125: Von Akten in Akten

Bibliothek und Malgarten

Was geschieht da im begrünten Innenhof der Bibliotheca Albertina? Büsche werden gepflanzt, Rasenstücke eingeebnet, Bäume gefällt und vor den Mauern der Kellerfenster Pflanzlöcher ausgehoben.

Moment, denkt sich da der Direktor der Universitätsbibliothek, so geht das aber nicht, davon weiß ich ja gar nichts. Und obwohl der Innenhof zur Benutzung der Hochschule für Grafik und Buchkunst überlassen ist, fragt er nach.

Die kollegiale Antwort von „gegenüber“ verblüfft ihn dann doch einigermaßen:

„[…] Absicht war, entlang dem Drahtzaun etwas Buschwerk anzulegen und auch in der Nähe der Fenster […] dass diese in ihrem Licht nicht beeinträchtigt werden und dass sowohl die innerhalb und außerhalb lebenden Personen sich nicht gegenseitig beobachten können, dass also eine Art Mauer, wie nach der Straße zu, auch nach der anderen Seite geschaffen wird.“

Warum um Himmels Willen soll der Innenhof blickdicht bepflanzt werden? Dies wird schnell deutlich, denn weiter heißt es:

„Der Grund für diesen Plan liegt darin, dass wir beabsichtigen in diesem Garten zu malen und nicht nur Kostümfiguren, sondern auch nackte Menschen.“

Wie bitte? Aktmalerei im Innenhof der Bibliothek?

Vermutlich wundern Sie sich spätestens jetzt, was das hier für eine seltsame Geschichte ist. Für eine Aufklärung müssen wir gut 100 Jahre zurückschauen, in das Frühjahr 1915. Bei den beiden korrespondierenden Herren handelt es sich zum einen um Prof. Dr. Karl Boysen (1852–1922), Direktor der „Königlichen Universitäts-Bibliothek“ und Prof. Dr. Max Seliger (1865–1920), Direktor der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, heute Hochschule für Grafik und Buchkunst. Seligers Pläne, den Innenhof der Akademie in einen „Malgarten“ umzugestalten, war genauestens durchdacht. Denn selbstverständlich hatte er kein Interesse daran, zum Objekt öffentlichen Ärgernisses zu werden:

„Dies [die Aktmalerei, Anm. LH] würde unter Umständen bei Personen, die unseren Betrieb der Kunst nicht kennen, Missverständnisse erwecken, wenn ihnen solches aufdringlich vorgeführt wird. Sie werden uns wahrscheinlich beobachten und dazu vielleicht noch Bekannte mitbringen und das würde für beide Parteien nur störend wirken und zu Klagen führen.“

In diesem Punkt waren die Herren sich einig, auch Herr Boysen hatte kein Interesse an einem schaulustigen Menschenauflauf hinter seiner Bibliothek, weshalb er sich mit Seligers Plänen der Landschaftsgestaltung prompt einverstanden erklärte. Mit einer kleinen Einschränkung: Direkt vor die Kellerfenster wollte er keine Bepflanzung. Dort wurde damals das Brennholz verarbeitet und dazu brauchte es doch gerade im Winter genügend Licht. Verständlicher Einwand.

Außer dem Kellerlicht erwog Boysen jedoch auch die Wahrscheinlichkeit, dass man von anderer Stelle das Treiben beobachten könnte. Doch hier hatte er volles Vertrauen in seine Mitarbeiter:

„Aber von den Obergeschossen aus, insbesondere dem Rundgang, der um den Lesesaal führt, ist ein Einblick leicht möglich. Dagegen hilft keine Hecke. Da aber nur Beamte der Bibliothek und Dozenten zu den Bücherräumen Zutritt haben, und wohl kaum heraussehen, dürfte wohl Ärgernis nicht entstehen.“

Somit war die Bepflanzung beschlossene Sache. Ob der Innenhof dann tatsächlich in einen Malgarten umgestaltet wurde? Ich weiß es nicht, hinsichtlich des Fortschreitens des 1. Weltkriegs würde es mich  aber wundern.

(Quellen: Registratur UBL: Mappe 228. Mss. Brief, Boysen an Seliger, 26.04.1915; Mappe 228. Mss. Brief, Seliger an Boysen, 24.04.2015)

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