Wenn Bücher reden könnten … (Folge 3)

Bei der Durchsicht der Bestände, die durch die UBL nach 1945 erworben wurden, entdeckten wir zwei Bücher mit einem besonders schönen Exlibris mit dem Porträt von Engelbert Pernerstorfer. Sie wurden in den 60er Jahren über die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände in Berlin, einer Einrichtung, die auf dem ehemaligen Gebiet der DDR einen Tausch von Altbeständen innerhalb der wissenschaftlichen Bibliotheken organisierte, erworben.

Exlibris mit dem Portrait Pernerstorfers

Dabei handelt es sich um:

Herzl, Theodor: Feuilletons, Berlin, Singer, 1904. Band 2.
Erworben 1960.
Signatur: 60-8-5682:2

und um:

Arnold, Edwin: The book of good counsels. London, Allen, 1893.
Erworben 1964.
Signatur 64-8-6484

 

Engelbert Pernerstorfer

Der am 27. April 1850 in Wien geborene Engelbert Pernerstorfer war ein österreichischer Politiker und Journalist und gehörte dem deutschnationalen Kreis um Georg Schönerer an. Ab 1886 Mitglied der deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) wurde er neben Victor Adler einer der Parteiführer der Sozialdemokratie und vertrat die deutschnationale Richtung der Arbeiterbewegung. Als bibliophiler Anhänger eines deutschen Kulturnationalismus rekurrierte er immer wieder auf antisemitische Ressentiments.
Bereits schwer krank, propagierte Pernerstorfer im 1. Weltkrieg einen „nationalen Sozialismus“.  Am 6. Januar 1918 verstarb er in Wien. Anfang der 1920er Jahre wurde Pernerstorfers wertvolle Privatbibliothek von der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien erworben.

Die Sozialdemokratische Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien

Bereits 1921 wurde mit dem Aufbau der Wiener Arbeiterkammer zur Unterstützung der Arbeit der Gewerkschaften dort eine interne Bürobibliothek mit dem Ziel eingerichtet, diese Sammlung zu einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek auszubauen. Diese sollte sowohl der Aus- und Weiterbildung der Funktionäre der Arbeiterbewegung dienen, als auch die arbeitnehmernahe Forschung in- und außerhalb der Arbeiterkammer unterstützen. Dabei war daran gedacht, die in Wien befindlichen Privatbibliotheken zur Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu einem Institut für das Studium des Sozialismus zusammenzufassen.

Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer 1870; Quelle: www.dasrotewien.at

Die Einrichtung der Wiener AK-Bibliothek und ihr rascher Ausbau zu einer auch international viel beachteten wissenschaftlichen Spezialsammlung, die das in Wien hoch entwickelte Arbeiter- und Volksbüchereiwesen sinnvoll ergänzen sollte, waren das Verdienst der Führungsgremien der österreichischen Arbeiterbewegung. Die Arbeiterkammer betrachtete damals den Aufbau und die Führung einer derartigen Bibliothek als eine ihrer Kernaufgaben und stellte als Unterhaltsträgerin den organisatorischen Rahmen sowie großzügige finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung, während die SDAP aus ihrem Besitz mit den nachgelassenen Bibliotheken sozialistischer Spitzenfunktionäre einen wesentlichen Teil der Bestände beisteuerte.
Den Grundstock der am 18. September 1922 feierlich eröffneten AK-Bibliothek bildeten die vom Parteivorstand der SDAP als Leihgaben übernommenen Privatbibliotheken der ehemaligen Reichsratsabgeordneten Engelbert Pernerstorfer (1850–1918) und Leopold Winarsky (1873–1915), zu denen im Frühjahr 1924 über Vermittlung Friedrich Adlers noch der zentrale Teil der Bibliothek seines Vaters Victor Adler (1852–1918), des Gründers der österreichischen Sozialdemokratie, hinzukam. Bereits Ende 1923 war von der Universität Wien die Privatsammlung des Rechtswissenschaftlers und Universitätslehrers Anton Menger (1841–1906) per Leihvertrag erworben worden.
Diese vier sozialistischen Bibliophilenbibliotheken, allesamt das Produkt lebenslanger Sammlertätigkeit passionierter Bücherfreunde, bildeten mit ihren insgesamt rund 50.000 Bänden den Kern der Wiener AK-Bibliothek. Die in ihnen enthaltenen einzigartigen Bücherschätze begründeten während der 20er den international hervorragenden Ruf dieser Einrichtung.
Nach dem Einmarsch von Wehrmacht und SS im März 1938 bemächtigten sich zuerst die Einsatzkommandos der Gestapo und des Sicherheitsdienstes SS (SD) der Archive und Bibliotheken der Gewerkschaft und ihrer Arbeitskammern. In der Wiener Arbeiterkammerbibliothek wurden sie auf die überaus wertvollen Bestände der Bibliophilenbibliotheken aufmerksam.

Bildnis Pernerstorfers von Anton Markreiter (1896). Bildnachweis: ÖNB/Markreiter

Die Arbeitskammern und die Gewerkschaften wurden aufgelöst, das Vermögen wie in Deutschland in die auch in Österreich zu gründende nationalsozialistische Einheitsgewerkschaft Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt.

Die Bibliothek der Arbeiterkammer Wien wurde u. a. vom Berliner Sicherheitsdienst geplündert. Mindestens 100.000 Bände gelangten nach Berlin und wurden nach dem Ende des 2. Weltkriegs in der DDR und teilweise in der Bundesrepublik Deutschland zerstreut. 1945 wurden die Arbeiterkammer und Bibliothek neu gegründet. Nur 30.000 der vor 1938 140.000 Bände konnten in den ersten Nachkriegsjahren wiedergefunden werden.

Die ehemalige Sächsische Landesbibliothek (SLB) erhielt auf diesem Wege und über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zehn Bücher, die aus dem Eigentum der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien stammen. Die Universitätsbibliothek Leipzig ermittelte zwei Bücher aus dem Besitz der Arbeiterkammer Wien.

Im Fall von erwiesenem NS-Raubgut betrachten sich die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)  wie auch die Universitätsbibliothek Leipzig nicht als Eigentümerinnen der in ihrem Bestand befindlichen Objekte und bemüht sich um eine Rückgabe an die Eigentümer*innen oder um andere gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998.

Die gemeinsame Restitution der Bücher beider Bibliotheken an die Bibliothek der Arbeiterkammer Wien fand im Juli 2020 statt.

 

Mehr zur:

Provenienzforschung an der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Leipzig

Mehr zur Geschichte der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien:

Stubenvoll, Karl: Das Ende einer „sozialistischen“ Bibliothek. Die Plünderung und Zerstörung der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Wiener Arbeiterkammer durch die Nationalsozialisten. In: Medien & Zeit, Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung, Wien. 4 (2004)

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