#BibTour. Sportwissenschaft

Bücher tragen Bücher

Von „der Hühnerstiege“ ist uns vor dem Besuch der Bibliothek Sportwissenschaft schon in leuchtenden Farben berichtet worden. Trotz der mentalen Vorbereitung wird es einer Kollegin dann doch beim Erklimmen dieser engen Wendeltreppe mit den unterschiedlich hohen Treppenstufen schwummrig zumute. Wir sind an diesem schönen Frühlingstag auf dem Campus Jahnallee gelandet, dem in den kommenden Jahren Großes bevorsteht.

BibTour: SportwissenschaftDoch zunächst wagen wir einen Blick zurück: Der sportwissenschaftliche Campus wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ganz nach den Maßstäben der Stadienarchitektur erbaut, und seine Bibliothek als Bibliothek konzipiert. Im Eingangsbereich – die frühere Bücherausgabe – empfängt uns der Anblick von lebenserfahrenen Sofas, die auf eine Initiative des FSR Sport erworben wurden und gern einmal für einen kurzen Powernap zwischen Sporthalle und Sportbibliothek genutzt werden. Frühere Zettelkataloge haben im PVC-Boden ihre Spuren hinterlassen, pflanzliches Grün findet sich überall und die großen Fensterfronten eröffnen den Blick auf die baumgesäumte Jahnallee und Arena. Im Sommer kann es hier durchaus wärmer werden. Es gibt zwar keine Gruppenarbeitsräume und auch die Garderoben sind nicht günstig gelegen, doch das Team um Leiterin Christine Czech und Fachreferent Silvio Reisinger macht aktuell das Beste daraus und weiß das besondere Flair dieses Ortes zu schätzen.

Nach einem kurzen Rundgang durch die lichtdurchfluteten, hohen Lesesäle kämpfen wir uns schließlich die berüchtigte Treppe nach oben, wo die Magazinregale als Stahlträger des Bibliotheksturms dienen. Hier findet sich ein historisch einmaliger Bestand – Arbeitersportzeitschriften, die bis in die Weimarer Republik zurückreichen, reihen sich ebenso neben unzähligen Bücher aus der Sowjetunion und Bulgarien ein, wie auch verblichene VHS-Kassetten zur Cellulite-Bekämpfung. Was manche vielleicht überraschen mag: der historische Bestand reicht auch weit über die Grenzen des sozialistischen Lagers hinaus. Dank reger Tauschbeziehungen mit der Schweiz und dem westdeutschen Pendant in Köln, konnte die Zentralbibliothek der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) – die Kaderschmiede für den Leistungssport der DDR – auch fleißig internationale Bestände sammeln.

  • Blick in den großen Lesesaal
  • Eingangsbereich
  • Historische Theke aus den 50ern
  • Kleiner Lesesaal mit Zeitschriften

Vom Trainingslager zum Olympiagold

Auch die andauernde, sogenannte Retrokatalogisierung birgt faszinierende Entdeckungen. Von 90.000 Bänden sind aktuell 50.000 im UBL-Katalog erfasst und es finden sich Skurrilitäten, wie eine alte Olympia-Broschüre aus Niederländisch-Indonesien, in welcher sich der vielleicht schon in Vergessenheit geratene Verband vorstellt.

Eifrige Forscherinnen und Forscher holen manche dieser Schätze aus dem Dornröschenschlaf. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek Sportwissenschaft sind da die Statistiker bekannt, die Ergebnisse der zahlreichen Ligen der Weimarer Republik auswerten und daraus beeindruckend dicke Werke produzieren. Der Allgemeinheit bekannte Gesichter sind dann und wann ebenso zu entdecken: Matthias Sammer sei mal durchgeschlendert, die inzwischen erfolgreichen Alumni gäben sich die Ehre und auch mal Studierende, die gerade Olympia-Gold gewonnen hätten.

Gelegentlich erreicht das Bibliotheksteam auch eine Meldung aus dem Trainingslager. Man könne die Bücher nicht zurückgeben, man sei gerade in Spanien. Ob man verlängern könne. „Und was machen Sie da?“ – „Da sind wir kulant. Für den Medaillenspiegel. Das sehen wir dann nicht so verbissen.“, wird uns augenzwinkernd berichtet.

Auf eine der Etagen findet sich auch eine beeindruckende Sammlung aller Diplomarbeiten und Dissertationen aus den 50ern bis 2012. Hier gäbe es regelmäßig Anfragen und ein Digitalisierungsprojekt sei angedacht.

Um Literatur aus aller Welt zugänglich zu machen, leistete sich die DHfK ein eigenes vierköpfiges Übersetzerteam samt etlicher Honorarkräfte. Hier wurde auf Anfrage hochfrequent aus allen Sprachen übersetzt, getippt und gebunden. Leider hat das papierne Material den Zahn der Zeit nicht überstanden. Ganz anders da der antike Lastenaufzug, genormt für die gelben Postkisten, der die Bücher aufgrund der bestehenden Sturzgefahr durch den Bibliotheksturm transportiert. Auf Herz und Nieren soll er beim Rolling Stones-Konzert in den 90er Jahren getestet worden sein, so zumindest die Legende. Bis nach oben hätte er Schaulustige transportiert, die aufs Dach gelangen wollten, wo die Arena gut einsehbar sei. (Von einer Nachahmung sei natürlich dringend abgeraten!)

Die Bagger sind schon da

Seitdem die Erziehungswissenschaft 2015 vom Standort Karl-Heine-Straße mit auf den Campus Jahnallee gezogen ist, komme es durchaus zu einem „verstärkten Nutzerdruck“, so der stellvertretende Leiter der Bibliothek, Martin Kümmerling. Die Auslastung habe sich vervielfacht, auch weil sich ein Teil des Bestandes überschneide. Herr Kümmerling verweist auf die unterschiedlichen Nutzerbedürfnisse, denen mit Kompromissen entgegengekommen wird. Kompromisse, die künftig nicht mehr notwendig sein sollen.

Denn seit April 2016 sind sie da: die Bagger in der Marschnerstraße, wo bis angedacht 2020 der größte bildungswissenschaftliche Campus in Sachsen mit u.a. eigenem Forschungskindergarten entstehen soll. Bereits 2018 soll der Neubau eingeweiht werden, der für die fortan gemeinsame Bibliothek für Sportwissenschaft und Erziehungswissenschaft konzipiert ist.

BibTour: Sportwissenschaft

Statt der aktuell 48 soll es dann über 250 gut ausgestattete Arbeitsplätze geben. Ein Lichthof im ersten Obergeschoss wird für die passende Ausleuchtung sorgen, womit die positiven Seiten des historischen Turmbaus übernommen werden.

Herr Kümmerling und Herr Reisinger blicken natürlich etwas wehmütig auf den bevorstehenden Umzug, doch auch sie sind sich sicher: „Für unsere Benutzerinnen und Benutzer ist es eine absolute Verbesserung. Was die Menge der Arbeitsplätze angeht, die Bedingungen, das Mobiliar…“ Auch die momentane „Zerrissenheit der Räume“, mit der Theke oben und den Büros unten wäre dann abgeschafft. Der Lichthof, ein Eltern-Kind-Raum, alles in Freihand und somit nicht im Magazin aufgestellt – all dies verspricht einen hohen Service für Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und vielleicht künftige Medaillengewinnerinnen und -gewinner.

Text und Fotos: Caroline Bergter

1 Kommentar

  1. Klaus   •  

    #Eingangsbereich: solch gruseligen und ossigen Couchen gibt es tatsächlich noch???!! Das ist doch nicht euer ernst?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.