Unbekannten Handschriftenbeständen in Ostdeutschland auf der Spur

Aktivitäten des Leipziger Handschriftenzentrums zur Erschließung und Digitalisierung von Streuüberlieferung 

Ein Beitrag von Dr. Matthias Eifler und Dr. Werner Hoffmann

Fortsetzung eines Erschließungsprojektes am Leipziger Handschriftenzentrum

Seit den frühen 2000er Jahren engagiert sich das Handschriftenzentrum der UB Leipzig, eine von sechs Service- und Kompetenzeinrichtungen für die Erschließung und Digitalisierung von Handschriftenbeständen in Deutschland, in der Aufarbeitung von kleinen und kleinsten Handschriftensammlungen. Ein bis 2015 durchgeführtes, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Pilotprojekt hat gezeigt, welchen reichen Fundus für Neuentdeckungen die Erschließung unbekannter Streuüberlieferung in städtischen und kirchlichen Archiven, Kloster- und Stiftsbibliotheken, Schulbibliotheken sowie Museen bietet.

Seit 2016 werden in einem Fortsetzungsprojekt 245 Handschriften und Fragmente aus elf Institutionen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern bearbeitet. Nach der positiven Begutachtung der ersten Arbeitsphase durch die DFG kann das Projekt nun seit Frühsommer 2019 für drei weitere Jahre fortgesetzt werden. Dies bietet Anlass, einige Ergebnisse und Funde aus der ersten Projektphase vorzustellen.

Klosterbibliothek von St. Marienthal

  • Abb. 1 Kapiteloffiziumsbuch des Klosters Altzelle, um 1174/75, Beginn des Martyrologiums (St. Marienthal, Klosterbibliothek, H 1/5, 1v)
  • Abb. 2 Graduale für das Zisterzienserkloster Plaß bei Pilsen, zwischen 1224 und 1235 (St. Marienthal, Klosterbibliothek, F 3/29, 55r)

Im historischen Buchbestand der 1234 gegründeten Zisterzienserabtei St. Marienthal (bei Görlitz) sind nur noch Reste der mittelalterlichen Überlieferung erhalten, weil das Kloster immer wieder Opfer von verheerenden Bränden und Plünderungen war. Im Projekt wurden elf Handschriften sowie drei als Buchbindemakulatur dienende Fragmente bearbeitet. Nur wenige  davon stammen ursprünglich aus dem Frauenkloster. Vielmehr wurde festgestellt, dass einige großformatige und mit Buchschmuck ausgestattete liturgische sowie weitere für die Identität des Konvents bedeutsame Handschriften ursprünglich der Vaterabtei Altzelle gehörten.

Als 1539 im Zuge der Reformation das Kloster aufgelöst wurde, rettete man also offenbar einige besonders wichtige Stücke zu den Schwestern von St. Marienthal. Dies betrifft neben Liturgica auch das verloren geglaubte, um 1174/75 angelegte und zum Gründungsbestand Altzelles gehörende Kapiteloffiziumsbuch (H 1/5,  Abb. 1).

Der kunsthistorischen Forschung völlig unbekannt war bislang auch ein in Böhmen entstandenes und auf die Zeit zwischen 1224 und 1235 zu datierendes illuminiertes Graduale (F 3/29), das wohl für das Zisterzienserkloster Plaß bei Pilsen angefertigt worden ist (Abb. 2).

Stadtarchiv Meißen

Abb. 3 Von Jan Mikuš ausgestattete Bibel, um 1469 (Meißen, Stadtarchiv, H 4, 1r)

Aus dem Stadtarchiv Meißen wurden sechs mittelalterliche Codices bearbeitet. Fünf dieser Bände gelangten um 1948 aus der Bibliothek der Landesschule St. Afra in das Archiv.

Hervorzuheben ist eine großformatige Bibel (H 4), die um 1469 vom böhmischen Buchmaler Jan Mikuš mit prächtigen Zierseiten und Initialen ausgestattet wurde (Abb. 3).

Aufmerksamkeit verdient auch ein um 1485 geschriebenes medizinisches Handbuch eines wohl in Meißen beheimateten anonymen Arztes (H 6), das über 600 deutsche und lateinische Rezepte enthält, die von zahlreichen bisher zumeist unbekannten Autoren stammen und einen außergewöhnlich starken Praxisbezug aufweisen.

Abb. 4 Meißner Bischofsliste in Sammelhandschrift des Donatus Cluge, 1472 (Meißen, Stadtarchiv, H 5, vorderer Spiegel)

Eine Handschrift (H 5) wurde 1463 vom Görlitzer Prediger Donatus Cluge angelegt und von ihm nach seinem Wechsel an den Dom zu Meißen mit weiteren Texten, u. a. einer Liste der Meißner Bischöfe (Abb. 4), ergänzt.

Diese Handschrift sowie weitere Manuskripte in Görlitz, Wrocław und Prag dokumentieren die Tätigkeit des angesehenen Predigers, der in der urkundlichen Überlieferung kaum zu fassen ist.

Andreas-Möller-Bibliothek des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Freiberg

Abb. 5 Glossierte Bibel, wohl Franziskanerkloster Freiberg, um 1300 (Freiberg, AMB des GSG, 37v)

Die Andreas-Möller-Bibliothek beherbergt einen für eine Schulbibliothek exzeptionellen historischen Buchbestand. Neben Inkunabeln und weiteren Drucken sind auch 41 mittelalterliche Handschriften erhalten, die nach der Auflösung der Freiberger Bettelordensklöster und des Liebfrauenstifts zunächst in die Lateinschule und später in die Gymnasialbibliothek eingegangen waren.

Darunter befinden sich zwölf glossierte und mit Buchschmuck ausgestattete Bibeln, die aus dem Vorbesitz des Freiberger Franziskaner- und Dominikanerklosters stammen. Während für mehrere von ihnen wegen des Schriftbefunds und der Buchmalerei eine Provenienz aus Italien oder Frankreich anzunehmen ist, kann für vier Bände (u. a. I C 2° 19) eine Entstehung im Franziskanerkloster im späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert angenommen werden (Abb. 5 und 6). Dass somit ein um 1300 tätiges und auf qualitätvolle Buchmalerei spezialisiertes Skriptorium in diesem Kloster greifbar wird, wirft einen neuen Blick auf die Buchproduktion im mittelalterlichen Freiberg und ist auch für die Erforschung der mitteldeutschen Skriptorien und Buchmalereiateliers von großer Bedeutung.

Abb. 6  Glossierte Bibel, wohl Franziskanerkloster Freiberg, um 1300 (Freiberg, AMB des GSG, 143v, Ausschnitt)

Als besonderer Fund erwies sich ein Fragment der Moralia in Iob Gregors des Großen (Abb. 7). Bald nach 1677 wurde das Blatt als Einbandbezug eines Sammelbandes mit ca. 100 Leichenpredigt-Drucken zu Freiberger Persönlichkeiten benutzt. Das Fragment, das auf um 800 zu datieren ist und dem Skriptorium des Salvatorklosters am Monte Amiata in der Provinz Siena zugewiesen werden kann (freundlicher Hinweis von Prof. Dr. Tino Licht / Heidelberg), ist das älteste im Projekt bearbeitete Stück.

Abb. 7 Einzelblatt aus der Moralia in Iob, um 800 (Freiberg, AMB des GSG, 3. 4° LP. 7, Einbandbezug, vorn)

Stadtarchiv Stralsund

Das Stadtarchiv von Stralsund besitzt insgesamt 55 mittelalterliche Handschriften, die wohl zu einem großen Teil aus den beiden Bettelordensklöstern der Stadt stammen. Da der Stralsunder Bestand in der Forschung kaum bekannt ist, konnten bei seiner Bearbeitung zahlreiche Neuentdeckungen gemacht werden, von denen nur einige wenige aus dem Fundus der deutschsprachigen Stücke genannt seien:

Abb. 8 Brevilogus, Textanfang und Datierung auf 1379 (Stralsund, Stadtarchiv, HS 1049, 1r, Ausschnitt)

Eine möglicherweise im Stralsunder Dominikanerkonvent entstandene Handschrift (HS 1049) überliefert den Brevilogus, ein lateinisches Wörterbuch mit deutschen Glossen; die Abschrift ist auf 1379 datiert (Abb. 8) und damit der mit Abstand älteste Textzeuge dieses weit verbreiteten Werks, als dessen Entstehungszeit von der Forschung bisher das ausgehende 14. Jahrhundert vermutet wurde.

Eine Mitte des 15. Jahrhunderts in einem Frauenkloster geschriebene Handschrift (HS 975) enthält den niederdeutschen Tugendentraktat Spiegel des Herzens, der bislang nur in einer einzigen Handschrift überliefert war; im Einband von HS 975 wurde ein Fragment (ein vollständiges Doppelblatt) der mittelniederländischen Dichtung Dat boec van den houte entdeckt.

Abb. 9 Einband mit Wappen der Stralsunder Gewandschneider (Stralsund, Stadtarchiv, HS 996, Einband)

In einem um 1405–10 zu datierenden und wohl aus dem Besitz der Stralsunder Gewandschneiderkompanie stammenden Band (HS 996) (Abb. 9) findet sich eine nach Sachthemen geordnete Sammlung von Auszügen aus dem Sachsenspiegel (ein sog. Rechtsabecedar). Es handelt sich dabei um einen sehr originalnahen Überlieferungsträger eines in der Forschung als Greifswalder Abecedar bekannten Werks, dessen Original laut lateinischem Prolog im Jahr 1400 in Greifswald entstand. 

Künftig digital verfügbar

Damit die Projektergebnisse der Forschung zeitnah zur Verfügung stehen, werden die von den drei wissenschaftlichen Bearbeiter*innen angefertigten ausführlichen Beschreibungen sukzessive über die Projektseite veröffentlicht. Durch die finanzielle Unterstützung der Digitalisierungsprogramme der Freistaaten Sachsen und Thüringen sowie des Landes Mecklenburg-Vorpommern konnten außerdem die Voraussetzungen geschaffen werden, um sämtliche bearbeiteten Manuskripte auch in digitaler Form verfügbar zu machen. Im zentralen deutschen Handschriftenportal, an dessen Entwicklung die Leipziger Universitätsbibliothek maßgeblichen Anteil hat, werden künftig die wissenschaftlichen Beschreibungen und Digitalisate dieser Manuskripte sowohl für die Forschung als auch für  interessierte Laien dauerhaft, kostenlos und leicht zugänglich zur Verfügung stehen.

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