Hinter dicken Mauern eine andere Welt

Das Labyrinth der Magazine der Bibliotheca Albertina

Die Universitätsbibliothek Leipzig ist seit Generationen für Studierende beliebter Lern- und Arbeitsort. Eine ihrer grundlegenden Aufgaben allerdings war, ist und bleibt natürlich die Literaturversorgung. Viele Standorte verfügen daher auch über ausgedehnte Freihand- und Arbeitsbereiche und sind, bis auf die Arbeitsplätze unserer Kolleg*innen, fast vollständig zugänglich. Mit einer Ausnahme: die Bibliotheca Albertina.

Schauen wir auf ihren Orientierungsplan, sind längst nicht alle Etagen freigegeben. Manchmal sieht man auch Menschen in den Freihandbereichen, die mit Bücherwagen noch andere Türen ansteuern und dahinter verschwinden. Besonders offensichtlich ist das im Freihandbereich Slavistik im ersten Obergeschoss Ost.

Natürlich wissen die Studierenden, dass es dort zu den geschlossenen Magazinen geht. Häufig müssen Werke von dort bestellt werden. Denn längst noch nicht alles ist digitalisiert und wird es so bald auch nicht sein. Aber: Wie sieht es dahinter aus? Stehen da wirklich alte wertvolle Bücher? Und wie ist das Ganze organisiert? Wer arbeitet dort und wie finden sich die Kolleg*innen zurecht? Mit diesen und anderen Fragen sind wir „hinabgestiegen“ in unsere Magazine, wo momentan Nicole Härting, Elias Haslinger, Angela Kalitynski, Sophie Kratz, Anja Möbis, Lilly Planitzer, Sigrid Röder und Sabine Volkmer arbeiten. In ihren Bereich fallen weitgehend die Publikationen von heute bis zurück ins 17. Jahrhundert. (Für die Magazine der Sondersammlungen sind andere Kolleg*innen tätig.) Täglich von Montag bis Freitag heben die Magaziner*innen mehrmals am Tag aus.

„Ausheben“ bedeutet, dass sie die bestellten Bücher im Regal suchen und für die Nutzer*innen entnehmen. In die entstandene Lücke wird ein Pappschild mit Datum und Namenskürzel gestellt, sodass das Buch beim „Einstellen“ wieder an die richtige Stelle kommt.

Das ist dann der Rücklauf, der ebenso bewältigt werden muss. Früher, vor der Aufstellung des Großteils der Literatur in zugänglichen Bereichen wie Freihand und dem Offenen Magazin, waren das schon mal bis zu 700 Zettel pro Tag. Wenn die Kolleg*innen nicht ausheben oder zurückstellen, pflegen sie die Bestände, führen Revisionen durch und arbeiten an kleineren Projekten mit.

Aber was verbirgt sich eigentlich in dem riesigen Haus in der Beethovenstraße genau? Wie viele Magazin-Räume sind es?

Es sind viele, soviel erstmal. Und ihre Anzahl verändert sich aufgrund von Bauarbeiten und Umstrukturierungen, aber 20 bis 25 unterschiedliche Magazinräume sind es mindestens. Sie erstrecken sich vom Unterkeller Ost (unter dem Erdgeschoss im Osten des Gebäudes befinden sich noch zwei [!] Etagen) bis zur fünften Etage unter dem Dach (das sieht man sogar von den überdachten Innenhöfen der Freihandbereiche, die kleinen Fenster, dahinter verbirgt sich im westlichen Teil ein großer Teil des Altbestandes von Literatur des 17. bis 19. Jahrhunderts). Das bedeutet lange und komplizierte Wege mit den Bücherwägen, besonders seitdem unsere Buchtransportanlage aus Altersgründen in den Ruhestand geschickt wurde.  

In diesen Räumen sind 3,5 Millionen Bestandseinheiten untergebracht. Darunter versteht man Monografien, Zeitschriften, Zeitungen, audiovisuelle Medien usw. In laufenden Metern umgerechnet sind das zum Beispiel an Zeitschriften im Quartformat 6.500 lfm (laufende Meter). Die Fachsignaturen nehmen 30.000 lfm Platz in Anspruch. Auf 3.340 lfm stehen die 4° (Quart) Monografien und die 2° (Folios) auf 880 lfm. Die kryptischen Zahlen bezeichnen das Format, also die Größe der Medieneinheiten.

AbkürzungNameBuchrückenhöhe
Folio<45 cm
Quart<35 cm
Oktav<25 cm

Nach welchem Prinzip sind die Bücher in den Magazinen aufgestellt? Nach Größe oder nach Fach oder einfach chronologisch nach ihrem Entstehungsjahr?

Genau genommen: nach all diesen Kriterien gleichzeitig. Es gibt ein sehr breites Spektrum an Signaturen, insgesamt sind es über 270 verschiedene Signaturgruppen. Die Signaturgruppen spiegeln die Geschichte der Bibliothek wider und zeugen von den Bemühungen unserer beruflichen Vorfahren, alles klar und übersichtlich zu gestalten und zu ordnen.

Bis zum Erwerbungsjahr 1939 sind die Bücher im Magazin nach Fachbereichen aufgestellt, sprich nach Fachsignaturen. Da gibt es einfach anmutende wie z. B. Phys.202 (ausgeschrieben: „Physik“) und schwierigere wie z. B. Ep.lat.rec. (ausgeschrieben: Epistolographi latini recentiores, auf Deutsch ungefähr: „Die neuen lateinischen Briefeschreiber“).

Was sind Fachsignaturen und wie viele davon gibt es im Magazin?

Die Fachsignaturen ist die älteste Organisations- bzw. Ordnungsform im Magazin der UBL. Sie wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt. Die Formate spielen in den Fachsignaturen keine Rolle, das heißt, die Bücher sind nicht nach ihrer Größe geordnet. Die Fachsignaturen untergliedern sich in ca. 200 Fachgebiete und umfassen einen Bestand aus ca. einer Million Bänden. Auf 30.000 laufenden Metern stehen Bände aus Sachgruppen wie z. B. Jura, Literatur, Naturwissenschaften, Philosophie oder Theologie. Die Fachsignaturen stehen nach umfangreichen Umräumaktionen seit 2015 komprimiert im Dachgeschoss und in der ersten Etage Ost. Das war damals ein gigantisches Schiebepuzzle.

Die Fachsignaturen wurden jedoch 1940 vor allem aus Platzgründen aufgegeben. An ihre Stelle trat eine fortlaufende numerische Aufstellung nach dem Numerus-Currens-Prinzip. Eine solche Signatur lautete beispielsweise 89-8-1802: Hierbei bezeichnet die erste Zahl das Eingangsjahr des Mediums in die UB (in diesem Fall 1989), die zweite Zahl das Format (in diesem Fall ein Oktav-Format), die dritte Zahl wiederum ist eine fortlaufende Zählung für die Erwerbungen des bezeichneten Jahres.

Die Kolleg*innen vom Blogteam verstehen nur Bahnhof …

Für die Magaziner*innen ist es kein Problem, dies alles auseinanderzuhalten. Der Erfahrung ihrer vielen Vorgänger*innen ist es zu verdanken, dass nicht wild im Gebäude herumgelaufen werden muss. Jede*r, die/der im Magazin arbeitet, weiß nach einer bestimmten Zeit auswendig, wo genau Signaturen im Gebäude stehen und hebt dementsprechend schnell aus. Zudem spart eine gute Orientierung wertvolle Arbeitszeit und schont die Füße. Und für die Nichtmagaziner*innen, die Bücher ausheben – das sind allerdings nur einige wenige Mitarbeiter*innen – gibt es eine stets aktualisierte Excel-Tabelle.

Die einhellige Meinung der Magaziner*innen kann diesen Beitrag wunderbar beschließen: „Die Arbeit im Magazin ist spannend. Wir entdecken auch immer wieder ganz wunderbare Folianten oder sehr schön gestaltete Bücher. Und wir staunen über die vielseitigen Interessen unserer Nutzer*innen: was da so alles benötigt wird. Das macht uns dann immer ganz froh.“

Sophia Manns-Süßbrich (UBL)

Dr. Sophia Manns-Süßbrich ist Fachreferentin für Amerikanistik, Anglistik und Slavistik an der Universitätsbibliothek Leipzig.

1 Kommentar

  1. Cordula Reuss   •  

    Ein schöner Beitrag über die vielfältigen Magazine der Bibliotheca Albertina in denen man sich als Lehrling schon verlaufen konnte. Auch mein alter Lehringsbericht, wohl von 1976, kam zu Ehren mit der Abbildung der Signaturschilder. Herzliche Grüße von der Un-Ruheständlerin Cordula Reuss

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