Musikwissenschaft zu Hause

Wie die ganze Universität Leipzig, so startet auch das Institut für Musikwissenschaft diese Woche in ein Sommersemester der etwas anderen Art: vollkommen digital und vorerst ohne Präsenzlehre. „Meine Seminare werden vorrangig über Moodle laufen“, berichtet Gilbert Stöck, der am Institut unter anderem Grundlagenkurse zu Notationskunde und Editionspraxis anbietet. „Gerade bereite ich Powerpoint-Präsentationen mit begleitender Tonspur vor. Die können sich Studierende anschauen, wann sie wollen. Für andere Lernsituationen, wo wir den gleichzeitigen Austausch brauchen, werden wir Chat- und Konferenztools nutzen.“

Zwei fakultative Seminare musste das Institut in spätere Semester verschieben, alle anderen Veranstaltungen finden statt. Außerdem ruht das praktische Musizieren mit balinesischen Gamelan-Instrumenten – eine Besonderheit im hiesigen Lehrangebot –, so lange Kontaktbeschränkungen gelten. Die Literaturversorgung sieht Stöck für seine eigenen Kurse nicht gefährdet, komme man doch gerade im Bachelorstudium mit den einschlägigen Nachschlagewerken und Zeitschriften in den elektronisch vorliegenden Formen schon relativ weit.

Zur Zeit im Homeoffice: Musikwissenschaftler Gilbert Stöck

Anders ist das in fortgeschrittenen Veranstaltungen, wo ganz bestimmte, aktuellste Texte und Musikausgaben benötigt werden. Wer Musikwissenschaft oder angrenzende Fächer studiert oder hier wissenschaftlich arbeitet, stellt spätestens in diesen Tagen fest: Vieles geht nicht digital. Noch hängen die wichtigen deutschen Fachverlage – oder sind es die Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftler selbst? – sehr am bedruckten Papier. So ist von den musikwissenschaftlichen Büchern aus dem Verlag Georg Olms nur ein Bruchteil als E-Book verfügbar. Wichtige Briefeditionen, etwa von Robert und Clara Schumann im Verlag Dohr oder von Felix Mendelssohn Bartholdy im Bärenreiter-Verlag sind ausschließlich gedruckt zu lesen. Für die meisten historisch-kritischen Musikeditionen gilt das Gleiche: Die Neue Bach-Ausgabe bei Bärenreiter, die Neue Beethoven-Gesamtausgabe bei Henle – alles Denkmäler aus Papier, die jetzt hinter verschlossenen Bibliothekstüren stehen. Dass es auch anders geht, zeigt die Digitale Mozartedition, wo man sämtliche Bände der Neuen Mozart-Ausgabe online studieren kann. Die wichtigste deutschsprachige Fachzeitschrift Die Musikforschung gibt es zwar auf JSTOR – aber nicht die Artikel des aktuellen Jahrgangs und der drei Jahre davor (man nennt das eine „Moving Wall“).

Die Erfahrung, was fehlt, wenn der physische Zugang zu Büchern und Noten nicht möglich ist, könnte zweierlei Konsequenzen haben; mittelfristige und kurzfristige. Mittelfristig könnte man sich fragen, ob der musikwissenschaftlichen Publikationskultur nicht mehr Digitalität guttäte. Das klassische Geschäftsmodell der geisteswissenschaftlichen Verlage und Musikverlage besteht darin, dass Autorinnen, Autoren oder Förderorganisationen Druckkostenzuschüsse zahlen, Bibliotheken die Produkte kaufen und am Ende die Bücher in einigen Bibliotheken stehen. Zu prüfen wäre, ob dieses Modell noch den Anforderungen des Faches gerecht wird oder nicht zumindest durch andere, elektronische Publikationswege flankiert werden sollte. Aber diese Diskussion braucht Zeit und sie müsste von den Forschenden selbst geführt werden. Bibliotheken können hier nur unterstützen.

Kurzfristig kann man die Zeit der geschlossenen Bibliotheken und Archive nutzen um zu schauen, welche digitalen Ressourcen der Musikwissenschaft jetzt schon zur Verfügung stehen und was bereits gut von zu Hause aus funktioniert. Deshalb folgt hier eine subjektive und garantiert unvollständige Auswahl aus den zahlreichen digitalen Angeboten für Studium, Forschung und Lehre in der Musikwissenschaft. Es sind Quellen und Werkzeuge, die bei wissenschaftlicher Heimarbeit und Distanzlehrveranstaltungen helfen können, die aber auch unabhängig davon interessant sind.

Open Access: Ohne Nutzungsschranken und auf Dauer angelegt

Diese wissenschaftlichen Inhalte sind im Internet frei verfügbar und für alle Nutzerinnen und Nutzer kostenlos. Finanziert werden sie in der Regel von Autorinnen und Autoren, Forschungsförderern, Fachgesellschaften und Bibliotheken.

  • RISM (Répertoire International des Sources Musicales) ist das internationale Quellenlexikon der Musik. Es ist in den wesentlichen Teilen frei verfügbar und verlinkt mitunter auch Digitalisate von Musikhandschriften und älteren Drucken.
  • Eine internationale Liste von Open-Access-Zeitschriften im Fach Musikwissenschaft pflegt die Universitätsbibliothek Michigan (USA).
  • Musiconn ist das Portal des Fachinformationsdienstes Musikwissenschaft. Bei dem Open-Access-Publikationsdienst musiconn.publish finden Sie eine wachsende Zahl frei zugänglicher Onlinequellen wie zum Beispiel das Schütz-Jahrbuch oder das Bach-Jahrbuch (beide mit einer Moving Wall von fünf Jahren). Die gerade veröffentlichte Datenbank musiconn.performance erlaubt die Recherche nach musikalischen Aufführungen und den dazugehörigen Quellen wie Programmzetteln (sogenannte Music Performance Ephemera) – quer über zahlreiche Forschungsprojekte hinweg.
  • Bach digital bietet einen zentralen Einstieg in die Bachforschung und vor allem viele Digitalisate von Handschriften und Drucken der Werke von Johann Sebastian Bach und seinen Söhnen.
  • Einige Bücher aus dem Schott-Verlag sind frei über Schott Campus verfügbar. Dort finden Sie z. B. Kongressberichte der Gesellschaft für Musikforschung von 2015 und 2016. Leider sieht sich der Verlag auch auf mehrmalige Nachfrage von uns nicht in der Lage, geeignete Metadaten zur Verfügung zu stellen, was für seriöse Open-Access-Publikationen eigentlich zum Standard gehört. Deshalb erscheinen diese Publikationen nicht in unserem Katalog.

Restricted Access: Nur für manche nutzbar, auf Dauer angelegt

Diese wissenschaftlichen Inhalte sind nur für diejenigen Nutzerinnen und Nutzer kostenlos, die zu einer bestimmten Organisation oder zu einem eng definierten Nutzer*innenkreis gehören. Die Organisationen zahlen den Anbietern Geld – viel Geld! – dafür, dass ihre Mitglieder die Dienste nutzen dürfen. In den meisten Fällen bekommen Sie als Nutzerin oder Nutzer nur dann Zugriff, wenn Ihre Geräte sich im Campusnetz befinden. Ins Campusnetz der Universität Leipzig kommen Sie, wenn Sie physisch vor Ort sind (was zur Zeit kaum der Fall sein dürfte) oder wenn Sie sich aus der Ferne via VPN einwählen. Von den verschiedenen VPN-Varianten am meisten zu empfehlen ist die Einwahl mit einem VPN-Client – Erklärungen und Downloads bietet das Universitätsrechenzentrum Leipzig hier an.

  • UB-Katalog: Unser Katalog enthält sowohl Open-Access-Quellen, als auch andere digitale Inhalte, die wir für Sie bezahlen. Deshalb ist es sinnvoll, sich per VPN einzuwählen und dann erst zu recherchieren, so wie es Henriette Rösch in diesem Beitrag beschreibt. Online zugänglich sind auf diesem Wege z. B. rund 200.000 Titel aus dem Fachgebiet Musikwissenschaft oder rund 185.000 Notenausgaben.
  • Fachdatenbanken: In unserem Datenbank-Informationssystem – hier die Übersichtsseite Musikwissenschaft mit über 230 für Sie zugänglichen Datenbanken – sind die Angebote mit Symbolen versehen: Grün markierte sind frei im Netz, für die gelb markierten ist eine VPN-Verbindung oder andere Art der Anmeldung notwendig. Besonders hervorzuheben sind das Referenzwerk MGG Online (Die Musik in Geschichte und Gegenwart) sowie Oxford Music Online, wo Sie im New Grove Dictionary of Music and Musicians und anderen Nachschlagewerken recherchieren können.
  • Falls Sie sich bisher nicht als Nutzer*in beim Fachinformationsdienst Musik registriert haben, ist jetzt eine gute Gelegenheit dafür. Das können Sie hier tun. So bekommen Sie Zugriff auf weitere Datenbanken und E-Books, wie zum Beispiel Medici.tv, wo Sie Opern- und Konzertaufführungen streamen können, oder auch die Notenbibliothek Music Online – Classical Scores Library.

Corona Access: Frei für viele, nicht von Dauer

Aus aktuellem Anlass haben einige Anbieter großzügig den Zugriff auf ihre Publikationen erweitert oder ganz freigegeben.

  • Der Verlag Cambridge University Press bietet für Hochschulangehörige (Zugang über VPN) bis Ende Mai 2020 freien Zugriff auf alle Bände der Cambrigde Companions to Music und der Cambridge Histories – Music & Theatre.
  • Bücher und Zeitschriften in der digitalen Bibliothek JSTOR, darunter viele musikrelevante Titel die wir bisher nicht lizenziert hatten, sind bis Ende Juni vollständig zugänglich (ebenfalls nur via VPN).
  • Viele Zeitschriften, die auf Project Muse veröffentlicht werden, sind zur Zeit frei zugänglich. Dort finden Sie z. B. bis Ende Juni die jüngsten Bände der Zeitschrift der International Musicological Society Acta Musicologica (die älteren sind bei JSTOR).

Ergänzungen in Form von Kommentaren zu diesem Beitrag sind herzlich willkommen. Die Angebote werden auch auf der Seite „E-Ressourcen in der Corona-Krise“ gelistet und dort fortwährend ergänzt.

Die Haarlocke der Clara Schumann

Leipzig, UB, Rep. III 15i

Ein außergewöhnlicher Bibliotheksbewohner: Die Locke von Clara Schumann

2019 steht in Leipzig schon das gesamte Jahr ganz im Zeichen der Pianistin und Komponistin Clara Schumann: Unter dem Titel CLARA19 begehen die Stadt und alle Besucher*innen den 200. Geburtstag der in Leipzig geborenen und wirkenden Musikerin.

Auch die Universitätsbibliothek Leipzig beteiligt sich mit einer Lesung aus der Korrespondenz zwischen Clara Schumann und Elisabeth und Heinrich von Herzogenberg an den Festlichkeiten. Als Veranstalterin ist die UB dafür doppelt prädestiniert: Denn sie bewahrt nicht nur verschiedene Briefe und Klavierwerke der Ausnahmekünstlerin auf (Katalog), sondern mit einer eigenen Haarlocke auch ein ganz besonderes persönliches Highlight von ihr.

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Frohe Weihnachten 2018

Ein Auszug aus dem Thomas-Graduale, gesungen vom Leipziger Ensemble Nobiles anlässlich der Einweihung der neuen Hörstation im Foyer der Bibliotheca Albertina.

Das sogenannte Thomas-Graduale ist eine der wenigen liturgischen Handschriften in Ostmitteldeutschland, welche die Reformation überlebt haben – und eine der ältesten. Der Codex enthält als Hauptteil ein Graduale mit den liturgischen Gesängen für die Messfeier und ist nach dem Schriftbefund im 1. Viertel des 14. Jahrhunderts entstanden, wahrscheinlich im oder für das Augustinerchorherrenstift St. Thomas in Leipzig. Es ist damit die früheste vollständige Quelle zum kirchlichen Gesang in Leipzig. Die Handschrift dürfte für den Gebrauch durch den Kantor als Leiter des bis heute fortbestehenden Schulchores an St. Thomas bestimmt gewesen sein, da sie auch eine Reihe wichtiger musiktheoretischer und notationskundlicher Texte enthält. Mit der Kirchenbibliothek von St. Thomas in Leipzig gelangte das Thomas-Graduale 1930 als Depositum der Sächsischen Landeskirche in die Universitätsbibliothek Leipzig.

Rückblick 2018

Auch in diesem Jahr konnten wir wieder abwechslungsreiche Veranstaltungen und Ausstellungen verwirklichen: das Festkolloquium zum 475. Geburtstag der Universitätsbibliothek mit anschließendem Jubiläumsempfang, die große Ausstellung „GELDKULTURERBE. 300 Jahre Münzsammlung der UB Leipzig“ (täglich noch bis 1. Januar 2019) und die Ausrichtung des bundesweit renommierten Kultur-Hackathons „Coding da Vinci“, um nur einige zu nennen.

In diesem Jahr haben wir außerdem unsere Blogreihe „Sieben Fragen an…“ gestartet, die im kommenden Jahr – wie auch „475 Jahre UB Leipzig“ – hier ihre Fortsetzung finden wird.

Die Universitätsbibliothek Leipzig wünscht frohe Weihnachten und einen friedlichen Jahresausklang.

#BibTour: Musik

Die Musikstadt Leipzig hat nicht nur ein Herz, sie hat viele: Neun Orte Leipzigs wurden jüngst als Europäisches Kulturerbe ausgezeichnet, darunter die Musikhochschule, das Mendelssohnhaus und das Gewandhaus mit seinem weltberühmten Orchester. Ein Standort der UBL ist diesen Musikorten besonders nahe – räumlich, historisch und ganz aktuell: die Bibliothek Musik. Weiterlesen →

In dulci iubilo

Wer kennt es nicht, dieses wunderbare, meist zweisprachig gesungene Weihnachtslied?  Was aber kaum einer weiß: die Universitätsbibliothek Leipzig besitzt eine literarische Sammelhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die Text und Melodie und also das älteste schriftliche Zeugnis dieses Liedes überliefert.

Das Äußere der Handschrift deutet darauf hin, dass sie oft benutzt wurde:  Vom Bücherwurm zerfressene Holzdeckel sind umschlossen von grobem Schweinsleder, das ohne Verzierung blieb und eindeutige Gebrauchsspuren aufweist. Das Leder ist fleckig und speckig, an einer Stelle abgerissen, überdies sind die Holzkanten bestoßen. Offensichtlich konnte man einst gar nicht genug davon kriegen, den Band zur Hand zu nehmen und die Lieder daraus zu singen. Neben diesem ist ein ein weiteres Weihnachtslied enthalten: „Josef, liber neve myn“.  Außerdem gibt es noch ein Osterlied, ein Mariengedicht und eine Liebesklage in Form einer Minnerede (!).  Alle Texte sind auf ostmitteldeutsch geschrieben, der Schreibsprache, wie sie für unseren Raum typisch war.

In den Bestand der Universitätsbibliothek gelangte der Band bereits in den 1540er Jahren aus einer der aufgelösten Klösterbibliotheken in der Umgebung. Die Papierhandschrift wird heute in den Sondersammlungen aufbewahrt.

In dulci iubilo… „in süßer Freude“, so beginnt es, dieses alte Kirchenlied für die Weihnachtszeit, dessen Abbildung Sie im Folgenden bewundern können: Weiterlesen →

Bibliothek Musik

Die Bibliothek Musik zog in diesen Tagen aus dem Mendelssohn-Haus an den neuen Standort am Neumarkt 9 in die Innenstadt. Ein Umzug ist schon im privaten Rahmen eine aufregende Sache, sollen aber 30.000 Bücher und ebenso viele Musikalien und Tonträger unterschiedlichster Formate bewegt werden, bleibt schon mal der Schlaf aus. Doch: es ist fast geschafft, auch, wenn einmal der Hausalarm klirrte und noch keiner den rechten Schlüssel zum Deaktivieren hatte und auch, wenn ausgerechnet bei der letzten Fuhre am Abend der Fahrstuhl streikte und alles per Hand in den dritten Stock befördert werden musste…

Wunderschöne Räume erwarten die Nutzer der Bibliothek ab 8.4.2013: Zugang wird über die Universitätsstraße (Höhe historische Pumpe) durch den Durchgang über den Hof sein. Bis dahin muss noch so manches Buch gerückt und so manche Beschriftung angebracht werden…