Die Klosterbibliothek von St. Marienthal

Ein Sammelbecken von über 700 Jahren Kulturgeschichte Sachsens und der Oberlausitz

Seitdem Ende April 2022 bekannt wurde, dass mit dem ‚Marienthaler Psalter‘ eine reich bebilderte Handschrift des 13. Jahrhunderts aus der Bibliothek des Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal über den Schweizer Nobel-Antiquar Jörn Günther zum Verkauf steht, ist das Entsetzen über den drohenden Kulturgutverlust groß. Alarmierte Reaktionen aus wissenschaftlichen Fachkreisen, kultur- und geschichtsinteressierter Öffentlichkeit, aus der Bibliotheks- und Archivszene und nicht zuletzt aus vielen Teilen der sächsischen Politik und Gesellschaft füllen Blogs, Twitter-Kanäle und die Berichterstattung regionaler und überregionaler Medien. Inzwischen konnte der Freistaat Sachsen zusammen mit großen Förderpartnern ein attraktives Lösungsangebot zusammenstellen, um den drohenden Verkauf abzuwenden. Nun muss sich das Kloster positionieren: zum Verhandlungsangebot des Freistaats, aber auch zur eigenen Verantwortung für das kulturelle Erbe Deutschlands und des eigenen Ordens.

Denn bei der ‚Causa Marienthal‘, wie die hochproblematische Angelegenheit inzwischen in den Medien bezeichnet wird, geht es nicht nur um das prominente Einzelstück des ‚Marienthaler Psalters‘, der die öffentliche Wahrnehmung bestimmt. Und auch nicht nur um noch eine weitere Handschrift sowie eine besonders bedeutende Urkunde aus Klosterbesitz, die über Günther ebenfalls angeboten werden. Vielmehr sind die zum Kauf angebotenen Einzelobjekte zentrale Bestandteile einer geschlossenen, seit dem Spätmittelalter gewachsenen Sammlung klösterlicher Bildungskultur und herausragender Geschichtsquellen und gewinnen ihre einmalige kultur- und landeshistorische Bedeutung auch aus dem größeren Zusammenhang, in dem sie in Marienthal stehen – Zeit, dies einmal exemplarisch anhand der Handschriftensammlung des Klosters vor Augen zu führen.

Die Handschriften von St. Marienthal sind der einzige Teil der Klosterbibliothek, der bislang genauer aufgearbeitet und regulär erschlossen wurde. Dies verdankt sich einem Projekt des Handschriftenzentrums der UB Leipzig, das seit 2016 mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführt wird und der ‚Erschließung von Kleinsammlungen mittelalterlicher Handschriften in Ostdeutschland‘ (Projektseite) dient. Im Projekt werden kleinere Handschriftenbestände verschiedener öffentlicher und kirchlicher Institutionen wissenschaftlich erforscht.

Das Kloster St. Marienthal konnte an der umfangreichen DFG-Förderung teilhaben, weil es sich im Vorfeld schriftlich zur dauerhaften Aufbewahrung der untersuchten Handschriften verpflichtet hatte. Ein Verkauf schien damit von vornherein ausgeschlossen.

Anlieferung und leihweise Übergabe von Handschriften an das Handschriftenzentrum der UBL innerhalb des Kleinsammlungen-Projekts

Vor Beginn des Projekts waren weder die genaue Zahl noch Inhalt und Bedeutung der Handschriften des Klosters bekannt. Inzwischen sind wir sehr genau über Zusammensetzung und Entstehung dieser kleinen, aber landes- und kulturhistorisch eminent wichtigen Sammlung im Bilde. Obwohl St. Marienthal seit seiner Gründung im Jahr 1234 ununterbrochen besteht – eine extreme Besonderheit nicht nur in Deutschland –, konnten bei den projektvorbereitenden Sichtungen nur elf Buch-Handschriften in der Bibliothek ermittelt werden, fast alle liturgischen Inhalts zur Feier von Messe und klösterlichem Stundengebet.

Handschriften der Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal

Grund, dass vom einstigen mittelalterlichen Buchbestand so wenig erhalten ist, sind die verheerenden Schäden, die das Kloster seit dem 15. Jahrhundert erlitten hat: 1427 wurde die Anlage beim Einfall der Hussiten schwer zerstört, 1542 fiel die Abtei einem Großbrand zum Opfer. Was bis dahin als Lesebücher in einer Bibliothek vorhanden gewesen sein mag, wurde offenbar vernichtet. Die liturgischen Bücher in der Kirche oder Sakristei konnten aber, wie die erhaltenen Bände zeigen, zumindest teilweise gerettet werden.

Zu den schönsten Funden des Erschließungsprojekts zählt, dass zwei großformatige liturgische Chor-Handschriften – ein Graduale für die Gesänge der Messfeier (F 1/3) und ein Antiphonar (F 1/4) für das Stundengebet – mit hoher Wahrscheinlichkeit als ursprünglicher Besitz des Klosters ausgewiesen werden konnten.

Sie stellen die ältesten erhaltenen Bücher dar, die für den Gebrauch von St. Marienthal geschaffen wurden. Beide lassen sich aufgrund des Schriftbefunds und kunsthistorischer Aspekte in die Jahrzehnte vor 1450 datieren, das Graduale sogar recht sicher in die Zeit um 1430–40. Sie führen damit in eine Phase des Konvents, als die Schwestern nach dem Hussiteneinfall im Exil in Görlitz lebten und dort offenbar neu mit den zentralen Handschriften für die Durchführung des klösterlichen Lebens versorgt wurden. Diese für den frauenklösterlichen Gebrauch hergestellten liturgischen Bücher sind kulturhistorisch umso bedeutender, als sich in gesamt Sachsen aufgrund der Reformation des 16. Jahrhunderts kaum Liturgica der vorreformatorischen Zeit erhalten haben und speziell die Buch-Überlieferung aus den Frauenklöstern weitestgehend verloren ist.

Wie man sich das geistliche Leben in den sächsischen Frauenklöstern des Mittelalters vorzustellen hat, dafür ist Marienthal – neben dem ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert bestehenden Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern bei Kamenz – ein hochbedeutender Quellenfundus. Das Leipziger Projekt konnte beispielsweise auch einen Band des frühen 16. Jahrhunderts, in dem handgeschriebene und gedruckte Texte für Gesang und Andacht vereinigt sind, als ursprünglich für Marienthal bestimmt identifizieren (F 3/8).

Eines der wohl überraschendsten Ergebnisse bei der Erschließung der Marienthaler Sammlung war, dass sie einen Komplex von mindestens vier Pergamenthandschriften enthält, die eigentlich aus dem Besitz der betreuenden Vaterabtei stammen, dem Zisterzienserkloster Altzelle bei Nossen im Tal der Freiberger Mulde.

Die Bedeutung von Altzelle für die sächsische Landesgeschichte kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Gestiftet in den 1160er Jahren vom meißnischen Markgrafen Otto dem Reichen (1125–1190), einer der zentralen Herrschergestalten für den Aufstieg der Wettiner zu den großen Reichsfürsten, diente Altzelle in den ehemalig slawischen Gebieten, die vom deutschen Reich seit dem 10. Jahrhundert erobert worden waren, als Zentrum der religiösen und agrarökonomischen Erschließung und Durchdringung nach Standards, die sich am kulturell vorbildlichen Westen ausrichteten. Die Abtei war ab 1190 Grablege der Wettiner, damit einer der wichtigsten Gedächtnisorte der Markgrafschaft und des späteren Herzogtums Sachsen, und entwickelte sich schnell zum bedeutendsten Kloster der gesamten Region für die nächsten Jahrhunderte.

Erst mit Einführung der Reformation im Herzogtum Sachsen 1539 endete diese herausragende Stellung abrupt: Die Abtei wurde aufgehoben, die reichen Klostergüter und umfangreichen Ländereien wurden in staatlichen Besitz überführt. Auch die berühmte Bibliothek von Altzelle, eine der größten Büchersammlungen zwischen Prag und Erfurt, wurde damals aufgelöst: Der Herzog ließ sie der Universität Leipzig zur Verfügung stellen, die sie zum Aufbau der neugegründeten Universitätsbibliothek nutzte. Heute bilden die Altzeller Bücher einen der prominentesten Teile des Bestands an Handschriften und Alten Drucken in den Sondersammlungen der UB Leipzig.

Doch wie wir seit den Forschungen an den Marienthaler Handschriften wissen, waren 1541, als die herzoglichen Güterverzeichner nach Altzelle kamen, um den Klosterbesitz aufzunehmen, nicht mehr alle Bücher vor Ort. Einige besonders wichtige Stücke hatte man damals offenbar noch schnell in Sicherheit gebracht, und zwar über die Grenze ins Böhmische, wo die Tochterabtei St. Marienthal lag und die Reformatoren keinen Zugriff hatten. Gerade die beiden jetzt bei Günther angebotenen Handschriften, die als die kostbarsten Stücke aus der Marienthaler Bibliothek gelten dürfen, gehören zu diesem Altzeller Fluchtgut:

Neben dem ‚Marienthaler Psalter‘, dessen hoher Wert aufgrund der erlesenen Buchmalerei offenbar schon im 16. Jahrhundert gesehen wurde, handelt es sich um das Kapiteloffiziumsbuch der Zisterzienser von Altzelle, ein identifikatorisches Kernstück der klösterlichen Gemeinschaft (H 1/5).

Hinter dem sperrigen Titel ‚Kapiteloffiziumsbuch‘ verbirgt sich eine Handschrift, aus der bei der täglichen Versammlung des Konvents an jedem Morgen im Kapitelsaal des Klosters vorgelesen wurde: Man verlas die Geschichte des oder der Heiligen des jeweiligen Tages, gedachte der Toten, deren Sterbetag war, und hörte ein Kapitel aus der Ordensregel. So enthält auch das ‚Altzeller Kapiteloffiziumsbuch‘ ein Martyrologium mit den Angaben zu den Heiligen des Tages und die Benediktsregel, nach der die Zisterzienser leben.

Auf den Rändern des Martyrologiums sind Sterbedaten der Altzeller Äbte nachgetragen, um ihrer im Gebet zu gedenken. Man kann sich vorstellen, wie aufgeregt ich war, als ich bei einer Sichtung im Kloster plötzlich diesen eminent wichtigen Codex in Händen hielt und mir klar wurde, dass das verloren geglaubte Kapiteloffiziumsbuch sich in Marienthal wohlgehütet erhalten hatte. Seit den Forschungen am Handschriftenzentrum der UBL durch unseren Kollegen Matthias Eifler im Rahmen des Erschließungsprojekts wissen wir Genaues über die Handschrift: z. B. dass sie um 1174/75 angefertigt wurde und zu jenen Büchern gehörte, die der Altzeller Konvent übergeben bekam, als er 1175 das Kloster feierlich beziehen konnte, sicherlich im Beisein höchster Würdenträger aus Kirche und Adel. Das Buch führt also an einen Schlüsselpunkt sächsischer Geschichte.

Altzelle ist, wie gesagt, auch die Lösung, weshalb eine Handschrift wie der ‚Marienthaler Psalter‘ sich in St. Marienthal befindet (noch jedenfalls). Denn man musste sich ja, seitdem die Handschrift mit einem Buch-Faksimile 2006 breiter bekannt gemacht worden war, immer schon fragen, wie ein Luxus-Psalter, der im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts für eine Hochadlige in Franken entstanden war, in ein Zisterzienserinnenkloster weit im Osten an der Neiße geraten ist. Hier hat die genaue Erschließung im Leipziger Projekt das Rätsel gelüftet: Eine bislang unbeachtete Federprobe auf einem Blattrand, die aus der Zeit um 1300 stammt, belegt, dass der Psalter zu dieser Zeit in die Markgrafschaft Meißen gelangt war: In ihr wird mit dem Burggrafen von Meißen ein hochrangiger Vertreter des regionalen Adels genannt.

Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal, F 5/31, fol. 6r: Federprobe am unteren Rand V[enerabili] domino suo M[einhero] Misnensi burggrauio

Auch die Meißner Burggrafen hatten ihre Grablege in Altzelle und waren besondere Schutzherren der Abtei. So ist es wahrscheinlich, dass die luxuriöse Psalterhandschrift zunächst über verwandtschaftliche Verbindungen innerhalb des Adels in das heutige Sachsen gewandert und später von einem adligen Besitzer den Zisterziensern von Altzelle gestiftet wurde, als fromme Gabe für das Gebetsgedenken zugunsten des eigenen Seelenheils. Damit aber wird der ‚Marienthaler Psalter‘ zum einzig erhaltenen Beispiel hochadliger Buchkultur in Sachsen für die Zeit vor dem späteren 15. Jahrhundert und bietet einen einmaligen Einblick in die adlige Lebenskultur und Frömmigkeitspraxis des Mittelalters.

Außer dem Psalter und dem Kapiteloffiziumsbuch konnten durch das Leipziger Kleinsammlungen-Projekt auch zwei der liturgischen Handschriften als ehemaliger Altzeller Besitz gesichert werden (F 1/1, F 1/5). Das ist ebenfalls ein aufregender Fund, denn Altzelle war aufgrund seiner großen Bedeutung zwar einst reich an liturgischen Büchern – ohne dass wir allerdings heute wüssten, wie man sich diese oft prachtvoll ausgestatteten und großformatigen Bände konkret vorzustellen hat.
Über 51 Liturgica wurden 1541 von den Behörden im Kloster bei der Güterverzeichnung noch festgestellt („darunter 13 aus Pergament“, wie extra hervorgehoben wird), nicht eines davon hat sich jedoch nach derzeitigem Kenntnisstand erhalten. Mit dem Übergang zum evangelischen Ritus wurden diese Bücher schlichtweg nutzlos und sind später wie an vielen anderen Orten wohl vernichtet worden. Nun aber können wir anhand der beiden in Marienthal bewahrten Stücke zumindest exemplarisch nachvollziehen, wie die liturgische Praxis in Altzelle ausgestaltet war und wie die Bücher aussahen, die man für die täglichen Gottesdienste und Stundengebete in diesem religiösen Zentrum Sachsens benutzte.

Die Bibliothek von St. Marienthal hat aber noch von weiteren geistlichen Einrichtungen Sachsens vorreformatorische Buchschriftlichkeit aufgenommen und für die Nachwelt gesichert: Aus einem Franziskanerkloster des Bistums Meißen, eventuell dem von Görlitz, stammt ein Band, in dem gedruckte und handschriftliche Teile für die Feier der Heiligen Messe vereinigt sind (F 3/17). Einer der Frühdrucke der Klosterbibliothek wurde im Coelestinerkloster auf dem Oybin mit einem Einband versehen, für den ein interessantes Handschriftenfragment eines lateinisch-deutschen Vokabulars aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts nachgenutzt wurde (F 3/6).

So zeigt sich, dass die historische Klosterbibliothek von St. Marienthal ein Sammelbecken ist, in das Bestände aus vielen geistlichen Einrichtungen der Region eingegangen sind, um dort sicher die nächsten Jahrhunderte zu überdauern. Umso wichtiger, dass dieses einmalige historische Ensemble ohne Verluste erhalten bleibt und uns auch künftig Auskunft über die Geistes- und Bildungswelten vergangener Zeiten unseres Raums geben kann.

Alle Marienthaler Handschriften sind online einsehbar über sachsen.digital.

Folgende Begleitpublikationen von Matthias Eifler zu den St. Marienthaler Handschriften aus dem DFG-Projekt sind online verfügbar:

Christoph Mackert (UBL)

Dr. Christoph Mackert ist Leiter des Handschriftenzentrums an der Universitätsbibliothek Leipzig.

5 Kommentare

  1. Olaf Böhlk   •  

    Sehr geehrte Damen und Herren, 

    in Ihrem Text ist von „DEM Herzogtum Sachsen“ die Rede („…im Herzogtum Sachsen 1539 endete diese herausragende Stellung…“), dabei existierten stets mehrere sächsische Herzogtümer parallel, beispielsweise das Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Bei der Konstruktion von angeblich exklusiven „sächsischen“ „Vorgängerterritorien“ des napoleonischen Königreichs „Sachsen“ und des „Freistaates Sachsen“ handelt es sich um eine Doktrin der sogenannten „sächsischen Landesgeschichtsforschung“ zur geschichtspolitischen Etablierung eines „sächsischen“ Exzeptionalismus im Freistaat Sachsen.
    Tatsächlich bezeichnet der Begriff „Sachsen“ gegenwärtig jene Region, in der die drei sich gemäß ihrer Landesnamen und Hoheitszeichen über sächsische Traditionen konstituierenden Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und der Freistaat Sachsen liegen. Es gibt nichts, was den Freistaat Sachsen „sächsischer“ macht als seine sächsischen Nachbarbundesländer!
    Gerade an der Universität Leipzig kann man sich offenbar nicht von methodisch unsinnigen und wissenschaftlich falschen „sächsischen“ Identitätserzählungen trennen. Das ist bedauerlich.
     
    Mehr zu diesem Thema in meinem offenen Brief „Von den Ottonen zur Pegida? Karlheinz Blaschkes Deutungskonzept ‚Sachsens geschichtlicher Auftrag‘ und die ideologische Verknüpfung der Bezeichnungen ‚Mitteldeutschland‘ und ‚Sachsen‘ als geschichtspolitisches Paradigma nach der deutschen Wiedervereinigung.“ aus dem Jahr 2017: https://www.academia.edu/33728611/Von_den_Ottonen_zur_Pegida

    Mit freundlichen Grüßen
    Olaf Böhlk

    • Christoph Mackert (UBL)   •     Autor

      Sehr geehrter Herr Böhlk, vielen Dank für Ihren Hinweis und für Ihr Interesse an unserem Blogbeitrag. Historisch präzise hätte es in unserem Text natürlich Albertinisches Herzogtum Sachsen heißen müssen, das ist uns bewusst und ist auch auf der eingebetteten Karte abgebildet. Da wir als UB Leipzig wissenschaftlich überregional und international ausgerichtet sind, bewegen wir uns jenseits von Identitätserzählungen. Mit freundlichen Grüßen, Christoph Mackert

      • Olaf Böhlk   •  

        Sehr geehrter Herr Mackert,

        haben Sie vielen Dank für die Veröffentlichung meines Kommentars und für Ihre Reaktion. Doch leider handelt es sich bei der latenten und stillschweigenden Gleichsetzung von historischen und gegenwärtigen Staatenbezeichnungen oder der historischen Landschaft Meißen mit der Regionenbezeichnung „Sachsen“ durch wissenschaftliche Einrichtungen im Freistaat Sachsen nicht um eine Lappalie, sondern um ein nach 1990 maßgeblich durch Karlheinz Blaschke propagiertes geschichtspolitisches Programm, welches eine angeblich im Freistaat Sachsen realisierte exklusive Einheit von „sächsischem Volk“ und „sächsischen Raum“ postuliert. Auch wenn Sie sich mit Ihrem Text dankenswerterweise „jenseits von Identitätserzählungen“ bewegen möchten, stützen Sie durch eben diese paradigmatisch gut etablierte „Ungenauigkeit“ das Narrativ einer sich angeblich im Freistaat Sachsen manifestierenden „sächsischen Nation“, indem Sie jenem wissenschaftsfolkloristischen Konstrukt mit Ihrer Formulierung eine imaginäre Geschichte verschaffen. Ihren Lesern stattdessen die tatsächliche sächsische Realität – dass nämlich bis zur Gegenwart stets mehrere sächsische „regna“ parallel existieren, von denen keines beanspruchen kann, „sächsischer“ als die anderen zu sein – zu verdeutlichen, würde einen echten Abstand zu exklusiven „neo-sächsischen“ Identitätserzählungen im Freistaat Sachsen dokumentieren. Doch den emanzipatorischen Schritt – heraus aus dem Schatten einer mit dem leeren Signifikaten „Sachsen“ sehr frei hantierenden Geschichts-, Medien- und Marketingpolitik – scheint die Wissenschaft im Freistaat Sachsen leider bisher – trotz aller toxischen Nebenwirkungen im Umgang mit exklusiver „sächsischer“ Identität – noch nicht gehen zu können oder zu wollen…

        Falls Sie sich über die Geschichte eines „anderen Sachsen“ informieren möchten, empfehle ich Ihnen meine Broschüre zum sächsischen Bundesland Sachsen-Anhalt:

        https://www.academia.edu/37955425/

        Mit freundlichen Grüßen
        Olaf Böhlk

  2. Thomas Wittig (Archivar/Historiker)   •  

    Es ist sehr zu begrüßen, dass die Klosterbibliothek Marienthal und deren Handschriftenbestände nicht nur einer wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt wurden, sondern auch der einzigartige Tabubruch, in völlig unverantwortlicher und unfassbarer Art und Weise einzigartige Handschriften von unschätzbarem ideellen und kulturellen Wert auf den Kunstmarkt und unter „den Hammer“ zu bringen, um Profite zu generieren, offenbar verhindert werden konnte. Es sei aber auch klar darauf hingewiesen, dass neben den Handschriften auch wertvolle mittelalterliche Urkunden in Marienthal lagern, welche dringend einer wissenschaftlichen Neubarbeitung bedürfen. Die Edition Doehlers ist sehr fehlerhaft und muss als überholt gelten. Es könnten auch Urkunden sein, die möglicherweise wegen fehlenden Kapitals und einer prekären Finanzlage des Klosters bald in den Auktionshandel gelangen könnten ? Der Blick der Bearbeiter, der Mitarbeiter des Leipziger Handschriftenzentrums, hat sich m.E. nun dringend zu einem weiteren bedeutenden Oberlausitzer Kloster zu richten: Stella S. Mariae (Marienstern). Dessen wertvolle Handschriftenbestände harren ebenso der Bearbeitung wie die wertvollen Klosterurkunden, die nicht einmal in Kopie außerhalb des Klosters existieren. Hier besteht dringender Handlungsbedarf ! Mit freundlichen Grüßen, Th. Wittig

    • Christoph Mackert (UBL)   •     Autor

      Sehr geehrter Herr Wittig, vielen Dank für Ihre Hinweise und für die Weitung des Blicks über St. Marienthal hinaus! Mit St. Marienstern stehen wir als Handschriftenzentrum bereits wegen möglicher Projekte in Kontakt. Was die Bedeutung der dortigen Bestände angeht, kann ich nur zustimmen. Mit freundlichen Grüßen, Christoph Mackert

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