„Gewichtige“ Gäste in der Universitätsbibliothek Leipzig: Digitalisierung und Erschließung der Naumburger Chorbücher

Prachtvolle Handschriftenriesen in der Universitätsbibliothek

Seit mehreren Monaten beherbergt die Universitätsbibliothek Leipzig regelmäßig „gewichtige“ Gäste in ihren Räumen: Acht über fünfhundert Jahre alte Chorbücher aus dem Besitz der Domstiftsbibliothek Naumburg werden hier digitalisiert und wissenschaftlich erschlossen. Die Bearbeitung erfolgt am Handschriftenzentrum im Rahmen von zwei Projekten, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden.

Das erste Projekt widmet sich noch bis zum Jahresende der wissenschaftlichen Tiefenerschließung von 107 weitgehend unbekannten Handschriften und Fragmenten aus der Zeit vom ausgehenden 8. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie stammen aus acht Bibliotheken und Einrichtungen in Sachsen und dem Leipziger Umland. In diesem Projekt werden auch 30 Handschriften und acht ausgewählte Fragmente aus dem Besitz der Domstiftsbibliothek Naumburg bearbeitet. Die Ergebnisse werden kontinuierlich über die Projektseite im zentralen deutschen Handschriftenportal „Manuscripta Mediaevalia“ präsentiert. Parallel zur Erschließung erfolgt seit September 2013 die Digitalisierung der bearbeiteten Bestände im Rahmen einer von der DFG angeregten Pilotphase zur Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften.

Das Erschließungsprojekt hat zu bemerkenswerten Funden geführt, von denen nur zwei genannt werden sollen. In einer Handschrift aus der Katholischen Pfarrbibliothek Jauernick wurde das älteste sorbische Literaturzeugnis (bald nach 1510) entdeckt. In einer Naumburger Handschrift wiederum fanden sich Fragmente der vermutlich ältesten Handschrift des „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach aus der Zeit um 1220. Außerdem wurden zahlreiche neue Texte sowie bislang unbekannte Textzeugen bereits bekannter Werke aus verschiedenen Fachbereichen (z. B. Theologie, Rechts-, Medizin- und Landesgeschichte, Philosophie sowie Liturgie- und Musikwissenschaft) aufgefunden, aber auch personengeschichtliche Daten zu Schreibern und Vorbesitzern oder Informationen zur Entstehung ganzer Sammlungen zusammengetragen. Durch die zeitnahe Bereitstellung der Beschreibungen und Digitalisate über „Manuscripta Mediaevalia“ steht das erarbeitete Material Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch interessierten Laien sofort und kostenfrei zur Verfügung.

Das angelieferte Chorbuch vor der Digitalisierung

Das angelieferte Chorbuch vor der Digitalisierung

Innerhalb des Projektverlaufs stellen die acht Naumburger Chorbücher schon aufgrund ihres Umfangs eine besondere Herausforderung für die Digitalisierung und Bearbeitung dar. Die zwischen 275 und 337 Pergamentblätter umfassenden Bände weisen ein ungewöhnlich großes Format (ca. 73–77 cm hoch, ca. 52–55 cm breit) und Gewicht (ca. 45 kg pro Band) auf und dürften zu den größten erhaltenen Handschriften des Mittelalters gehören. Alle Codices sind mit prachtvoller Buchmalerei, nämlich Zierseiten und historisierten Initialen zu den Hochfesten, ausgestattet und in Holzdeckeleinbände mit geprägten Lederbezug und Metallbeschlägen gebunden. Die Zeit ist allerdings nicht spurlos an den Bänden vorbeigegangen: Seiten sind geknickt, verschmutzt oder durch Tintenfraß geschädigt, die Buchmalerei ist teilweise schadhaft, manchmal sind die Deckel und Rücken verzogen. Auch wurden einzelne Zierseiten und Miniaturen herausgetrennt.

Ein Projekt und viele Partner

An der Vorbereitung und Durchführung der Digitalisierung wirkten verschiedene Partner mit. Zunächst führte das Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS) der Fachhochschule Köln eine detaillierte Schadensanalyse zu allen Bänden durch und übernahm die Restaurierung eines leicht beschädigten Bandes. Für die Digitalisierung der monumentalen Chorbücher wurde anschließend unter Berücksichtigung der konservatorischen Vorgaben ein eigenes Verfahren entwickelt, das bei größtmöglicher Schonung der Objekte hochwertige und qualitätvolle Aufnahmen erzielt. Erste Erfahrungen wurden dabei in der Digitalisierungsabteilung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena gesammelt, wo Chorbuch I digitalisiert wurde. Die in Jena verwendete Technik wurde danach leihweise an die UB Leipzig abgegeben, wo das Verfahren noch einmal modifiziert wurde. Hier wird seit September 2014 durch Jekaterina Kredovica und verschiedene studentische Hilfskräfte die Digitalisierung der restlichen sieben Chorbücher II–VIII durchgeführt, wobei eine dauerhafte Betreuung durch die Restaurierungsabteilung der UB Leipzig gewährleistet ist.

Transportkiste für ein Chorbuch

Transportkiste für ein Chorbuch

Die Bücher werden in speziellen Transportkisten nach Leipzig geliefert, in der Universitätsbibliothek bearbeitet und gehen nach Abschluss der Bearbeitung wieder zurück in die Domstiftsbibliothek nach Naumburg. Wie stark alle beteiligten Institutionen von einer engen Zusammenarbeit profitieren können, zeigte ein von der Domstiftsbibliothek organisiertes interdisziplinäres Kolloquium am 12. Dezember 2014.

Meißner Chorbücher aus Leipzig?

Chorbuch IV, Antiphonar-Sommerteil, Blatt 50r: Zierseite zum Kirchweihfest (Sonntag nach Mariae Geburt), in der Initiale Kirchengebäude und verschiedene Personen, in der Zierranke unten ein Bauer mit einem Knüppel, der den Fuchs mit einer Gans im Maul verfolgt

Chorbuch IV, Antiphonar-Sommerteil, Blatt 50r: Zierseite zum Kirchweihfest (Sonntag nach Mariae Geburt), in der Initiale Kirchengebäude und verschiedene Personen, in der Zierranke unten ein Bauer mit einem Knüppel, der den Fuchs mit einer Gans im Maul verfolgt

Die inhaltliche Erschließung führt der wissenschaftliche Bearbeiter Matthias Eifler fast ausschließlich anhand der Digitalisate durch, was angesichts der Maße und des Gewichts nicht nur praktisch ist, sondern gleichzeitig die kostbaren Originale schont. Die Chorbücher haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie waren ursprünglich nicht für Naumburg bestimmt, sondern wurden Anfang des 16. Jahrhunderts im Auftrag des Bischofs Johannes von Salhausen († 1518) und des Domkapitels für den Dom von Meißen angefertigt. Die Bände dienten den Domherren und den von ihnen eingesetzten Vikaren und Choralisten (also professionellen Sängern) zur Durchführung ihrer liturgischen Verpflichtungen. Die acht Bände sind unterteilt in vier Winterteile (Advent bis Vorabend von Pfingsten) und vier Sommerteile (Pfingsten bis Ende des Kirchenjahres). Sie enthalten – jeweils in zwei weitgehend identischen Paaren für die einander im Chorgestühl gegenübersitzenden Chöre – in den Gradualien alle Gesänge zur Messe und in den Antiphonaren alle Gesänge zum Stundengebet.

Mittlerweile kann der Herstellungsprozess genauer beleuchtet werden: Während die Winterteile zwischen 1500 und 1504 angefertigt wurden, übergab man den Auftrag für die Herstellung der Sommerteile am 12. August 1506 an den Leipziger Magister Andreas Alexander. Alexander, der bislang nur als Mathematiker an der Leipziger Universität bekannt war, scheint als Buchführer für die Koordination des aufwendigen Chorbuch-Projektes zuständig gewesen zu sein. Er sorgte dafür, dass die einzelnen Lagen geschrieben, notiert, illuminiert und die Einzellagen gebunden wurden. Als Preis wurden pro Band sechs Rheinische Gulden vereinbart; die Materialkosten, v. a. die nicht unerheblichen Ausgaben für das großformatige Pergament, trug das Domkapitel. Da der Auftrag an einen Leipziger Magister übergeben wurde, ist zu vermuten, dass der gesamte Herstellungsprozess in Leipzig erfolgte, wo ein Netz von auf die Buchherstellung spezialisierten Werkstätten bestand. Die Niederschrift der Chorbücher erfolgte in enger Abstimmung mit der Erstellung der Meißner Liturgiedrucke, die zeitgleich in Leipzig von Melchior Lotter gedruckt wurden. Die Ausstattung nahm man nach Aussage des Buchmalerei-Spezialisten Armand Tif (Wien) in der „Missalienwerkstatt“ vor, dem damals größten und produktivsten Buchmaler-Atelier Leipzigs. Die Bindung übernahm schließlich die wohl ebenfalls nach Leipzig zu lokalisierende Werkstatt des sogenannten „Buchführers des Thammo Löser“.

Chorbuch III, Blatt 121r, Detail des Buchschmucks: Rotkehlchen und Blaumeise an einem Veilchenbusch

Chorbuch III, Blatt 121r, Detail des Buchschmucks: Rotkehlchen und Blaumeise an einem Veilchenbusch

Chorbuch VII, Antiphonar-Winterteil, Blatt 165r: Evangelist Johannes vor einer Erscheinung Gottvaters, in der Zierranke Hahn, Pfau und Masken

Chorbuch VII, Antiphonar-Winterteil, Blatt 165r: Evangelist Johannes vor einer Erscheinung Gottvaters, in der Zierranke Hahn, Pfau und Masken

Von Meißen nach Naumburg

Die Meißner Chorbücher gerieten nach der Einführung der Reformation im Hochstift Meißen 1539 in landesherrlichen Besitz und wurden nach Dresden verbracht. 1580 gelang es dem inzwischen evangelisch gewordenen Naumburger Domkapitel, diese kostbaren Bücher für den eigenen Gottesdienst zu erwerben.

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Die 1580 angefertigten Pulte im Ostchor des Naumburger Doms mit den darauf liegenden Chorbüchern (Bildrechte: DSB Naumburg)

Damals wurden auch die heute noch im Ostchor des Naumburger Doms erhaltenen Chorpulte angeschafft, auf denen die Buchriesen dauerhaft aufgestellt werden konnten. Dass die Bände von den Naumburger Domherren, Choralisten und Vikaren bis weit in das 19. Jahrhundert benutzt wurden, zeigen zahlreiche neuzeitliche Benutzungsspuren. So ritzten einige Choralisten im 16. und 17. Jahrhundert ihre Namen in die kostbaren Miniaturen und Zierrahmen ein, anderen trugen ihre Namen oder Monogramme auf den Einbandinnenseiten oder an den Seitenrändern nach. Von der intensiven Nutzung zeugen auch zahlreiche Eintragungen, Korrekturen und Streichungen. So wurden alternative Melodien oder Gesänge eingefügt oder wurde das Gesangs-Pensum durch Streichungen oder Markierungen gekürzt.

Die ehemals Meißner, jetzt Naumburger Chorbücher sind aufgrund ihres Formats und ihrer kostbaren Ausstattung als Zimelien der spätmittelalterlichen Buchkunst anzusehen. Während ihrer Bearbeitung konnten generelle Erfahrungen mit der konservatorischen Betreuung, Digitalisierung und Erschließung großformatiger mittelalterlicher Codices gesammelt werden, die für vergleichbare Bände und Projekte anwendbar sind. Inhaltlich zeugen die Chorbücher sowohl von der spätmittelalterlichen Liturgie in der Meißner Domkirche kurz vor der Reformation als auch von den Modifikationen, welche die Liturgie in der Frühen Neuzeit im evangelischen Stift Naumburg erfuhr. Im Verlauf der genannten Projekte am Leipziger Handschriftenzentrum, während derer die Chorbücher – wenngleich nur kurzzeitig – an den möglichen Ort ihrer Entstehung zurückkehrt sind, werden erstmals ausführliche Inhaltsbeschreibungen sowie Volldigitalisate für alle acht Bände angefertigt. Damit wird reiches Material für künftige Spezialuntersuchungen, etwa durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Liturgie- und Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Buchwissenschaft, bereitgestellt.

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