Autorinnen: Patricia F. Blume & Sophia Manns-Süßbrich
Alastair Jollans übergibt der UBL seine einzigartige Sammlung von Tauchnitz-Büchern und eröffnet neue Horizonte des englisch-deutschen Kulturtransfers
Das Tauchnitz-Fieber hat die Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) erfasst. Die Ursache misst etwa 12 mal 16 Zentimeter, ist klein und handlich, oft in rotem Einband oder als unscheinbare Broschur mit zurückhaltender Gestaltung; darin der literarische Kanon des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Autor*innen aus Großbritannien und den USA. Dazu die Gebrauchsspuren von Generationen von Leser*innen.
Mit der Tauchnitz-Faszination hat sich die UBL bei dem Briten Alastair Jollans angesteckt. Er trug über Jahrzehnte eine umfangreiche und beeindruckende Sammlung von Bänden aus dem Leipziger Tauchnitz Verlag zusammen. Am 10. Juni 2026 übergibt er sie feierlich der UBL.
Tauchnitz? Schonmal gehört
Aus der US-amerikanischen Spionageserie „Homeland“ könnte man wissen, wie ein Tauchnitz-Buch aussieht. Denn in einer Staffel kommuniziert ein Verbündeter der Protagonistin geheime Botschaften über ein kleines rotes Buch. Vor Ort in Leipzig begegnet man dem Namen Tauchnitz an verschiedenen Stellen. Viele kennen die Karl-Tauchnitz-Straße, die den südlichen Teil des Zentrums mit dem westlichen verbindet. Sie ist allerdings nach einem Cousin des hier interessierenden Tauchnitz benannt. Dann gibt es noch die schmucke Villa Tauchnitz im Stadtteil Kleinzschocher. Sie wurde für den „richtigen“ Tauchnitz erbaut.

Der „richtige“ war Christian Bernhard Tauchnitz (1816–1895). Er gründete 1837 einen Verlag, dem er schon nach wenigen Jahren eine besondere Spezialisierung gab. Er veröffentlichte preiswerte Buchausgaben englischer und später auch US-amerikanischer zeitgenössischer Literatur in Originalsprache. Dabei ließ er sich von seiner eigenen Begeisterung für englische Kultur und Sprache leiten. Er wollte die Werke und ihre Autor*innen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Kontinentaleuropa bekannter machen und sie einem breiten Publikum erschließen. So entwickelte er als Kernprodukt seines Verlagsprogramms die sogenannte „Tauchnitz Edition“, die „Collection of British Authors“, später „British and American Authors“. Sie existierte bis ins 20. Jahrhundert; der letzte Band mit der Nummer 5370 erschien 1943.
Das praktische Taschenformat hat Tauchnitz zwar nicht erfunden, aber in Kombination mit dem Reihengedanken, den attraktiven Inhalten und dem günstigen Preis überzeugte er das Publikum und wurde ein wichtiger Wegbereiter des modernen Taschenbuchs. Nicht nur das: Er setzte sich in einer Zeit für den Schutz des geistigen Eigentums seiner Autor*innen ein, als es noch keine vertraglichen Grundlagen für internationales Urheberrecht gab. Das brachte Tauchnitz die Anerkennung der Schriftsteller*innen ein, von denen nicht wenige seine Freund*innen wurden. Aufgrund dieser guten Beziehungen erschienen einige Werke sogar zuerst in Leipzig und dann im Herkunftsland.

Der Tauchnitz Verlag erfreute sich also hoher Popularität sowohl bei den Autor*innen als auch beim Publikum. Der Erfolg machte ihn weit über die Grenzen von Sachsen hinaus berühmt: Bernhard Tauchnitz erlangte großen Wohlstand. Mit nur 32 Jahren kaufte er das Rittergut nebst Schloss in Leipzig-Kleinzschocher. Auf dem Grundstück ließ er später besagte Villa im historistischen Tudor-Stil errichten, in der seine Begeisterung für die britische Kultur zum Ausdruck kommt. Mit Mitte 40 erhielt er den Adelstitel Freiherr und bekleidete wichtige Ämter und Funktionen in Sachsen.
Wer ist Alastair Jollans?
Alastair Jollans liebt Bücher, besonders die Ausgaben des Tauchnitz Verlags. Vor über 30 Jahren begann er aus rein privatem Interesse, die ersten Bändchen zu sammeln. Die Faszination ließ ihn nicht mehr los und er stöberte in den Antiquariaten der Welt nach den Taschenbüchern aus Leipzig. So wuchs in den Bücherregalen seines Hauses im Südwesten Englands über die Jahre eine absolut beeindruckende Sammlung.
Jollans setzte sich dabei ein besonderes Ziel, das seine Sammlung weltweit einzigartig macht: Er wollte jeweils die älteste Ausgabe eines Titels ausfindig machen. Das klingt leichter als gedacht, da eine Ausgabe der „Edition“ immer das gleiche Erscheinungsjahr trägt, egal ob es sich um den Erstdruck handelt oder einen späteren Nachdruck. Um die älteste Ausgabe zu ermitteln, griff Jollans auf eine spezielle Bibliografie zurück, den „Todd & Bowden“, die Bibel aller ernstzunehmenden Tauchnitz-Bibliophilen. Am sichersten kann man das Veröffentlichungsjahr eines Tauchnitz-Bändchens herausfinden, wenn es sich um die Originalbroschur des Verlags handelt. Die einfache Bindungsart Broschur überließ es den Käufer*innen, sie in einen festen Einband nach eigenem Geschmack einzufügen. In der Verlagsbroschur enthielt die Ausgabe beispielsweise nach Ende des literarischen Textes einige Seiten mit Verlagswerbung, deren Datierung Aufschluss über das tatsächliche Druckjahr gibt.
Insgesamt enthält die Sammlung von Alastair Jollans rund 5.000 Bände der „Collection of British and American Authors“. Darunter finden sich namhafte Autoren wie Charles Dickens, Arthur Conan Doyle, James Fenimore Cooper, Mark Twain und viele andere, die den Lesegeschmack der Jahrzehnte widerspiegeln. Die ältesten Bände sind annähernd 200 Jahre alt. Darüber hinaus umfasst die Sammlung von Jollans auch weitere Reihen, die Tauchnitz zum Beispiel für spezielle Altersgruppen herausgab wie die „Series for the Young“, oder für weitere Sprachgebiete wie „La France classique“. Zur Sammlung gehören ebenso Werbeartikel des Verlags wie Kataloge, das „Tauchnitz Magazine“ oder Lesezeichen und sogar einige Originalbriefe, darunter ein Schreiben von Dickens an Tauchnitz. Sein Sammlungsgebiet dehnte Jollans auf den Albatross Verlag aus, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit dem Penguin Verlag das moderne Taschenbuch prägte und dessen Entwicklungslinien eng mit Tauchnitz verbunden sind.

Von Leipzig in die Welt und zurück
Alastair Jollans kam bereits vor knapp fünf Jahren nach Leipzig, als er von einer Gruppe von Forschenden zu einer internationalen Konferenz über die „Edition“ und andere Taschenbuchreihen eingeladen wurde. Die Anglisten Dietmar Böhnke und Stefan Welz sowie die Buchwissenschaftler*innen Thomas Keiderling und Melanie Mienert richteten diese Tagung aus. Sie hatten sich als Forschungsgruppe schon seit einigen Jahren auf die Spuren der Verlagsgeschichte begeben und haben zwei Buchveröffentlichungen zum Thema erarbeitet.


Durch diesen Kontakt und besonders die Freundschaft mit Dietmar Böhnke reifte in Alastair Jollans der Gedanke, seine Sammlung der UBL als Geschenk anzubieten: „My conclusion is that I would like nothing better than for it [my collection] to go to Leipzig, or perhaps I should say, to return to Leipzig.“ (Jollans an Böhnke, 30.12.2022)
Gesagt, getan, nicht schnell, aber mit Erfolg: Im Herbst 2025 war es endlich soweit. Die Bücher kehrten nach Leipzig, an ihren Ursprungsort zurück – nun aber in die Universitätsbibliothek. Nach einem vorschriftsmäßigen Aufenthalt in der Quarantäne wurde jedes Buch vorsichtig ausgesaugt und damit vom Schmutz befreit. Danach begann die bibliothekarische Erschließung, damit die Bändchen auch zu finden und nutzbar sind. Zum jetzigen Zeitpunkt weist der Katalog bereits über 1.000 Bände nach, die im Kompetenzzentrum Sonderbestände genutzt werden können.
UBL-Mitarbeiter*innen saugten nach der Quarantäne jedes Bändchen einzeln ab. Video: S. Manns-Süßbrich/UBL.
Eine besondere Herausforderung bei der Erschließung sind die vielen Spuren, die die Besitzer*innen in den Exemplaren hinterlassen haben, bevor sie zu Alastair Jollans gelangten. Was in der Bibliothek viel Genauigkeit verlangt, ist höchst interessant, wenn man sich mit dem Vertrieb und der Rezeption der Bücher beschäftigen möchte. Zunächst sind es die Umschläge, Etiketten oder Stempel der Buchhandlungen, die die Bücher verkauften. Daneben gibt es zahlreiche Autogramme, handschriftliche Notizen, Exlibris, Stempel und Einlagen von Personen oder Institutionen, in deren Besitz sich ein Exemplar zeitweise befand. Sie stammen aus dem kontinentalen Europa, aber auch aus Großbritannien und den USA. Diese Merkmale dokumentieren die Mitarbeitenden der UBL im ProvenienzWiki.

Diese einzigartige und großzügige Schenkung übergibt Alastair Jollans offiziell am 10. Juni 2026 persönlich an die Universitätsbibliothek im Rahmen eines Festakts. An dem Tag blicken wir zurück in die Zeit, in der Leipzig (beinahe) das Zentrum der englischsprachigen Literaturproduktion war. Und wir blicken nach vorn auf die vielfältigen Nutzungsvorhaben der internationalen Community der Tauchnitz-Forschung, die Aspekte dieses einmaligen Kulturtransfers genauer untersuchen möchte.
Hiermit laden wir Sie herzlich ein, am 10. Juni ab 18 Uhr im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina mit uns dieses großartige Ereignis zu feiern. Es ist allerdings möglich, dass Sie sich zu dieser Veranstaltung mit dem Tauchnitz-Fieber anstecken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bibliothekar*in.












