beschäftigte sie sich mit mittelalterlichen Handschriften. Derzeit ist sie als Wissenschaftliche Bearbeiterin am Handschriftenzentrum der WLB in Stuttgart tätig. Dass sie heute ihrer Begeisterung und Leidenschaft für die mittelalterlichen Codices im Berufsalltag nachgehen darf, verdankt sie, wie sie selbst sagt, auch dem Leipziger Sommerkurs.

Michael Schonhardt, Kursteilnehmer des Jahres 2013, ist ebenfalls den Handschriften treu geblieben. Nach seiner Dissertation zu mittelalterlichen Bibliotheken und astronomischen Handschriften arbeitet er heute zwischen Pergament und Digitalität im Akademieprojekt Burchards Dekret Digital an den Möglichkeiten der digitalen Handschriftenerschließung.

Wenn das Leipziger Handschriftenzentrum zum Ende des Jahres 2020 seinen 20. Geburtstag feiern konnte, gibt es gerade für Mediävist*innen sicherlich viele Gründe, herzlich zu gratulieren: Man müsste die wichtige Rolle dieser sechs deutschen Zentren betonen und ihre wertvolle Arbeit hervorheben, die gerade in Leipzig in der Erschließung, Katalogisierung und Digitalisierung der Handschriftenbestände Mitteldeutschlands und darüber hinaus geleistet wird; man müsste die teils spektakulären Funde nennen, die das Team um Christoph Mackert in den letzten Jahren besonders auf dem Gebiet der deutschsprachigen Handschriften zu Tage fördern konnte; und natürlich auch das stattliche Drittmittelvolumen würdigen, das am Zentrum in vielen Kooperationen unermüdlich eingeworben wird, um die wichtige Arbeit an den Handschriftenbeständen voranzutreiben.

Michael Schonhardt und Eva Ferro

All das werden wir – das sind Eva Ferro und Michael Schonhardt – an dieser Stelle nicht tun, dafür sind andere Honoratior*innen sicherlich besser geeignet. Wir assoziieren mit dem Leipziger Handschriftenzentrum in erster Linie eine ganz persönliche Erfahrung, nämlich die schönen Sommertage, die wir jeweils 2011 und 2013 in der Messestadt verleben durften und die uns bis heute auf ganz unterschiedliche Weise begleiten.

Buch-Messe statt Buchmesse

Nicht die aktuellen Trends des Literaturbetriebs auf der Buchmesse waren Grund für unseren Aufenthalt, sondern der Alfried Krupp-Sommerkurs für Handschriftenkultur an der Universitätsbibliothek Leipzig. In seinem Rahmen durften wir eine Woche an der Albertina verbringen,  um gleichgesinnte junge Kodikolog*innen und erfahrene Expert*innen kennenzulernen und mit ihnen ausgiebig alten Büchern zu huldigen  – quasi zur Buch-Messe statt Buchmesse.

Die Vormittage dieses Sommerkurses waren gefüllt mit Vorträgen von Expert*innen, die uns in die vielfältigen Arbeitsfelder rund um die Handschriftenkultur des Mittelalters hineingeführt haben: von der Paläographie, eine wichtige Voraussetzung, um die „alten Bücher“ lesen zu können, über Einbandkunde, Wasserzeichenkunde, Bibliotheks- und Bestandsgeschichte bis hin zu speziellen Themenbereichen wie musikalischen, liturgischen oder juristischen Handschriften.

Auch wenn diese Einführungen sehr lehrreich und wichtig waren, bis heute blieb uns vor allem das Herzstück dieses Kurses in Erinnerung, nämlich die nachmittägliche Beschäftigung mit den mittelalterlichen Handschriften selbst. Eine Woche lang durften die Teilnehmer*innen eine Handschrift quasi adoptieren, in ihr blättern, sie drehen, messen, riechen, abschreiben, „abreiben“, und auf diese Weise eigenständig – wenngleich mit Hilfestellungen und Tipps der engagierten Mitglieder des Handschriftenzentrums – versuchen, Inhalt und Geschichte der Codices zu entschlüsseln. Am Ende des Kurses wartete dann als großes Finale die Vorstellung der gemachten Entdeckungen vor den anderen Teilnehmer*innen und dem Leipziger Team.

Für viele der Teilnehmer*innen war dies das erste Mal, dass sie Handschriften in einer derartigen Intensität und Eigenständigkeit erforschen konnten. Gleichzeitig verstanden es die Mitarbeiter*innen des Handschriftenzentrums durch ihr großes Engagement und ihre Hilfsbereitschaft, die Berührungsängste und Hemmungen angesichts dieser alten und wertvollen Objekte rasch abzubauen. Langsam wurden diese mittelalterlichen Bücher lebendig und vertrauter. Man musste sie nur richtig und gründlich befragen und schon erzählten sie den aufmerksamen Hörer*innen vieles über sich: wo sie geboren wurden, wer sie warum geschaffen hatte, wer mit ihnen schon zu tun hatte und was mit ihnen angestellt worden war, wie sie ab und zu beschädigt und dann wieder repariert wurden, wo sie lagen, und wie sie zu ihrem aktuellen Aufbewahrungsort kamen. Auf diese Weise vermittelte der Kurs nicht nur Theorie, die immer auch angelesen werden kann, sondern eröffnete vor allem eine Praxis, die unsere Forschung und beruflichen Werdegang bis heute begleitet und geleitet hat.

„Man musste die Handschriften nur richtig und gründlich befragen und schon erzählten sie den aufmerksamen Hörer*innen vieles über sich.“

Letztlich waren es aber weniger die beeindruckenden Kenntnisse der Mitarbeiter*innen des Handschriftenzentrums, die uns nach mittlerweile immerhin neun bzw. sieben Jahren in Erinnerung geblieben sind, sondern vor allem ihr enormes Engagement bei der Begleitung dieser ersten Schritte am historischen Material. Nicht mit Argusaugen einer strengen Aufsicht, sondern mit einem wohlwollenden und aufmerksamen Blick, der den kleinen und großen Entdeckungen mit genuinem Interesse und Aufmerksamkeit begegnete. Der Beitrag dieses Engagements für den Abbau von Berührungsängsten und Hemmungen junger Nachwuchsforscher*innen gegenüber der Arbeit in und mit Handschriftensammlungen ist wohl kaum zu überschätzen.

Es kann auch kaum verwundern, dass dieser überaus freundliche Rahmen neben den fachlichen Inhalten auch Raum für persönliche Kontakte bot, die bis heute im beruflichen und persönlichen Umfeld nachwirken: Über den Handschriften im Forschungslesesaal der Bibliotheca Albertina, vor allem aber beim ein oder anderen sommerlichen Bier oder Wein auf der KarLi oder im nahen Clara-Zetkin-Park lernten wir Gleichgesinnte, spätere Kolleg*innen und mittlerweile langjährige Freund*innen kennen.

Besonders beeindruckt und geprägt hat uns aber vor allem der enorme und beständige Einsatz mit dem das Team des Handschriftenzentrums diese Sommertage und -nächte seit Jahren möglich macht. Dies betrifft nicht nur die bereits geschilderte Betreuung der Teilnehmer*innen, sondern vor allem den gewaltigen organisatorischen Aufwand, den so ein Kurs bedeutet: von der Einwerbung und Verwaltung finanzieller Mittel, die seit Beginn des Kurses von der Alfried Krupp-Stiftung großzügig gestellt werden, über die aufwendige Organisation der Unterkunft und Verpflegung bis hin zu begleitenden Abendveranstaltungen.

Auf diese Weise wurde der Sommerkurs für uns nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht eine prägende Erfahrung, sondern auch durch die enorme Motivation aller Mitarbeiter*innen des Handschriftenzentrums, die Handschriftenkultur des Mittelalters nicht nur zu verwalten und im Depot verstauben zu lassen, sondern mit großem Engagement und Aufwand Anlaufstelle einer vielseitigen und lebendigen wissenschaftlichen Community zu sein und aktiv zur stetigen Vergrößerung dieser Gemeinschaft beizutragen. Dafür danken wir und gratulieren sehr herzlich.

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