Wenn Bücher reden könnten… (Folge 2)

Am 8. April ist der „Tag der Provenienzforschung“. Obwohl die deutschlandweit geplanten Führungen, Vorträge und Lesungen aufgrund der Corona-Pandemie vernünftigerweise zum Schutz von Veranstalter*innen und Besucher*innen abgesagt wurden, wollen wir den „Tag der Provenienzforschung“ nutzen, um in diesem Blogbeitrag erneut die Erwerbungsgeschichte eines Buches und seiner Vorbesitzer zu erzählen.

Es ist eine Geschichte von Menschen mit Freude an Natur, dem Traum von Gerechtigkeit und Zusammenhalt, aber auch von Verbot, von Beschlagnahmung und den damit verbundenen Schicksalen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Buch

Die Geschichte beginnt mit folgendem Buch: Zeitgemäßes und Politisches aus den Werken Seumes. Herausgegeben von Gustav Henning. Jena, 1924. Signatur 47-8-2069

Eine Einordnung als NS-Raubgut geht weder aus dem Titel noch der Signatur – die 47 bedeutet es wurde 1947 in der UBL eingearbeitet – hervor. Auch der Stempel auf dem Umschlag, Touristenverein „Die Naturfreunde“ Ortsgruppe Leipzig e. V., schien unverdächtig.

Touristenverein „Die Naturfreunde“ Ortsgruppe Leipzig e. V.

Doch auf der Rückseite des Titelblattes unter dem Besitzstempel der Universitätsbibliothek befindet sich noch eine andere Nummer, die Zugangsnummer 35 P 001. Und hier muss man stutzig werden, denn in der UB Leipzig existiert ein gesondertes Zugangsbuch von Erwerbungen, die von der Gestapo an die UB Leipzig überwiesen wurden. Gekennzeichnet sind diese mit dem P für Polizei in der Zugangsnummer. 35 P heißt also 1935 wurde dieses Buch von der Gestapo beschlagnahmt und der UB Leipzig übergeben.

Wem war dieses Buch entzogen worden? Waren es die im Stempel erwähnten „Naturfreunde“ und warum? 

Der Touristen-Verein „Die Naturfreunde“ Ortsgruppe Leipzig e. V.

1895 wurde in Wien der Touristen-Verein „Die Naturfreunde“ als eine internationale Arbeiterwander- und Bildungsorganisation, die zwar sozialistisch geprägt, aber für alle Parteien offen war, gegründet. Sie machten es sich zum Ziel, kostengünstige, gemeinsame Freizeitaktivitäten zu organisieren, Heimat- und Naturschutz sowie das Jugendwandern zu pflegen. Schnell bildeten sich Gruppen des Vereins in ganz Europa, ab 1905 auch in Deutschland und der Schweiz.

Die Leipziger Ortsgruppe war vergleichsweise groß. Sie hatte 1932/33 ca. 1.500 Mitglieder. Obwohl politische Interessen der Idee nach keine Rolle spielen sollten, war sie kommunistisch orientiert. So waren marxistisch-ideologische Schulungen und tagespolitische Diskussionen Bestandteil der Mitgliederveranstaltungen.
Vom Verein wurden Unterkünfte gepachtet oder aus eigenen Mitteln errichtet. Das Naturfreundehaus in Thammenhain bei Wurzen wurde 1912 eröffnet, musste aber während des ersten Weltkrieges aufgegeben werden.

  • Naturfreundehaus in Thammenhain
  • Leipziger Naturfreundehaus in Grethen bei Großsteinberg

1925 errichtete der Verein das Leipziger Naturfreundehaus in Grethen bei Großsteinberg. Die Mitglieder der KPD nutzten die Häuser der Naturfreunde für Versammlungen und Zusammenkünfte.
1933 wurde der Verein in Deutschland, 1934 in Österreich verboten und sein Eigentum beschlagnahmt. Am 8. Oktober 1934 wurde der Verein unter Berufung auf §1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 aufgelöst. Viele Mitglieder der sächsischen Ortsgruppen wurden verfolgt, inhaftiert, verurteilt und hingerichtet.
1990 wurde die „Naturfreunde“-Ortsgruppe Leipzig neugegründet. 1996 erhielten sie das Haus in Grethen zurück, es war jedoch in schlechtem Zustand, musste abgerissen werden und wurde neu gebaut und 2003 eingeweiht.

Anlässlich unserer Ausstellung zum Projekt NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Leipzig, die von November 2011 bis März 2012 stattfand, war ein Vertreter der Ortsgruppe in der UB Leipzig, um sich das Buch aus dem Besitz des Vereins anzuschauen.
Anfang 2020 haben sie nun um Rückgabe gebeten und uns die entsprechenden rechtlichen Dokumente zur Verfügung gestellt. Anlässlich des „Tages der Provenienzforschung“ am 8. April 2020 sollte diese Rückgabe stattfinden.

Auch wenn die Rückgabe aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie verschoben werden müssen, versuchen wir sie doch – so bald als möglich – zu realisieren.
Eine Website zur Provenienzforschung, welche die UB Leipzig zum „Tag der Provenienzforschung“ online stellt, versammelt weitere Informationen zum Thema und wird ganz sicher über die Rückgabe des Zeitgemäßen und Politischen aus den Werken Seumes an die Naturfreunde-Ortsgruppe berichten, sobald sie erfolgt ist.

Mehr zur Organisation der Naturfreunde in Leipzig hier.

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