Bei den Papyri in die Lehre gehen

Der Unterricht fällt aus

Es hatte mit so schönem Schwung begonnen. Im Dezember 2019 fand in der Universitätsbibliothek Leipzig ein viertägiger Workshop zur Papyrusrestaurierung statt. Es war nicht der erste, den der Leiter der Restaurierungswerkstatt Jörg Graf, Spezialist für konservatorische Fragen rund um Papyrus als Schreibmaterial aus dem Alten Ägypten, in seiner Werkstatt veranstaltet hatte. Aber es war der erste, dessen Durchführung durch ein KEK-Modellprojekt gefördert war: Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern konnte ein neu beschafftes Werkzeugset für die konservatorische Behandlung von Papyrus zur Verfügung gestellt werden. Außerdem wurden die Fahrt- und Übernachtungskosten aus den Projektmitteln refinanziert.

Teilnehmende des Papyrus-Workshops 2019. (UB Leipzig)

„Bei den Papyri in die Lehre gehen. Workshops und Papyrustreffen als Teil präventiver Konservierung an der Papyrus- und Ostrakasammlung der Universitätsbibliothek Leipzig“ hieß das Projekt. Die sechsköpfige „Schulklasse“ vom Dezember 2019 hätte man sich bunter nicht wünschen können: Teilnehmende aus verschiedenen europäischen Ländern mit ganz unterschiedlich ausgeprägten Vorkenntnissen in der Papyrologie. Insgesamt wurden 19 Tafeln mit Papyrus- und fünf Tafeln mit Pergamentfragmenten erläutert oder konservatorisch behandelt und neu verglast.

Laut Antrag hatte es eine Fortsetzung, ja eine Steigerung geben sollen. Für Juni 2020 war ein internationales Meeting zu Fragen der Papyrusrestaurierung geplant. Im Dezember 2020 hätte ein weiterer Workshop stattfinden sollen. Die Gelder dafür standen dank der Mittel des zweijährigen bewilligten KEK-Modellprojekts bereit. Dann kam Corona, dann kam alles anders.

Nicht alle Projekte funktionieren auch digital

Beide Veranstaltungen mussten abgesagt bzw. ins Folgejahr verschoben werden. Die Formate waren ganz unterschiedlich konzipiert: Beim zweitägigen Meeting als internationale Tagung unter Beteiligung der Fachcommunity sollten ca. 20 verschiedene Restaurierungsprojekte und Themen in Vorträgen präsentiert und anschließend Fragen der Papyrusrestaurierung diskutiert werden, ein Besuch der Restaurierungswerkstatt eingeschlossen. Beim Workshop am Ende des Jahres dann sollten die Lernenden in der Restaurierungswerkstatt an Originalen arbeiten, sich über ihre Erfahrungen austauschen und Papyrustafeln selbst neu verglasen. Dabei hätten die aus dem Meeting im Sommer gewonnenen konservatorischen Erkenntnisse einfließen können und den Workshop weiter qualifiziert.

Jörg Graf leitet die Restaurierungswerkstatt an der UB Leipzig. (Foto: Jörg F. Müller)

Beiden Formaten war gemeinsam, dass sie sich ganz klar nicht in den virtuellen Raum verlegen ließen. Ohne den Besuch der Restaurierungswerkstatt und ohne die Diskussion von Restaurierungsfragen an realen Papyri wären weder das Meeting noch der Workshop erfolgreich gewesen. Die Hoffnung, die bewilligten Mittel auf andere Weise für die Papyrus- und Ostrakasammlung der Universitätsbibliothek Leipzig fruchtbar machen zu können, zerschlug sich leider. Zu eng gesteckt war der Rahmen durch die didaktische Ausrichtung des Projekts „… in die Lehre gehen“. Die bewilligten Projektmittel für das zweite Förderjahr 2020 wurden zurückgegeben.

Not macht erfinderisch 

Dass das mit so viel Verve konzipierte KEK-Modellprojekt unvollendet bleiben musste, war natürlich enttäuschend: sowohl für die KEK, der durch das Zuwendungsrecht die Hände gebunden waren, als auch für die Universitätsbibliothek Leipzig. Dennoch blieb man in Leipzig nicht untätig. In einem weiteren Projekt aus Mitteln der Landesstelle für Bestandserhaltung an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) wurden im Corona-Jahr die großformatigen Tafeln des 3.600 Jahre alten Papyrus Ebers in säurefreien, vom Zentrum für Bucherhaltung (ZFB) maßgefertigten Mappen schutzverpackt. Und im Herbst begannen, gefördert durch ein zweijähriges DFG-Projekt, die Arbeiten an der Erschließung von ca. 700 koptischen Papyrus- und Pergamentfragmenten, den sogenannten K-Tafeln. Workshop und Meeting werden auf jeden Fall nachgeholt, auch wenn die Finanzierung bis dato offen ist.

Teaserbild: Jörg F. Müller
Der Beitrag wurde zuerst im Januar 2021 auf dem Portal der KEK (Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts) veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.