„Tanzt! Tanzt! Sonst sind wir verloren!“

Der Tanz gehört zu den ältesten Künsten der Menschheit und ist, insbesondere wenn man an den modernen Tanz und sein Quellenmaterial denkt, noch erstaunlich wenig wissenschaftlich erschlossen. Aus diesem Grund baten wir den Leiter der Sondersammlungen, Prof. Thomas Fuchs, vom legendären Tanzarchiv zu berichten, das in der Universitätsbibliothek aufbewahrt wird und nun teilweise erschlossen ist.

1. Zum Aufbau und Bestand des Tanzarchivs bis 1990

Gegründet wurde das Tanzarchiv 1957 als Deutsches Volkstanzarchiv des Instituts für Volkskunstforschung am Zentralhaus für Volkskunst in Leipzig. Geleitet wurde das Volkstanzarchiv seit seiner Gründung von Dr. Kurt Petermann. Im Zusammenhang mit einer Umstrukturierung des Zentralhauses für Volkskunst wurde das Institut für Volkskunstforschung 1962 geschlossen.

Dem Zentralhaus für Volkskunst wurde als neues großes Aufgabengebiet die Kulturarbeit zugewiesen, insbesondere durch Lehrgänge, Publikationen, Veranstaltungsorganisation etc. für Volkstanz und andere Formen kultureller Praxis. Dazu kam die Vermittlung wissenschaftlicher Grundlagen für die Ausbildung von Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen in Kooperation mit der Abteilung Tanz am Zentralhaus. Es firmierte deshalb seit 1962 als Zentralhaus für Kulturarbeit. Petermann baute das vormalige Deutsche Volkstanzarchiv zum Tanzarchiv Leipzig aus, das nun als Dokumentationsstelle zu „allen Gebieten des Tanzes“ betrieben wurde. Seit 1966 erschien die mehrere Bände umfassende Tanzbibliographie, die Petermann herausgab.

Petermann in Ungarn, um 1973

Im Zusammenhang mit der Tanzbibliographie begann Petermann mit einem weiteren Großprojekt, das bestimmend für die Arbeit und den Bestandsaufbau des Tanzarchivs werden sollte. Petermann plante ein umfassendes Lexikon für alle Facetten des Tanzes. Zu diesem Zweck wurden ältere Lexika, Handbücher und sonstige Literatur kopiert, nach Einzeleinträgen zerschnitten und jeder Beitrag auf einen Bogen eingeklebt. Alle dadurch gesammelten Informationen sollten in neu verfassten Artikeln verarbeitet werden. Insgesamt sind rund 50.000 solche Blätter und eine noch nicht ausgezählte Anzahl von neu verfassten Artikeln vorhanden.

Die Absicherung dieses Großprojekts erreichte Petermann durch die Übernahme des Tanzarchivs als Außenstelle der Akademie der Künste der DDR 1975. Um das Lexikonprojekt herum baute Petermann eine entsprechende Bestandsstruktur auf:

Programmheft 4451
Programmheft 4451
  • Thesaurus Tanz: das Lexikonprojekt des Tanzarchivs.
  • Verschiedene Register für den Thesaurus Tanz (bis 1984).
  • Tanz-Ikonographie: zur Bebilderung des Thesaurus Tanz wurde eine mehr als 10.000 Fotos umfassende Bilddokumentation aufgebaut.
  • Literaturnachweis: die schon erwähnte Tanzbibliographie (bis 1990 weitergeführt).
  • Manuskriptsammlung: eine Sammlung von Musikhandschriften des 18.–20. Jahrhunderts.
  • Eine Sammlung von Programmheften von Tanzbühnen, geordnet nach Städten und Institutionen (rund 16.000 Stück).
  • Diskothek mit ca. 4.000 Schallplatten sowie ca. 5.000 Tonbändern.
  • Filmarchiv mit rund 500 Rollfilmen (u. a. Volkstanz, Unterricht an der Palucca-Schule, Tanzwettbewerbe) sowie 4.000 Mikrofilme mit Reproduktionen historischer Drucke.
  • Weitere Sammlungen: Postkarten, Ballkarten, Plakate.
  • Unbearbeitete Bestandssegmente verschiedener Provenienzen: Akten des Zentralhauses für Kulturarbeit, Nachlässe, Schriftleitung Wandervogel, Volksliednoten, Unterlagen verschiedener Tanzgruppen und der Fachschule für Tanz bzw. Ballettschule Leipzig sowie der ebenfalls in Leipzig ansässigen Theaterhochschule „Hans Otto“.
Tanzschritttafel
Tanzschritttafel

Neben den Sammlungen bildete die Fachbibliothek des Tanzarchivs das zweite Kontingent der Bestandsentwicklung. Bei Übergabe des Tanzarchivs 2011 umfasste die Bibliothek rund 6.300 Monographien und 150 laufende Zeitschriften. Inzwischen ist die Bibliothek des Tanzarchivs in den Buchbestand der Universitätsbibliothek Leipzig eingearbeitet worden.

Zur Dokumentation des Tanzschaffens der DDR wurde eine Zeitungsausschnittsammlung über einen Zeitungsausschnittdienst angelegt, das dritte Segment des Tanzarchiv-Bestandes (ca. 35.000, systematische Sammlung bis 1990).

Rudolf von Laban um 1930
Rudolf von Laban um 1930

Kurt Petermann begann zudem, als vierten Schwerpunktbereich des Tanzarchivs, Nachlässe zu sammeln, etwa als sich ihm 1977 die einmalige Gelegenheit bot, den Nachlass bzw. Teile des Nachlasses von Rudolf von Laban zu erwerben. Neben diesem für die internationale Tanzwissenschaft hochbedeutenden Bestand sind in den 1970er und 80er Jahren weitere Nachlässe und Sammlungen in das Deutsche Tanzarchiv der DDR nach Leipzig gelangt.

1984 verstarb Kurt Petermann überraschend. Sein Tod hinterließ viele Vorhaben in noch unvollendetem Zustand. Sein Lebenswerk, der Aufbau des Tanzarchivs als „Dokumentations- und Informationsstelle für alle Gebiete des Tanzes“, wurde jedoch bis zum Ende der DDR unter Aufsicht der Akademie der Künste weitergeführt.

2. Das Tanzarchiv 1990–2011

Mit der Abwicklung der Akademie der Künste der DDR 1993 durch Fusion mit der Akademie der Künste Berlin (West) gingen die Bestände der Außenstellen der Akademie in das Eigentum der neuen Bundesländer über, in denen das jeweilige Institut seinen Sitz hatte. Das Tanzarchiv Leipzig war somit ab 1993 Eigentum des Freistaates Sachsen und wurde in die Trägerschaft eines Vereins (Tanzarchiv Leipzig e. V.) übergeben.

3. Das Tanzarchiv seit 2011 und das DFG-Projekt zur Erschließung der Nachlässe

„In Anerkennung der kulturellen und wissenschaftlichen Bedeutung des Tanzarchivs Leipzig“ übergab das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst 2011 die Bestände des Tanzarchivs an die Universität Leipzig zur Aufbewahrung an der Universitätsbibliothek. Hier wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Bestandsgruppen in die entsprechenden Nachweisinstrumente eingearbeitet (Plakate, Sammelmappen, Fotos, Postkarten, Bibliothek, kleinere Nachlässe, Filme). Der Gesamtbestand der Nachlässe ist so umfangreich, dass sie nur mit Hilfe eines Drittmittelprojekts bearbeitet werden können. 2019 begann die Erschließung der Nachlässe des Tanzarchivs in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt. Bis Ende 2021 sollen 47.000 Dokumente in den Verbundkatalog Kalliope katalogisiert werden. Derzeit sind schon 60 Prozent des Projektbestandes in Kalliope recherchierbar: http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de

  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 20
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 25
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 39
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 48
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 100
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 143
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 290
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 335
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 611
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 645
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 653
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 768
  • Tanzarchiv Leipzig, PLK 862

Folgende Nachlässe werden in dem Projekt katalogisiert:

Dorothea Anger (1910–2000), Tanzpädagogin
Studium der Pädagogik für Sport, Mathematik und Physik; Tanzunterricht bei Mary Wigman; 1934–1945 Sportassistentin an der TH Dresden; 1951 Leiterin der Tanzgruppe des Vermessungsdienstes; 1956-1976 künstlerische Leiterin des Tanzensembles des Zentralen FDJ – Studentenklubs der TU Dresden; 1975–1992 des „Geselligen Tanzkreises“ in Dresden; seit 1957 arbeitete Anger in der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Laienbühnentanz der DDR (ZAG) mit.

Ingeborg Baier-Fraenger (1926–1994), Tanzschriftlehrerin
Nach einem Tanzstudium in Berlin ermöglichte ihr das Ministerium für Kultur der DDR einen dreimonatigen Aufenthalt an der Folkwangschule Essen. Dort wurde die Tanzschrift (Kinetographie) nach Rudolf von Laban gelehrt, mit der sie sich intensiv beschäftigte. Bis 1964 war sie als Tanzschriftlehrerin in Berlin tätig.

Fritz Böhme (1881–1952), Tanzpublizist und Kulturjournalist
1902–1913 Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Pädagogik an der Universität Berlin; 1916 Feuilletonleiter der „Deutschen Warschauer Zeitung“; 1919 Feuilleton-Redakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“. Hier konnte Böhme die seriöse kunstkritische Betrachtung des Bühnentanzes endgültig etablieren. Aufgrund eines mehrjährigen Schreibverbots bis zu seiner Entnazifizierung 1949 war er in der Ausübung seiner bisherigen beruflichen Tätigkeiten stark eingeschränkt. In den letzten Lebensjahren unterrichtete er Tanzgeschichte an der privaten Tanzschule von Marianne Vogelsang und an der Staatlichen Ballettschule in Berlin.

Herbert Burchard (1908–1999), Ingenieur und Volkstanzforscher
Der Nachlass umfasst Notizen und Korrespondenzen aus dem Gebiet des Volkstanzes von 1920 bis in die 1990er Jahre. Der studierte Elektroingenieur hatte sich zeitlebens als engagierter Laie dem Volkstanz und der Volkstanzforschung verschrieben.

Jenny Gertz (1891–1958), Tanzpädagogin
Der Nachlass beinhaltet Unterlagen von Gertz‘ Ausbildungszeit bei Rudolf von Laban vom Beginn der 1920er Jahre, ihre beruflichen Stationen in Halle (1927–1933), die Emigration in die Tschechoslowakei (1933–1939) und nach England (1939–1947) sowie Rückkehr und Tätigkeit in Halle (1947 bis 1960er Jahre). Auch ihre in der DDR umstrittene tanzpädagogische Arbeit spiegelt sich in den Materialien wider.

Rudolf von Laban (1879–1958) Tänzer, Choreograf und Tanztheoretiker
Der Nachlass deckt die ersten drei Jahrzehnte in Labans beruflichem Leben ab. Er spiegelt in Manuskripten, Berichten, Notizen, Korrespondenzen, Entwürfen, Bühnen- und Kostümzeichnungen sowie Skizzen zur Entwicklung der Notation (Tanzschrift) Labans künstlerisch-wissenschaftliches Wirken wider.

Ilse Loesch (1909–2006), Tänzerin, Tanzpädagogin und Tanzwissenschaftlerin
Nach einer Ausbildung am „Choreografischen Institut“ von Rudolf von Laban zur Pädagogin der Bewegungskunst und Tanzschrift arbeitete Ilse Loesch Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre u.a. in den „Berliner Bewegungschören Laban“, beim Kunstverein in Libau (Lettland), in der Laban-Tanzgruppe von Annemarie Dunkel und Edgar Frank in Berlin und an den Bewegungschören von Jenny Gertz in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Loesch als Lehrerin für Bewegungsstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik und am Deutschen Theaterinstitut in Weimar tätig.

Herbert Oetke (1904–1999), Volksliedforscher
Der Nachlass Oetke ist ein umfangreiches Konvolut aus Notizen, Recherchen, Materialzusammenstellungen und Manuskripten zu seinem zweibändigen Werk „Der deutsche Volkstanz“, das er gemeinsam mit Kurt Petermann (Musik/Notenteil) 1982 im Berliner Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft herausgab.

Kurt Petermann (1930–1984), Leiter des Tanzarchivs Leipzig
Der Nachlass Kurt Petermanns ist mit der Geschichte des Tanzarchivs aufs engste verflochten. Die Korrespondenzen dokumentieren die verwaltungstechnischen und inhaltlichen Arbeiten im Tanzarchiv sowie die Recherchen zu den Publikationen des Tanzarchivs. Im Manuskriptteil des Nachlasses finden sich Petermanns Unterlagen als Lehrbeauftragter im Fach Tanzgeschichte an der Leipziger Fachschule für Tanz sowie Vorträge, Berichte und Entwürfe zu Aufbau und Inhalt einer Tanzwissenschaft in der DDR. Besonders interessant sind die im Nachlass befindlichen Materialien zu seinen Feldforschungsreisen (1972, 1976) in Sachen deutscher Volkstanz nach Ungarn (vor allem in ländliche deutsche Enklaven). Die Vorbereitung und Durchführung von Ballettwettbewerben (DDR, Varna, Moskau) sind in Texten, Fotos und Filmen dokumentiert.

Eberhard Rebling (1911–2008), Pianist, Musik- und Tanzwissenschaftler
1952–1959 Chefredakteur der Zeitung „Musik und Gesellschaft“, ab 1957 Co-Chefredakteur der Musikzeitschrift „Melodie und Rhythmus“; 1959 Professor und Rektor der Hochschule für Musik in Berlin; 1963 Mitglied der Volkskammer und des Forschungsrats für musikalische Berufsausbildung beim Ministerium für Kultur.

Fred Traguth (1933–2014), Tänzer, Tanzpädagoge und Choreograf
Nach erstem Unterricht im klassischen Tanz besuchte Fred Traguth die Palucca-Schule in Dresden, bevor er 1952 ein Tanzstudium an der Folkwangschule bei Kurt Jooss aufnahm und dieses in New York an der Martha Graham School fortsetzte. Er unterrichtete am Ballettstudio der Universität Bonn und gründete 1973 die „Internationale Tanzwerkstatt Bonn“. Bekannt wurde er durch seine Publikation „Modern Jazz Dance“ von 1983.

Neben den Nachlässen werden im Projekt auch archivalische Bestände bearbeitet:

Sammelmappen/Fachschule für Tanz
Nach 1990 wurde im Tanzarchiv die Bestandsgruppe „Sammelmappen“ gebildet. Dabei handelt es sich um einen Miszellenbestand, der im Kern aus Unterlagen der Fachschule Tanz und der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig besteht.

Schriftleitung der Zeitschrift „Wandervogel“
Ungeordnet sind Unterlagen der Schriftleitung der Zeitschrift „Wandervogel“ (vor 1914). Der Bestand besteht vor allem aus der Korrespondenz der Schriftleitung. Wann und unter welchen Umständen die Unterlagen in das Tanzarchiv gelangten, ist unbekannt.

Unbearbeitetes archivalisches Material verschiedener Provenienzen
Unbearbeitete Archiv- und Nachlassbestände sollen geordnet, inventarisiert und in die jeweiligen Bestände eingearbeitet werden.

Volkskunstensemble DDR I und II
Die Archive des ehemals „Staatlichen Gesangs- und Tanzensembles der DDR“ (1951–1952), umbenannt in „Staatliches Volkskunst-Ensemble der DDR“ (1952–1962) und ab 1963–1990 unter dem Namen „Staatliches Tanzensemble der DDR“, gelangten nach 1990 in das Tanzarchiv. Das Konvolut besteht überwiegend aus Unterlagen und Materialien zur künstlerisch-inhaltlichen Ausrichtung und Dokumentation der Arbeit des Ensembles. Das Aufführungsprogramm bestand aus Bühnentanzfolklore von nationalen und internationalen Volkstänzen.

Neben der Katalogisierung der Nachlässe in Kalliope soll als zweites Projektziel der Nachlass von Rudolf von Laban digitalisiert und über die Präsentationsplattform der Universitätsbibliothek im Internet präsentiert werden. Der Nachlass von Labans ist der bedeutendste Nachlass des Tanzarchivs und von herausragender Bedeutung für die Tanzwissenschaft.

PS: Der Titel des Beitrages ist ein Zitat von Pina Bausch.

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