#BibTour: Medizin

Weiße Kittel und andere Klischees

Das Bild von Studierenden der Medizin ist stark klischeebehaftet. Es reicht von aufgeputschten und multiple choice-geprüften Lernmaschinen bis zu von sich selbst überzeugten Ärztetöchtern, die einmal die Praxis der Eltern übernehmen. Ähnlich starken Vorurteilen begegnen vielleicht noch Jura- und BWL-Studierende.

Die Zentralbibliothek Medizin trägt mit ihrem eher gelassenen baulichen Charme genauso wenig zu diesen Klischees bei, wie die Benutzer und Benutzerinnen, die wir beim Gang durch die Lesesaalbereiche des Backsteinbaus erblicken. Es herrscht eine betriebsame und konzentrierte Stimmung, und weiße Kittel suchen wir hier vergeblich.

Klinische Gemütlichkeit?

Im Erdgeschoss werden wir dennoch darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns in der Zentralbibliothek Medizin befinden: deckenhoch weiße Kacheln an den Wänden, geziert von ein paar Röntgenbildbetrachtern und in den Regalen stehen die blauen und grünen Lehrbücher, die typisch für das Medizinstudium sind. „Hier war der Operationssaal der Neurochirurgie. Im Sommer wurde hier zum Teil bei 38 Grad operiert“, erzählt uns Christiane Hofmann, Fachreferentin für Medizin.

Die Röntgenbildbetrachter funktionieren, dürften jedoch nur noch selten zur Ansicht von Studienmaterial in Form von Röntgenbildern in Gebrauch sein, denn – logisch – „da ist jetzt sehr viel elektronisch“.

Bei unserem Besuch befinden sich eine überschaubare Anzahl Benutzer und Benutzerinnen in diesem sehr ‚fachspezifischen‘ Lesesaal. Die nächste Klausurphase liegt noch in einiger Entfernung, doch Christiane Hofmann bestätigt indirekt, dass auch die spezielle Atmosphäre des Lesesaals zu dessen Auslastung beiträgt. „Deswegen bin ich froh, dass der Teppich drin ist. Wir haben lange überlegt, ob wir Teppich legen oder nicht.“ Und auch ihre Kollegin Astrid Vieler, Leiterin der Bibliothek, sieht das ähnlich: „Also manchen ist es hier zu klinisch. Ich würde mich hier hinsetzen, ich finde das irgendwie angenehm.“

Zweimal ‚praktisches Jahr‘

Die derartige Gestaltung von Lesesaal und Lehrbuchsammlung ist letztendlich praktischen Gründen geschuldet. In der Lehrbuchsammlung mit ihren gekachelten Wänden herrscht viel ‚Durchgangsverkehr‘; Benutzerinnen und Benutzer holen sich hier die Bücher ab, aber bleiben nicht unbedingt in der Bibliothek.

Die Lesesaalbereiche im oberen Teil des Gebäudes hingegen zeichnen sich durch eine besondere Aufenthaltsqualität aus. „Die Benutzer mögen die dortigen Einzelplätze“, so Christiane Hofmann. „Wir haben viele Räume auch mit nur einem Tisch drin.“

Und Astrid Vieler ergänzt lachend: „Da steht manchmal sogar ‚Besetzt‘ draußen dran.“ Wohlgemerkt: „Die ‚Besetzt-Schilder‘ machen die Nutzer selber. Es geht manchmal soweit, dass sie sagen: ich will nicht, dass ständig jemand die Tür aufmacht. Na gut, wir hätten die Türen auch gerne lieber offen, aber sie machen die sich dann schon lieber zu.“

Die Beschilderung durch Nutzer und Nutzerinnen ist zwar nicht unbedingt erwünscht, wird aber doch meistens geduldet, um möglichst wenige Störungen zu verursachen. Hinzu kommt, dass es sich bei der Zentralbibliothek Medizin in der Johannisallee um ein zweijähriges Interim handelt, die Situation also ohnehin von Veränderungen und Übergangslösungen geprägt war und ist. Und, soviel dürfte bereits deutlich geworden sein, das Bibliotheksteam gibt sich jede erdenkliche Mühe, die vorübergehenden Gegebenheiten optimal und im Sinne der Benutzerinnen und Benutzer zu gestalten.

Christiane Hofmanns Fazit nach einigen Monaten im Interimsgebäude: „Ja, es ist schön geworden. Ich finde, aus dem, was uns so zur Verfügung stand, haben wir das Beste gemacht.“ Das spiegelt auch das Ergebnis der Nutzerumfrage, über die in diesem Blog bereits berichtet wurde.

Interim und Umbau

Die (relative) ‚Beschaulichkeit‘ der Zentralbibliothek Medizin ist also nicht von Dauer. 2018 sollen, nach über 20 Jahren Planung und Vorarbeiten im Rahmen der Standortkonsolidierung des Bibliothekssystems der Universität Leipzig, neue Räumlichkeiten in der Liebigstraße bezogen werden. Das Gebäude der ehemaligen Speisenversorgung des Universitätsklinikums wird zu einem modernen Kommunikationszentrum, in dem Mensa, Bibliothek und Lernklinik Platz finden.

März 2017Der Umbau wird mit rund 285 Arbeitsplätzen deutlich mehr Studierenden Platz zum Büffeln bieten als das Interim. Im gleichen Gebäude werden auch die Bestände der Naturwissenschaften untergebracht sein. Für das Team der jetzigen Zentralbibliothek Medizin und der zukünftigen Bibliothek Medizin/Naturwissenschaften steht mit dem Einzug in das erneuerte Gebäude gleich der nächste große Umbruch an. Auf die Frage, mit welchen Erwartungen die Kolleginnen und Kollegen in die Zukunft blicken, wird zunächst mit einem Augenzwinkern geantwortet. „Also in die Zukunft kann ja zum Glück schon mal keiner schauen“, scherzt Bibliothekarin Marlies Herrmann im alten, holzgetäfelten ‚Herrenbibliothekszimmer‘ des Interims.

„Das wollen wir schon mal festhalten. Wir freuen uns natürlich auf die neuen Räumlichkeiten, das ist ganz klar. Wir müssen halt schauen, es kommen ja noch andere Standorte der UBL dazu, die mit integriert werden. Aber ich glaube, insgesamt gesehen ist es für alle natürlich eine Verbesserung. Schon allein platzmäßig. Aber nicht nur platzmäßig wird die neue Bibliothek ein Gewinn für alle Beteiligten, auch die Öffnungszeiten werden sich deutlich verbessern, vor allem abends und an den Wochenenden. Mit der Lernklinik und der Mensa des Studentenwerks im gleichen Haus, und in der Nähe zu den Hörsaal- und Seminargebäuden in der Liebigstraße werden auch die Wege für die Studierenden kürzer.“

  • Marlies Herrmann vor der Vitrine im 'Herrenbibliothekszimmer'
  • Lüster
  • Das 'Herrenbibliothekszimmer'

Mehr als ‚nur‘ ein neues Gebäude

Die Bibliothek Medizin/Naturwissenschaften wird jedoch mehr sein als ein neues Bibliotheksgebäude. Der Open Access-Gedanke wurde an der Universität Leipzig besonders durch die Medizinische Fakultät vorangetrieben. Dieser Fachbereich hat die meisten OA-Publikationen vorzuweisen. Und auch der Gebrauch von elektronischen Medien besitzt hier einen hohen Stellenwert. Kurzum: die Medizin fungiert bisweilen als Innovationsmotor, zumindest was die bibliothekarischen Services und Leistungen angeht.

„Als wir die ersten Gespräche über Open Access geführt haben, da war der Prodekan für Forschung noch Thorsten Schönefeld“, erinnert sich Astrid Vieler. „Mit ihm hatte ich direkt einen Termin, und ihm konnte es nicht schnell genug gehen, dass man sich auch um Open Access kümmert. Die haben das massiv innerhalb der Universität angeschoben.“

Die Services und Angebote der Bibliothek funktionieren so gut, dass manche gar nicht merken, dass sie diese in Anspruch nehmen. „Ich hatte mit jemandem in der Biophysik Kontakt, und als ich erzählt habe, dass ich jetzt als Mitarbeiterin in der Bibliothek arbeite, hat der gefragt: ‚Was macht man denn da? Ich war noch nie in der Bibliothek.‘ Aber natürlich nutzt er die elektronischen Medien, die die Bibliothek bereitstellt. Wir haben dann einen Kaffee getrunken und ich habe erzählt, welche Sachen wir lizenzieren und was da für Geld eine Rolle spielt und was wir so machen… Ich glaube, dass das einige sind, die nicht in die Räumlichkeiten kommen, die sich aber freuen, wenn sie die ganzen Zeitschriften lesen können.“

Der hier knapp umrissenen Fächer- und Lernkultur wird die neue Bibliothek Medizin/Naturwissenschaften umfassend Rechnung tragen. Für ihr Team bedeutet dies, etablierte Services, wie z.B. spezielle Schulungs- und Rechercheangebote, den Zugang zu elektronischen Medien, den Dokumentenlieferdienst und die Fernleihe im Sinne einer starken Serviceorientierung weiter zu optimieren. Gleichzeitig ermöglicht der erneuerte Bau eine Erweiterung der Öffnungszeiten und bietet mit der Lernklinik einen Bereich für Seminare, Übungen und die Simulation von Operationen. Das klingt nach einer großen Herausforderung. Doch kein Problem für die Kolleginnen und Kollegen, die Ihre Stärken schon im Zuge der Gestaltung des Interims unter Beweis gestellt haben. „Wir versuchen noch kleinere Dinge abzustellen und auch noch zu verändern. Aber der Spielraum ist einfach sehr begrenzt. Dafür punkten wir mit unserer Freundlichkeit. Unserer Flexibilität“, lacht Marlies Herrmann. „Und mit dem Tun für unsere Leser!“

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