Ein Blick hinter die Kulissen bei der digitalen Transformation einer traditionsreichen Zeitschrift
Die Universitätsbibliothek (UB) Leipzig bietet den Angehörigen der Universität Leipzig seit mehreren Jahren einen kostenlosen Service für die Verwaltung und Veröffentlichung von elektronischen Zeitschriften an, basierend auf der Zeitschriftenverwaltungs- und Publikationssoftware Open Journal Systems (OJS). Damit unterstützt sie die Wissenschaftler*innen dabei, neue Open-Access-Zeitschriften zu gründen, beziehungsweise etablierte Schriftenreihen und Zeitschriften auf Open Access (OA) umzustellen.
Im Juli 2026 wurde unsere traditionsreichste Zeitschrift, die Namenkundlichen Informationen, in das Directory of Open Access Journals (DOAJ) aufgenommen – ein renommiertes Qualitätssiegel für OA-Zeitschriften. Anlässlich dieses Meilensteins blicken wir mit dem Redaktionsteam zurück auf die Veränderungen der letzten Jahre: von der Print-Ära zur digitalen Publikation, von klassischer Redaktionsarbeit zu modernen OA-Praktiken, und fragen uns, was es bedeutet, eine etablierte Zeitschrift in die Zukunft zu führen.
UB Leipzig: Liebe Herausgebende, welche Ziele verfolgt Ihr Journal und wer steht hinter dem Projekt?
Hrsg.: Die Fachzeitschrift Namenkundliche Informationen (Journal of Onomastics) ist ein international und interdisziplinär ausgerichtetes Publikationsorgan für die Namenforschung. Ihr Ziel ist die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Forschungsbeiträgen auf dem Gebiet der Onomastik mit besonderem Augenmerk auf deren Schnittstellen zu Linguistik, Literaturwissenschaft, Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaft, Philosophie und Geographie. Die Zeitschrift ist offen für Untersuchungen aller Namensarten (Personennamen, Toponyme etc.) aus allen Sprachräumen.

Foto: NI-Redaktion
Hinter dem Journal steht die Gesellschaft für Namenforschung e. V. (GfN), die dieses gemeinsam mit dem Dekanat der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig herausgibt. Die GfN ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit vielen Jahren der Erforschung von Namen und dem Austausch darüber widmet und sich der Förderung der Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Onomastik verschrieben hat.
Gegründet wurde die Gesellschaft 1990 von Slawist*innen, Germanist*innen und Historiker*innen in Leipzig; sie ist heute die größte wissenschaftliche Vereinigung für Namenforschung im deutschsprachigen Raum. Der Verein zeichnet sich durch verschiedene Aktivitäten aus. Zum einen führt er regelmäßig Tagungen durch, um Wissenschaftler*innen sowie Interessierte zusammenzubringen, in diesem Jahr beispielsweise an der Universität Bremen. Außerdem führt er Online-Kolloquien für Fachkolleg*innen und den wissenschaftlichen Nachwuchs durch und betreibt einen namenkundlichen Blog mit aktuellen onomastischen Themen, Ankündigungen und Veröffentlichungen. Zum anderen trägt er die Finanzierung der Namenkundlichen Informationen (NI).
UB Leipzig: Ihre Zeitschrift erscheint bereits seit 1964 – eine beeindruckende Geschichte! Was ist aus Ihrer Sicht das Erfolgsgeheimnis dafür, dass sie sich über so viele Jahrzehnte behaupten konnte?

Foto: NI-Redaktion

Foto: NI-Redaktion

Hrsg.: Namenforschung war in Leipzig lange Zeit universitär verortet. Die Zeitschrift wurde demzufolge von Ernst Eichler und Hans Walther im Rahmen der Leipziger Namenforschung 1964 begründet, zunächst in Form von Einzelheften. Auch nach Aufgabe der onomastischen Professur im Jahr 2008 blieben die NI weiterhin ein wichtiges Forum für onomastische Beiträge und auch Zeugnis für die Vitalität der Namenforschung. Wichtig war dabei immer das internationale Netzwerk der Namenforschenden, das sich unter anderem auch an der Mehrsprachigkeit der Zeitschrift zeigt.
Das Erfolgsrezept sind die stets aktuellen onomastischen Themen, die sowohl für Wissenschaftler*innen als auch interessierte Laien spannend sind. Die Qualität der Zeitschriftenbeiträge ist im Besonderen durch das Peer-Review-Verfahren und die engmaschige redaktionelle Bearbeitung durch das Herausgeber*innenteam gegeben.
UB Leipzig: Sie haben die Zeitschrift vor längerer Zeit auf Open Access umgestellt. Was waren die Beweggründe für diesen Schritt? Und welche Auswirkungen hatte er auf die Redaktionsarbeit sowie auf die Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Zeitschrift in der Fachwelt?
Hrsg.: Der entscheidende Anlass für die Digitalisierung der NI war der eingeworbene DFG-Beitrag zur Förderung digitaler Zeitschriften, der vor allem seit 2011/12 eine Reihe von Schritten in Richtung Umbau zur Onlinezeitschrift ermöglichte. Der damalige GfN-Vorstand legte damit den Grundstein für dieses neue Kapitel der NI. Besonders wertvoll war das Engagement von Susanne Baudisch (GfN) und der enge Kontakt zur Sächsischen Akademie zu Leipzig und UB Leipzig.
Mit den Partnern wurden zunächst verschiedene Systeme ausprobiert, wobei der Fokus vor allem auf der Bereitstellung von allen damals vorhandenen Ausgabeformaten lag. Man könnte sagen, der Lernprozess der Herausgeber*innen der NI verlief parallel zur technischen Entwicklung digitaler Zeitschriften generell. Parallel lag der Fokus besonders auf der Digitalisierung und Retrodigitalisierung der älteren Jahrgänge der NI, was in verschiedenen Schritten gelang. Inzwischen sind alle Bände der NI ab dem Jahrgang 95/96 (2009) online als durchsuchbare PDF-Dokumente verfügbar. Zudem wurden die älteren Jahrgänge 15 (1969) bis 93/94 (2008) retrodigitalisiert und sind als Bilddigitalisate ebenfalls durchsuchbar. Damit bieten die NI in ihrer digitalen Form barrierefrei den Zugang zu sechs Jahrzehnten onomastischer Forschung!
Mit der Umstellung auf OJS
änderte sich die
Redaktionsarbeit grundlegend.
Aus parallel geführter Einzelarbeit
ist eine tatsächliche
Teamarbeit entstanden.
Spätestens mit der Umstellung auf die Open-Source-Redaktionssoftware OJS änderte sich die Redaktionsarbeit grundlegend. Zuvor fand diese nur auf Basis von direkten Absprachen, fest vergebenen Tätigkeitsbereichen und dem Mailverkehr zwischen Einzelpersonen statt; ein durchgängiger Gesamtüberblick war jedoch nur eingeschränkt gegeben. Die OJS-Plattform macht neu sämtliche eingereichten Beiträge für das gesamte Redaktionsteam einsehbar und ermöglicht eine transparente Nachverfolgung der jeweiligen Bearbeitungsschritte. Aus parallel geführter Einzelarbeit ist auf diese Weise eine tatsächliche Teamarbeit entstanden, die zudem eine gezielte Delegation von Aufgaben an einzelne Redaktionsmitglieder erlaubt.
Neue Beiträge für die Zeitschrift können direkt über die Homepage eingereicht und über das System verwaltet werden: von der Einreichung über die Begutachtung bis hin zur Manuskripterstellung und späteren digitalen Publikation. Zudem sind die Beiträge nachhaltig über das Bibliothekssystem gesichert und frei verfügbar. Das Archiv der NI ist durchsuchbar und ermöglicht den freien Zugriff für Forschende und Interessierte. Über die in OJS abrufbaren Zugriffsdaten können wir seitdem einen deutlichen Anstieg der Nutzung der digitalen NI verzeichnen.
UB Leipzig: Wie akquirieren Sie neue Beiträge und organisieren den Begutachtungsprozess? Arbeiten Sie mit regelmäßigen Calls for Papers oder entstehen Ausgaben auch im Zusammenhang mit Tagungen?
Hrsg.: Aufgrund ihres langjährigen Bestehens sind die NI eine etablierte Fachzeitschrift mit hohem (auch internationalem) Bekanntheitsgrad im Bereich der onomastischen Forschung, die gerade wegen ihrer digitalen Entwicklung ein sehr attraktives Publikationsorgan darstellt. Viele Einreichungen erhalten wir entsprechend ohne eigenes Zutun. Darüber hinaus bemühen wir uns aber, regelmäßig auf Tagungen auf das Publikationsangebot in den NI hinzuweisen. Mit der Aufnahme ins DOAJ werden wir auch die Veröffentlichung von Calls for Papers verstärken.
Zwar stellen die NI als Journal ein offenes Publikationsforum dar, in dem in der Regel keine thematisch gebundenen Tagungs- oder Sammelbände erscheinen. Dennoch werden uns mitunter Tagungsbeiträge, gerade von den eigenen Tagungen der GfN für die Publikation in den NI angeboten – wenn es z. B. darum geht, dass der Beitrag möglichst rasch und mit Peer-Review erscheinen soll, was bei Tagungsbänden nicht immer möglich ist. Die NI stellen gerade dadurch eine interessante Publikationsmöglichkeit für Nachwuchsforschende dar.
Die Aufnahme oder Ablehnung
jedes einzelnen Beitrags
wird in der Herausgeberschaft
intensiv diskutiert.
Insgesamt durchlaufen
alle Beiträge mindestens
zwei Begutachtungsrunden
Die Aufnahme oder Ablehnung jedes einzelnen Beitrags wird in der Herausgeberschaft intensiv diskutiert. Nach einer ersten Begutachtung durch die herausgebende Redaktion folgt das Peer-Review. Entscheidend ist dabei in jedem Fall die fachliche Expertise der gutachtenden Person für das jeweilige Thema. Die NI hat einen aus Fachwissenschaftler*innen verschiedener onomastisch relevanter Forschungsbereiche bestehenden wissenschaftlichen Beirat, der die Herausgeberschaft in dieser Frage unterstützt. Insgesamt durchlaufen alle Beiträge also mindestens zwei Begutachtungsrunden, womit die fachliche Qualität der in den NI erscheinenden Beiträge in besonderem Maß gegeben ist. Wir freuen uns daher besonders über die Rückmeldung der Beitragenden, dass die Qualität der Gutachten einen großen Mehrwert für die einreichenden Autor*innen habe.
UB Leipzig: Im Juli 2026 wurden die Namenkundlichen Informationen in das Directory of Open Access Journals aufgenommen – ein wichtiges Qualitätssiegel für Open-Access-Zeitschriften. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie?
Hrsg.: Wir sind sehr stolz auf diese Auszeichnung, die unsere Zeitschrift durch die Aufnahme ins DOAJ erhalten hat. Durch das DOAJ-Siegel hoffen wir auch, den Kreis der einreichenden Autor*innen zu erweitern und weiter zu internationalisieren. Da die Aufnahme der Zeitschrift auch für Qualifizierungsstellen wichtig ist, steigt für die einzelnen Wissenschaftler*innen der Anreiz, Beiträge bei den NI einzureichen.
UB Leipzig: Wenn Sie auf diesen Prozess zurückblicken: Was war die größte Herausforderung und wie haben Sie sie gemeistert?
Die Aufnahmekriterien
für das DOAJ
sind nicht einfach zu erfüllen.
Da mit einer Ablehnung
eine mehrmonatige Sperrfrist
für eine Wiedereinreichung
einhergeht,
waren ein langer Atem und
viel Geduld erforderlich.
Hrsg.: Die Aufnahmekriterien für das DOAJ sind nicht ganz einfach zu erfüllen: Zwar sind die Bedingungen auf der Website strukturiert aufgelistet, die exakte Erfüllung dieser Kriterien war aber doch eine Herausforderung. Da mit einer Ablehnung (auch aus rein formalen Gründen) eine Sperrfrist von einem halben Jahr für eine Wiedereinreichung einhergeht, waren ein langer Atem und viel Geduld erforderlich. Wir wurden jedoch am Ende gut durch das DOAJ-Team unterstützt. Daneben hatten wir fortlaufend eine sehr gute Betreuung durch das Open-Access-Team der UB Leipzig, was entscheidend zu diesem Erfolg beigetragen hat!
UB Leipzig: Welche Erfahrungen aus Ihrer Redaktionsarbeit würden Sie anderen Herausgeber*innen mit auf den Weg geben? Gibt es ein gutes Erfolgsrezept?
Im Hinblick auf die digitale Zeitschrift
sind stetiges Lernen und
Offenheit gegenüber
technischen Veränderungen
erforderlich.
Hrsg.: Redaktionsarbeit ist keine einsame Arbeit. Vielmehr braucht es eine gute Konzeptionsarbeit, ein motiviertes Team, eine gute Kommunikation mit Fokus auf die gemeinsamen Ziele. Nur so entsteht unserer Erfahrung nach ein qualitativ hochwertiges Journal. Gerade im Hinblick auf die digitale Zeitschrift sind auch stetiges Lernen und Offenheit gegenüber technischen Veränderungen erforderlich.
UB Leipzig: Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die Zukunft Ihrer Zeitschrift?

Hrsg.: Wir wünschen uns, dass die Zeitschrift mit ihren Beitragenden wächst und den hohen Standard beibehalten bzw. ihn noch ausbauen kann. Wir sind weiter auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Beiträgen und neuen Autor*innen. Zugleich merken wir, dass unsere Leserschaft durch das OA-Angebot stetig wächst, und wir wünschen uns, so die lange Geschichte der Namenkundlichen Informationen für die Fachkolleg*innen und eine interessierte Öffentlichkeit noch zugänglicher zu machen und noch mehr Menschen für die Onomastik zu begeistern.
UB Leipzig: Wir sind begeistert von dieser Initiative und wünschen den Namenkundlichen Informationen weiterhin viel Erfolg und positive Resonanz in der Wissenschaftswelt. Herzlichen Dank für das Gespräch!
Die quelloffenen Software OJS ermöglicht die integrierte Verwaltung und Veröffentlichung von elektronischen Zeitschriften für alle redaktionellen Arbeitsschritte vom Einreichen über mehrstufige Begutachtungsverfahren bis zur Veröffentlichung der Beiträge.
Das Open Science Office der UB Leipzig begleitet die Herausgebenden auf dem Weg zur OA-Zeitschrift. Wir übernehmen das Hosting der E-Journal-Software OJS und unterstützen bei deren Einrichtung und Konfiguration, sichern die Langzeitarchivierung der Zeitschrift und bieten zahlreiche administrative und bibliothekarische Services sowie Beratungs- und Schulungsangebote, um die Sichtbarkeit der Publikationen durch Indexierung in fachlich relevanten Datenbanken und Verzeichnissen zu steigern.
Sprechen Sie uns an, wir beraten Sie gern!




