Von Märtyrern und Jenseitsreisenden

Die Wiederentdeckung einer koptischen Klosterbibliothek unter den Papyri der Universitätsbibliothek Leipzig

Neue Funde bei Ausgrabungen erregen oft große Aufmerksamkeit und sind unter Geschichtsinteressierten in aller Munde. Doch man muss für spektakuläre Entdeckungen nicht zwangsläufig ferne Länder bereisen oder sich die Finger schmutzig machen. In den Magazinen von Museen und Sammlungen in aller Welt harren Objekte seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung – und darunter können sich wahre Schätze verstecken. So auch in der Universitätsbibliothek Leipzig:

Papyrologist at work: Der Projektbearbeiter Vincent Walter bei der ersten Sichtung der Leipziger K-Tafeln im Oktober 2020.

Von Oktober 2020 bis November 2022 wurden dort im Rahmen des Projekts „Die Erschließung und Digitalisierung koptischer Papyri (sog. K-Tafeln) im Bestand der Papyrus- und Ostrakasammlung der Universitätsbibliothek Leipzig“ (mehr dazu) die letzten noch unbekannten Stücke der Papyrus- und Ostrakasammlung erstmalig systematisch untersucht und für die Forschung erschlossen. Insgesamt wurden mehr als 750 koptische literarische Fragmente – überwiegend auf Papyrus, aber auch auf Pergament und Papier – katalogisiert. Und was dabei zutage gefördert wurde, kann man guten Gewissens als einen kleinen Schatz bezeichnen. Es scheint sich dabei nämlich um die Überreste der Bibliothek eines christlichen Klosters in Ägypten zu handeln.

Koptisch: Die antike Sprache der ägyptischen Christen

Doch was ist das überhaupt: Koptisch? Beim Koptischen handelt es sich um die letzte Stufe der altägyptischen Sprache. Diese spezielle Sprachform entstand ungefähr im 3. Jahrhundert n. Chr., als das Ägyptische mithilfe des griechischen Alphabets neu verschriftlicht wurde. Bei koptischen Texten findet man also keine Hieroglyphen mehr, die man landläufig mit der ägyptischen Sprache verbindet, sondern eine Alphabetschrift, die dem Griechischen ähnelt. Etwa zur gleichen Zeit wurde Ägypten christianisiert, es handelt sich beim Koptischen also um die Sprache des christlichen Ägypten.

Verwendung in der
Liturgie der koptischen Kirche


Das Koptische blieb bis ins 14. Jahrhundert produktiv im Gebrauch und findet in begrenztem Maße auch heute noch Verwendung in der Liturgie der koptischen Kirche. Ab etwa dem 10. Jahrhundert wurde es aber mehr und mehr vom Arabischen verdrängt, während große Teile der ägyptischen Gesellschaft nach und nach zum Islam übertraten.

Schon bald nach der Entstehung des Koptischen bildeten sich verschiedene distinktive Literaturdialekte heraus. Die meisten dieser Dialekte blieben jedoch nur für ein- bis zweihundert Jahre in Gebrauch. Lediglich drei sind über die gesamte „Lebenszeit“ des Koptischen bezeugt: das Sahidische, das ursprünglich aus Oberägypten stammt, aber schnell zur überregional typischen Sprachvarietät wurde, das Bohairische, das die Sprache des Nildeltas war und im zweiten nachchristlichen Jahrtausend das Sahidische als überregionalen „Standarddialekt“ ersetzte, und das Fajjumische, das in der etwa 100 km südlich von Kairo gelegenen Fajjumoase beheimatet war.

Die fajjumische Literatur ist berüchtigt für ihre fragmentarische Überlieferung – so auch in der Leipziger Sammlung. Hier entstehen aus fünf verschiedenen Fragmenten die Umrisse eines einzelnen Doppelblattes (P.Lips. inv. 3857).

Die sahidische und die bohairische Literatur sind gut bekannt, da für diese Dialekte große Klosterbibliotheken mit vielen relativ vollständigen Manuskripten überlebt haben. Über die Literatur im fajjumischen Dialekt weiß man hingegen noch verhältnismäßig wenig, da von fajjumischen literarischen Handschriften meist nur Bruchstücke die Jahrhunderte überdauert haben. Selten ist mehr als eine Seite am Stück erhalten geblieben, in den meisten Fällen handelt es sich um deutlich kleinere Fragmente, die nur wenige Quadratzentimeter messen. Und aus diesem Grund ist das neu erschlossene koptische Material der Leipziger Papyrussammlung von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Denn ein Großteil der Papyrusfragmente entstammen fajjumischen literarischen Handschriften. Somit werden die koptischen Texte der Leipziger Sammlung unser Verständnis dieses nur bruchstückhaft überlieferten Dialekts und seiner Literatur zweifellos verbessern können.

Neben dem fajjumischen Dialekt ist jedoch auch der sahidische Dialekt im Leipziger K-Tafel-Material vertreten. Die Pergament- und Papierfragmente sind sämtlich sahidisch, genau wie etwa 15 % der Papyrusfragmente. Dies muss allerdings nicht bedeuten, dass hier Stücke aus verschiedenen Quellen vermischt worden sind. Denn das Sahidische wurde auch in der Fajjumoase gebraucht.
Eine der wichtigsten sahidischen Quellengruppen stammt aus der Bibliothek des Klosters des Erzengels Michael, das nahe dem modernen Dorf al-Hamuli im Fajjum gelegen war. Dort fanden ägyptische Bauern im Jahr 1910 etwa 50 Pergamentkodizes, von denen viele nahezu vollständig erhalten sind – zum Teil sogar noch in ihren Originaleinbänden. Heute befinden sich die meisten dieser Handschriften, die ins 9. Jahrhundert datiert werden können, in der Sammlung der Pierpont Morgan Library in New York. Die sahidischen Fragmente der Leipziger Sammlung weisen fast ausnahmslos sprachliche Besonderheiten auf, die für eine Herkunft aus dem Fajjum sprechen. Dies unterstützt die These einer gemeinsamen Quelle des gesamten Konvoluts.


Die Leipziger K-Tafeln: Aus einer Klosterbibliothek über eine Buchbinderwerkstatt in die Papyrussammlung?

Betrachtet man die mehr als 700 Leipziger Papyrusfragmente näher, fällt auf, dass diese nicht etwa die Überreste einiger weniger antiker Bücher darstellen. Stattdessen können anhand der Paläographie – also der Analyse des Schriftstils – mindestens 60 verschiedene Kodizes rekonstruiert werden, von denen jeweils nur wenige Fragmente erhalten geblieben sind. Man muss sich daher fragen, wie es zu einer solchen Zusammenstellung gekommen sein kann. Einen Hinweis könnten einige Stücke liefern, die nicht zerrissen oder auseinandergebrochen sind, sondern anscheinend absichtlich zerschnitten wurden. Vielleicht stammen die Leipziger Fragmente aus einer Buchbinderwerkstatt, in der ausgesonderte Papyruskodizes zu Buchdeckeln für neue Handschriften verarbeitet wurden. Denn zur Herstellung derartiger Buchdeckel wurden im christlichen Ägypten Papyrusfragmente zu einer Art Pappe verklebt.

Die Buchdeckel für die Einbände koptischer Kodizes wurden aus miteinander verklebten Papyrusfragmenten hergestellt. Bei diesem Beispiel aus dem Leipziger K-Tafel-Konvolut lassen sich noch Reste eines fajjumischen literarischen Textes erkennen (P.Lips. inv. 3490).

bemerkenswerte Kohärenz

Was ihren Inhalt (und auch ihre Datierung) angeht, sind die Leipziger Fragmente von bemerkenswerter Kohärenz. Die Papyrusfragmente, die etwa ins 7. bis 8. Jahrhundert zu datieren sind, lassen sich anhand von Textgattungen in zwei Gruppen aufteilen, die mit ihrer dialektalen Verteilung übereinstimmen. Unter den sahidischen Papyrusfragmenten finden sich neben Bibeltexten hauptsächlich homiletische Texte – also antike Predigten. Besonders bedeutend sind unter den Sahidica einige Fragmente mit Versen aus dem alttestamentlichen Buch Daniel, die bisher im sahidischen Dialekt nicht überliefert waren.

Unter den fajjumischen Fragmenten fehlen Bibeltexte hingegen völlig – mit Ausnahme eines Blattes aus einem Lektionar, also einer Handschrift mit Bibelpassagen zum liturgischen Gebrauch im Gottesdienst. Stattdessen handelt es sich bei den fajjumischen Papyrusfragmenten häufig um Bruchstücke apokrypher Erzählungen, die Ereignisse aus der Bibel ausschmücken oder neues Material zu biblischen Persönlichkeiten liefern. So findet man in Leipzig fajjumische Fragmente aus der Visio Pauli – einem Text, der eine Jenseitsreise des Apostels Paulus beschreibt und der in seiner lateinischen Version großen Einfluss auf die Entstehung von Dantes Göttlicher Komödie hatte – oder Bruchstücke aus dem apokryphen Leben Adams und Evas, für dessen koptische Version(en) man bisher überhaupt nur zwei Fragmente kannte.

Wisenschaftliche Aufarbeitung und konservatorische Behandlung gehen Hand in Hand: Im Rahmen des Projekts wurden und werden die Papyri in der Restaurierungswerkstatt der UB Leipzig mit modernsten Materialien neu verglast, damit sie auch die nächsten Jahrhunderte unbeschadet überstehen.

Abschließend seien hier noch die Fragmente einer Pergamenthandschrift genannt, die ins 9. oder 10. Jahrhundert zu datieren ist und die Märtyrergeschichte eines bisher unbekannten Heiligen namens Apa Prau enthält. Diese Handschrift, von der in Leipzig Teile von mindestens 17 Pergamentblättern vorhanden sind, zeigt die Merkmale der Pergamenthandschriften aus dem Skriptorium von Toutôn (dem antiken Tebtynis), wie sie sich auch unter den Kodizes aus dem oben genannten Michaelskloster von al-Hamuli finden. Damit kann man also zumindest den Entstehungsort eines Leipziger Manuskripts relativ sicher verorten. Bedenkt man die Theorie einer Buchbinderwerkstatt als Herkunftsort der Leipziger Fragmente, erschiene Toutôn auch als Fundort des gesamten Konvoluts denkbar. Es bedarf jedoch noch weiterer Forschung, um diesen Vorschlag zu veri- oder falsifizieren.

Ich hoffe dieser kleine Einblick konnte zeigen, was für ein Schatz sich noch im Bestand der Papyrus- und Ostrakasammlung der UB Leipzig befindet. Alle koptologisch Interessierten werden in den kommenden Jahren sicher noch einiges über die Leipziger Fragmente hören (bzw. lesen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert